Berlin : Bersarin oder Hindenburg: Wem gebührt die Ehre?

Ein Plädoyer, die Ehrenbürgerliste nicht zu bereinigen

Brigitte Grunert

Was haben Generalfeldmarschall Hindenburg und Generaloberst Bersarin gemeinsam? Die umstrittene Ehrenbürgerschaft Berlins und sonst gar nichts. Deshalb wird an der Liste wieder einmal herumgedoktert, als könne man damit die Brüche und Wunden der Geschichte dieser Stadt heilen.

Zwischen Paul von Hindenburg und Nikolai Bersarin liegen Welten. Der letzte Reichspräsident ließ sich von den Nazis vereinnahmen und soll daher auf Wunsch der Grünen 70 Jahre nach seiner Ernennung zum Ehrenbürger getilgt werden. Der erste sowjetische Stadtkommandant hat vom rot-roten Senat auf dringenden Wunsch der PDS die Ehrenbürger-Weihe erhalten, die ihm der CDU/SPD-Senat 1992 aberkannt hatte. Weil aber der SPD bei beiden Namen nicht ganz wohl ist, kam sie auf den Einfall einer Parlamentskommission zur „Überprüfung“ der ganzen Liste, wenn auch nicht zurück bis 1813. Das ließ sie sich zum Glück ausreden.

Dem Regierenden Bürgermeister Wowereit ist offenbar Bersarin wie Hindenburg schnuppe. Wichtig ist ihm der Koalitionsfrieden. So gönnte er der PDS den symbolischen Erfolg. SPD-Chef und Senator Peter Strieder fiel dazu die Sprachregelung ein, dass der „Versuch der Geschichtsbereinigung“ von 1992 korrigiert wurde, weil man ja Geschichte nicht bereinigen kann. So gesehen dürfte es gar keine Hindenburg-Debatte geben. Wie glitschig doch das Terrain ist.

1992 hatte der Diepgen-Senat sieben von 25 Ost-Berliner Ehrenbürgern auf die nunmehr Gesamtberliner Liste gehoben. Bersarin, den der Magistrat erst 30 Jahre nach seinem Tod geehrt hatte, war nicht dabei. Eberhard Diepgen erklärte die Ehrenbürgerschaft posthum für regelwidrig. Nur kam er am Ost-Berliner Posthum-Ehrenbürger Heinrich Zille nicht vorbei. Inzwischen hat auch Wowereit mit Marlene Dietrich eine tote Ehrenbürgerin ernannt.

Mit Bersarins Streichung fanden sich Ost- Abgeordnete von PDS, SPD und Grünen nie ab. Sie trösteten sich auch nicht mit dem Bersarinplatz. Im Sommer 2000 forderte das Parlament gegen die CDU-Stimmen den Diepgen-Senat auf, Bersarin wieder auf die Liste zu setzen. Das Lob auf Bersarin grenzt mittlerweile an Legendenbildung. Gewiss, er hatte als einziger Stadtkommandant die Verantwortung für ganz Berlin; Amerikaner, Briten und Franzosen rückten erst Juli 1945 nach. Stalins Befehle hat er pflichtgemäß ausgeführt. Aber herausragende Verdienste um die zivile und kulturelle Wiederbelebung der Trümmerstadt konnte er sich unmöglich in den 55 Tagen bis zu seinem Unfalltod am 16. Juni 1945 erwerben. Konsens im Fall Bersarin? Die Berliner haben „die Russen“ anders als menschenfreundlich in Erinnerung. Niemand kam auf die Idee, die ersten – willkommenen – westlichen Stadtkommandanten auszuzeichnen. Oder posthum Ernst Reuter, die Personifizierung des Freiheitswillens.

Über die kritische historische Bewertung Hindenburgs gibt es keinen Streit mehr. Lange her, dass er ein Idol war. Der greise Reichspräsident, der Hitler nach längerem Zögern zum Reichskanzler ernannt hatte und so vom Hüter zum Henker der Weimarer Republik wurde, erhielt die Ehrenbürgerwürde zusammen mit Hitler an dessen Geburtstag am 20. April 1933 – für gemeinsame Verdienste „um die nationale Wiedergeburt der Stadt Berlin“. Zeitgleich wurden beide mit derselben Begründung Ehrenbürger von 4000 Städten. Es war eine gleichgeschaltete Aktion der Nazis.

Der Kulturausschuss berät hingebungsvoll über Hindenburg. Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) würde die Liste gern als „historisches Dokument“ lassen wie sie ist. Hindenburg-Kritiker Christoph Stölzl (CDU) schwankt noch. Aber es sieht nach einer Mehrheit im Parlament für den Grünen-Antrag auf Streichung aus. Der Senat wird dann den Federstrich tun, aber nicht von sich aus. Und was machen wir mit dem Hindenburgdamm? Oh, keiner will sich obendrein auf dem weiten Feld der Straßennamen verlaufen. Sie spiegeln doch die Geschichte wider. Die Ehrenbürger nicht?

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