Berlin : Berlins stille Reserven

Sieben Spaziergänge, die den Herbst in der Stadt zum Erlebnis machen

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Es ist Herbst, wir sehen das Wetter mit anderen Augen: warm einpacken und raus spazieren! Bunte Blätter gucken, durch Nebelschleier waten. Auch mal Regen aushalten und die schönen Flecken genießen. Wo die sind? ChristineFelice Röhrs hat Berliner gefragt, die es von Berufs wegen wissen müssen; das AP-Foto wurde im Botanischen Garten aufgenommen.

China sehen

Henrike Wilke, Chefgärtnerin in den Warmhäusern des Botanischen Gartens: Wenn ich mich an der frischen Luft durchpusten lassen will, dann gehe ich im Marzahner Park spazieren, im chinesischen Garten. Der ist fast drei Hektar groß, und er beruhigt die Seele mit seiner Komposition von Steingärten, Brücken, Wasserflächen und Bambusgehölzen. Zu dieser Jahreszeit färben sich die Acer Palmatum, feingliedrige, rotlaubige Ahornbäume, und es sieht schön aus, wenn sie sich im Wasser spiegeln. Nach dem nächsten Spaziergang möchte ich mir auch den Teepavillon ansehen. „Berghaus zum Osmanthussaft“ heißt er, dort gibt es 30 verschiedene Tees zum Aufwärmen. (Teezeremonie bei Frau Yali Yu: 0179/39 45 564) Wer keine Lust hat, durch die Kälte zu laufen, der kann auch meinen Arbeitsplatz besuchen, die sieben Warmhäuser im Botanischen Garten. Dort gibt es zum Beispiel ein Haus nur für Begonien, andere nur für Orchideen oder Farne. Und überall ist es mindestens 20 Grad warm.

Flüsschen folgen

Torsten Hauschild, Vorsitzender des Naturschutzbundes (NABU) Berlin: Die Wochenenden nutze ich oft für Spaziergänge am Tegeler Fließ in Hermsdorf. Da wohne ich. Das Tegeler Fließ ist eines der wenigen noch naturnahen, unverbauten Gewässer in der Stadt. Manchmal laufe ich am Wasser entlang sogar bis nach Lübars, Berlins Vorzeigedorf, das ist ein hübscher Endpunkt für einen Kaffee. Eineinhalb Stunden muss man schon rechnen für eine Strecke, aber dafür gibt es unterschiedliche Landschaften zu sehen. Bei Hermsdorf Schilf- und Moorgebiete, Richtung Tegel dann herbstlich bunte Auwälder und vor Lübars weite Wiesen. Vom NABU gibt es zum Spaziergang übrigens eine Broschüre samt Wegekarte. („Natur erleben am Tegeler Fließ“ für zwei Euro bei NABU Berlin, Hauptstraße 13, 13055 Berlin, Tel. 98 64 107)

Von Zügen träumen

Peter Strieder, Senator für Umwelt: Für Herbstspaziergänge habe ich nicht viel Zeit, deshalb kann ich nicht weit fahren, sondern bleibe in der Stadt. Meist in Kreuzberg, dort, wo der Görlitzer Park beginnt. Da gibt es eine still gelegte Eisenbahnbrücke, an der entlang sich eine grüne Schneise von West nach Ost zieht. Auf dem alten Bahndamm wandere ich dann bis zum Treptower Park.

Schlösser gucken

Gunnar Cardinal von Widdern, Leiter der Berliner Wasserschutzpolizei: Am liebsten laufe ich am Wasser. So hat sich über die Jahre diese Potsdamer Route entwickelt: Ich parke an der Waldmüllerstraße; dort gibt es ein rustikales Restaurant, wo man nach dem Spaziergang mit Blick aufs Wasser essen kann. Dann gehe ich links am Teltowkanal, dann am Griebnitzsee entlang und genieße den Blick auf Schloss Babelsberg gegenüber. Die kleine Brücke an der Lankestraße führt hinein in den Schlosspark. Dort gibt es am Wasser viel zu sehen: eine alte Pumpstation und die Gerichtsklause, die mal vor dem Roten Rathaus stand, den Flatowturm und ein hübsches Café. Ein bisschen Nebel macht gar nichts, das verstärkt die nostalgische Wirkung der schönen alten Mauern.

Elfen entdecken

Hendrik Gottfriedsen, Chef der Landschaftsarchitekten von Grün Berlin: Ich fahre zum Spazierengehen gerne in den Naturpark Schöneberg Südgelände. Jawohl, ein Naturpark mitten in der Stadt – und zwar auf einem alten Rangierbahnhof, der 1840 aufgegeben worden ist. Schon als Student habe ich mich heimlich da reingeschlichen, in die wuchernde Wildnis. Jetzt ist da ein öffentlicher Park, eine Symbiose von Natur, Technik und Kultur. Über 18 Hektar zieht sich das Gelände, die Spazierwege sind etwa drei Kilometer lang. Sie führen durch dschungelartige Areale, über alte Schienen, an Lokomotiv-Hallen vorbei. In einer haben sich Künstler etabliert, die ihre metallenen Objekte aufgestellt haben. Durch das Naturschutzgebiet führt ein kilometerlanger eiserner Steg, und es gibt einen Aussichtspunkt auf die Stadt. Zurzeit erobert das rote Weinlaub die Überreste der menschlichen Besiedlung, und hätt’ ich mehr Phantasie, dann hätt’ ich vielleicht schon Elfen entdeckt. Der Weg: mit der S-Bahn bis Priesterweg und durch die Unterführung.

Wildschweine treffen

Elmar Lakenberg, Herr über die Berliner Forsten: Ich habe lange am Rande des Spandauer Forstes gewohnt, und gehe dort immer noch gerne spazieren. Jetzt fahre ich meist mit dem 145er Bus zum Johannesstift und laufe dann hinter der Revierförsterei auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Wald. Mit Kindern macht der Weg besonders Spaß, denn über viele Kilometer führt er durch ein ausgedehntes Wildschaugebiet. Wildschweine haben dort ihre Gehege und Rothirsche und Rehe. Gerade jetzt im Herbst, wo die Belaubung dünner wird, sind die Tiere schnell zu entdecken. Am besten gefällt mir, dass im Spandauer Forst, anders als im Grunewald, sehr wenig Menschen unterwegs sind. Hier ist es noch still im Wald.

Tempel finden

Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung preußische Schlösser und Gärten: Vor kurzem bin ich mit einem Gartendirektor durch den Rheinsberger Schlosspark marschiert. Das war zwar Arbeit, aber trotzdem schön, und deshalb kann ich es Spaziergängern, die frische Luft mit Kultur verbinden wollen, sehr empfehlen. In Rheinsberg gibt es bis zum 27. Oktober noch die Ausstellung „Prinz Heinrich von Preußen. Ein Europäer in Rheinsberg“. Heinrich hatte in Rheinsberg, genauer auf dem Boberow, einer Halbinsel, auch einen wunderbaren Landschaftsgarten angelegt. Den hat sich zwar mittlerweile zur Hälfte der Wald zurückerobert, aber auch das ist Teil der Ausstellung. Die Besucher bekommen einen Plan und können so im Laubwald nach den Resten der Tempel und Alleen forschen. Noch ein Tipp: Nicht über die Autobahn nach Rheinsberg fahren, sondern über Kremmen. Ist viel schöner.

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