Berlin : Berlins beste Nachbarn

Wohnungsgenossenschaft „Bremer Höhe“ als Beispiel für die Stadt ausgezeichnet

Stephan Stiller zog aus der Hellersdorfer „Platte“ her, als die Häuser der „Bremer Höhe“ an der Schönhauser Allee noch sehr grau und marode aussahen und viele Wohnungen leer standen. Aber es lockte ihn Prenzlauer Berg. Die Mieter in der Umgebung waren unruhig, fürchteten den Verkauf der städtischen Wohnungen an eine profitsüchtige Firma, unbezahlbare Mieten nach Luxusmodernisierung, auch den Abriss einiger Häuser. Stiller bereute fast schon den Umzug.

Es kam anders. Mieter protestierten gegen den geplanten Verkauf, gründeten die Wohnungsgenossenschaft „Bremer Höhe“, erwarben mit öffentlicher Hilfe 49 alte Miethäuser. Sie begannen in Eigenregie die denkmalgerechte „ökologische Modernisierung“, legten 120 Wohnungen zusammen, um Platz für Familien zu schaffen und gestalteten Innenhöfe und Gemeinschaftsräume für alle Generationen. Rund 25 Millionen Euro wurden investiert. Gestern erhielt die Wohnungsbaugenossenschaft den Titel „Beste Nachbarschaft Berlins“ und einen Scheck über 1000 Euro. Sie ist Landessiegerin des Wettbewerbs „Netzwerk Nachbarschaft“, den die BHW-Bausparkasse der Postbank bundesweit ausgelobt hat.

Um den Titel „Beste Nachbarn“ bewerben sich rund 200 Initiativen, Anfang 2008 wird der Bundessieger gekürt. Als Gratulanten und Nachbarn der weiteren Umgebung waren auch Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) zur Bremer Höhe gekommen. Die Senatorin, selbst Bremerin, wusste bis dahin gar nicht, wie die Gegend an der Gneiststraße zu ihrem Namen kam. Das 1913 fertiggestellte Viertel mit Backsteinbauten war einst mit bremischem Handelskapital gebaut worden.

Was die Genossenschaft in den letzten fünf, sechs Jahren geleistet hat, kann nach Knake-Werners Ansicht als Vorbild für Berlin gelten: Barbara Koenig, Andreas Kapphan, Tino Kotte – auch Stephan Stiller – bekamen stellvertretend für alle Genossenschaftler viel Lob: Für nachbarschaftliches Miteinander, das den Zusammenhalt der Gesellschaft stärkt, die Wohn- und Lebensqualität steigert, zum Mitentscheiden motiviert und die lebendige Demokratie fördert. Die Senatorin sprach von einem „Vorbild für die Zukunftsplanung unserer Stadt“. Auch habe die Genossenschaft dazu beigetragen, bezahlbare Mieten zu sichern und damit für „stabile Strukturen“ zu sorgen, gerade in Prenzlauer Berg, wo es eine enorme Verdrängung der angestammten Bevölkerung gebe.

Die Besucher informierten sich über die schönen, familienfreundlichen Höfe der 470 Wohnungen, über die Gemeinschaftseinrichtungen, den wöchentlichen „Kaffeeklatsch.“ Sie hörten von der regelmäßigen Tauschbörse und der dafür erfundenen Währung „Bremer“. Die Leute wohnen gern hier, einige leben im Kiez schon seit über 70 Jahren.

Stiller lebt mit seiner Frau seit 1998 hier, fühlt sich wohl. Der selbständige Glas- und Gebäudereiniger kann sich keinen anderen Wohnort mehr vorstellen. „Hier ist alles bezahlbar, ich fühle mich rundum wohl.“ Die anfänglichen Sorgen – vergessen. Den Umzug aus Hellersdorf hat er nicht bereut. C. v. L.

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