Berlins Sozialatlas : Rot-Rot entdeckt die Familienpolitik

Der Berliner Senat reagiert auf die wachsenden sozialen Probleme der Stadt. Ein Beirat soll Impulse geben und Lösungen erarbeiten.

Sabine Beikler

Armes Berlin: Die Kinderarmut steigt, die Problemkieze wachsen, und die sozialen Gegensätze werden schärfer. Die Stadt ist zwischen wohlhabenden und sozial verelendenden Stadtteilen gespalten. Viele Familien ziehen aus armen Gegenden weg, wenn sie es sich leisten können. Jetzt reagiert die rot-rote Landespolitik auf diese dramatischen Entwicklungen: Am Montag wurde der bereits 1994 gegründete, aber weitgehend unbekannte Familienbeirat neu konstituiert. In dem ehrenamtlichen Gremium unter Vorsitz des früheren Staatssekretärs im Bundesfamilienministerium, Peter Ruhenstroth-Bauer (SPD), arbeiten Experten, Politiker sowie Vertreter aus der Wirtschaft und Migrantenverbände. Mit dieser Neuorganisation will SPD-Jugend- und Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) „den vielfältigen familienpolitischen Herausforderungen besser gerecht“ werden. Die SPD-Fraktion will über Sozialpolitik auf ihrer nächsten Klausurtagung im Januar debattieren.

  In Berlin gibt es immer weniger Familien mit Kindern: Derzeit sind es 441 000, rund 75 000 weniger als noch Mitte der Neunzigerjahre. Dagegen stieg die Zahl der Alleinerziehenden von knapp 174 000 im Jahr 1995 auf knapp 206 000. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Hartz-IV-Haushalten leben, ist mittlerweile auf 178 000 gestiegen. Im kürzlich vorgestellten Sozialatlas ist die dramatische Entwicklung abzulesen. So gibt es zum Beispiel in Wedding die meisten armen Kinder: In 65,8 Prozent aller Haushalte leben Kinder unter 15 Jahren, die von Hartz IV oder Sozialhilfe leben.

 „Die soziale Herkunft entscheidet über die Zukunft der Kinder. Deshalb brauchen wir Programme, um vor allem Familien in bildungsfernen Schichten zu erreichen. Das traditionelle Bildungssystem geht immer noch von gut funktionierenden Familienstrukturen aus, die es so aber nicht mehr gibt“, sagte der Autor und Publizist Warnfried Dettling, der bis 1991 als Ministerialdirektor im damals CDU-geführten Bundesfamilienministerium arbeitete und im Familienbeirat als Sachverständiger gehört wird.

Auch die Opposition begrüßt die Initiative. Für die soziale Stabilität in Stadtteilen sei auch entscheidend, „wie wir sozial benachteiligte Familien mit Migrationshintergrund erreichen“, sagte Grünen-Familienpolitikerin Elfi Jantzen. Projekte wie zum Beispiel der Besuch von so- genannten „Stadtteilmüttern“ in ausländischen Familien in Neukölln müssten ausgebaut werden. Auch die Arbeit der Familienberatungsstellen müsste besser vernetzt werden, forderte FDP-Familienpolitikerin Mieke Senftleben. Auf der nächsten Sitzung des Familienbeirats im Februar sollen erste Analysen vorliegen. „Wir wollen die Politik beraten und ihr Impulse geben“, sagte der Vorsitzende Ruhenstroth-Bauer. Der Beirat erhält ab 2008 einen Jahresetat von 300 000 Euro.

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