Berlin : Berlins oberster Kommunikator

Klaus Wowereit zeigt den Werbeprofis, dass er das Handwerk der Öffentlichkeitsarbeit beherrscht. Ein Ortstermin

Marc Neller

Alles ist klar und licht hier oben, im 21. Stock des Bahntowers am Potsdamer Platz. Die Sonne scheint. Die Wände zur Gebäudemitte hin sind makellos weiß, bilderlos. Hinter den großen Glasfassaden erscheint Berlin perfekt geordnet. Unruhe herrscht nur auf den Straßen, auf denen es von Autos und Bussen wimmelt. Aber das fällt kaum auf, die Autos sind winzig. Selbst der Reichstag mit seiner Glaskuppel wirkt, als könne man ihn in einer Aktentasche mit nach Hause nehmen.

Von hier aus besehen ist die Hauptstadt wie ein Aldi-Markt: übersichtlich und beherrschbar, billiger als die Konkurrenz ist Berlin ohnehin. „So günstige Büromieten wie hier haben Sie in keiner anderen deutschen Großstadt. Nicht in Düsseldorf, nicht in Hamburg und schon gar nicht in München“, sagt ein Mann im dunkelbraunen Anzug, der es wissen sollte. Er ist Berlins Regierender Bürgermeister.

Klaus Wowereit spricht auf einem Treffen der Gesellschaft Public Relations Agenturen (GPRA). Der Verband der Berater und Öffentlichkeitsarbeiter in Deutschland hat zwischen einer Preisverleihung und einer wichtigen Versammlung seine Mitglieder zum Frühstück geladen. Wowereits Zuhörer tragen dunkle Kostüme oder Anzüge, schwarz oder anthrazit, mit und ohne Nadelstreifen. Zugegeben, sie entsprechen nicht dem Klischeebild einer Discounter-Kundschaft. Was aber nicht heißt, dass PR-Menschen nicht für Preis-Argumente empfänglich sind.

Auch wegen der billigeren Mieten erwägt die GPRA, die Werbe- und PR-Metropole Frankfurt zu verlassen und nach Berlin umzuziehen. Sie will ihre Mitgliederversammlung am Nachmittag darüber entscheiden lassen. Also wirbt Wowereit vor den Damen und Herren Kommunikatoren für Berlin. „Berlin ist arm, aber sexy“, sagt er gleich zu Beginn. Er deutet mit dem ausgestreckten linken Arm durch die Glasfassade, der Zeigefinger fixiert einen imaginären Punkt in der Nähe des Lehrter Bahnhofs. „Hier oben sieht man die kleinen Malaisen nicht.“ Malaisen klingen luftiger, eleganter als: Schulden, hohe Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsprobleme. PR oder Kommunikation betreiben heißt auch, dass man sich nicht zu lange bei den negativen Dingen aufhält. Think positive.

EU-Erweiterung, mangelnde Unterstützung für Reformen, die Chancen eines Neubeginns: Der Regierende spricht mit dem Einsatz seines ganzen Körpers. Wowereit tastet sich zum Kern seiner Botschaft vor. Nach dem Krieg hätten etliche Firmen Berlin verlassen. „Düsseldorf wäre heute nicht die Modestadt, München nicht die Filmstadt und Hamburg oder Köln wären nicht die Medienstädte, hätte es den Krieg nicht gegeben.“ Also, es gibt nur eine Hauptstadt, eine für alles, nämlich Berlin. So einfach wäre das, eigentlich. Jährlich ziehen 800 Menschen mehr von Hamburg nach Berlin als umgekehrt. Berlin gewinnt demnach junge, gut Ausgebildete, die in einem Medienberuf arbeiten, in einer Werbe- oder PR-Agentur. Die Statistik scheint Klaus Wowereit zu beflügeln. „Unsere Konkurrenz ist nicht Hamburg oder München. Unsere Konkurrenz ist Paris, London und New York.“ Die Worte klingen noch nach, da zählt Wowereit geschwind auf, wo „derzeit und künftig noch umstrukturiert wird“, das heißt: Stellen gestrichen werden. In weniger als dreißig Sekunden ist Berlin 30000 Arbeitsplätze los.

Das sei schlimm, sagt der Regierende Bürgermeister. „Aber die Stadt hat gute Chancen im Tourismus- und im Dienstleistungsbereich. Es kommen immer mehr gute Arbeitskräfte, Berlin ist Deutschlands attraktivster Standort.“ Kurze Pause. Dann die unverschlüsselte Botschaft an die PR-Profis. „Kreative“, Wowereits Stimme hebt sich, „finden in Berlin die Metropolensituation, die sie für ihre Kreativität brauchen. Wer Kapital hat, sollte heute in Berlin investieren.“ Wieder kurze Pause, dann das Finale. „Es gibt hier ein paar Büroflächen.“ Noch einmal durchstößt Wowereit mit einem Fingerzeig die Glasfront. Er unterstützt seine Pointe mit einem Lächeln. Die verharmlosend-ironische Umschreibung für Leerstand erzielt die gewünschte Wirkung. Wowereit erntet herzhafte Lacher. Das ist das schöne an dem Termin mit den PR-Menschen. Redete er hier vor der Opposition, würden Sie nicht mit ihm lachen, höhnisch höchstens. Hier, dem Himmel so nah, gibt es keine Widerredner, nur ihn. Die Manager oder Direktoren loben Wowereit. „Er hat Berlin sehr gut verkauft“, sagt Michael T. Schröder. Seine Agentur sitzt in Berlin. Michael Martell sagt, sein Herz hänge an Frankfurt. „Aber was für Berlin spricht, ist, dass man von den Entscheidern in der Politik ganz anders wahrgenommen wird.“ Ein Dritter hofft, „dass Wowereit nicht nur beim Frühstück so dynamisch ist. Dann muss es ja aufwärts gehen mit Berlin.“

Nur, umsonst das Lob. Am Nachmittag beschließt die GPRA mit knapper Mehrheit, dass sie in Frankfurt bleibt. „Vorerst jedenfalls“, sagt Axel Wallrabenstein, einer der Präsidenten. Ende des Jahres wolle man noch einmal über den Umzug beraten. Bis dahin bleibt Wowereit das rote Megafon, das Wallrabenstein ihm überreicht hat. „Damit können Sie sich Gehör verschaffen.“ Etwa, wenn wieder wer auf den Malaisen rumreitet.

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