Berlin : Berlins Zukunft ist international

Ein Viertel der Bevölkerung hat ausländische Wurzeln – Tendenz steigend Die meisten Einwanderer leben in Mitte, die wenigsten in Treptow-Köpenick

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Knapp die Hälfte aller Einwohner mit Migrationshintergrund in Berlin sind inzwischen deutsche Staatsbürger. „Deswegen sind Statistiken, die sich vor allem an der Staatsangehörigkeit orientieren, für die Integrationspolitik nicht mehr besonders aussagekräftig“, sagte Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening, als er gemeinsam der Präsidentin des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, Ulrike Rockmann, am Mittwoch einen umfangreichen Bericht zur Einwohnerentwicklung vorstellte. Rund 872 000 Menschen mit Migrationshintergrund leben derzeit in der Stadt, vor vier Jahren waren es 30 000 weniger. Der Anteil der Einwanderer an der Bevölkerung beträgt 25,7 Prozent. Damit befindet sich Berlin unter den deutschen Großstädten aber im unteren Drittel: In Frankfurt/Main liegt der Migrantenanteil über 40 Prozent, in Stuttgart bei rund 38 Prozent und in Köln bei 33 Prozent. Einen Migrationshintergrund hat, wer keinen deutschen Pass hat, eingewandert ist oder dessen Eltern nach Deutschland eingewandert sind.

In Berlin gibt es große Unterschiede zwischen West und Ost sowie den einzelnen Bezirken: Spitzenreiter sind Mitte (44,8 Prozent), Neukölln (39,5 Prozent) und Friedrichshain-Kreuzberg (35,9 Prozent), den geringsten Migrantenanteil haben Treptow-Köpenick (7,4 Prozent), Marzahn-Hellersdorf (10,9 Prozent) und Pankow (11,7 Prozent). Hier zeige sich noch die frühere Teilung der Stadt. Die türkischstämmigen Berliner machen mit rund 20 Prozent die größte Gruppe unter den Migranten aus, gefolgt von Polen (10,6 Prozent). Menschen aus 199 Herkunftsländern leben in Berlin. Zu den Kiezen mit dem höchsten Migrantenanteil zählen der Askanische Platz (68,9 Prozent) und der Mehringplatz (66,6 Prozent) in Kreuzberg sowie die Reinickendorfer Straße (66 Prozent) in Wedding.

Wie Piening sagte, zeigt die Statistik die gravierenden demographischen Entwicklungen, die Berlin bereits hinter sich hat und die der Stadt noch bevorstehen. „Die Mehrheit der Bevölkerung wird künftig international sein“, sagte der Integrationsbeauftragte. „Und sie bestimmt die Zukunft der Stadt.“ Es gebe nicht mehr den großen homogenen Block der deutschen Mehrheit. Schon in wenigen Jahren werde die Mehrzahl der Berliner Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund haben, derzeit sind es rund 43 Prozent. Und je jünger diese Kinder seien, desto öfter hätten sie auch die deutsche Staatsangehörigkeit – beispielsweise haben rund 80 Prozent der Kinder unter fünf Jahren aus Einwandererfamilien einen deutschen Pass. „Die Entwicklung fordert vor allem die Schulen und Bildungspolitik“, sagte Piening. Auch Unternehmen und Behörden müssten sich darauf einstellen und Ausbildungsplätze mit Migranten besetzen.

Zu den wichtigen Fragen zählt laut Piening, wie sich die Mietenentwicklung in Innenstadtkiezen in Kreuzberg oder Nord-Neukölln auf die dort lebenden Migranten auswirken werden und welche Wanderungsbewegungen innerhalb der Stadt es geben wird. „In der Vergangenheit haben die Beharrungskräfte der türkischstämmigen Bevölkerung zur Stabilität in den Kiezen beigetragen“, sagte Piening. Anders als in Paris, wo die Migranten in den Vororten, den Banlieus, leben, gebe es in Berlin aufgrund der Geschichte die einzigartige Situation, dass sie sich im Zentrum ansiedeln konnten.

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