Berlin : Beste Noten

Derzeit läuft die Popkomm-Messe in Köln. Im nächsten Jahr zieht sie nach Berlin um. Was ist dran am Mythos der Musikhauptstadt?

Tobias Rüther

Berlin ist die Hauptstadt des Haushaltslochs, die Hauptstadt der Currywurst und natürlich der Republik – aber auch die Hauptstadt der Popmusik? „Wenn mich das einer vor einem Jahr gefragt hätte“, sagt Falk Walter, „dann hätte ich gesagt: überhaupt nicht.“ Jetzt aber, im brütend heißen Sommer danach, stimmt er sofort zu: „Auf jeden Fall.“ Falk Walter ist seit 1995 Geschäftsführer der Arena in Treptow, er sitzt auf seinem Partyschiff MS Hoppetosse. Gegenüber siedelt demnächst MTV. Überhaupt sind die großen Plattenfirmen wie Universal und Sony inzwischen hier. Und abends in den Bars treffe er junge Leute aus ganz Europa. „Vor einem Jahr hatte ich das Gefühl, dass hier etwas stirbt, und nichts wächst nach.“ Jetzt meint er wieder „ein Suchen“ zu spüren, Neugier, Veränderung – was an der Stadt liege, die immer neue Freiräume parat halte. „Vielleicht bin ich lokal verblendet“, sagt der 38-Jährige, „aber es gibt wohl wenige Spanier, die denken: Ich wandere nach Köln aus. Die meisten wollen eben nach Berlin.“

In Köln findet dieser Tage zum vorerst letzten Mal die Popkomm statt. „Ein großartiger Gedanke“, sagt Walter. Irgendwann im Gespräch kommt ihm dennoch leiser Zweifel, dann spricht er vom „Moskau-Effekt“: „Hier passiert alles, der Rest des Landes verdorrt.“

Berlin als große Zentrale der deutschen Popmusik also, die das Talent des ganzen Landes aufsaugt? Ein „Epizentrum“ sei die Stadt, eine „Pflichtstation“, bestätigt Klemens Wiese. Der 29-Jährige arbeitet seit drei Jahren bei Mute, der Plattenfirma von Depeche Mode und Nick Cave. Das Label hat seinen Hauptsitz eigentlich in London, seit 2000 aber einen Ableger am Leuschnerdamm in Kreuzberg. Das geräumige Loft teilt sich Mute mit anderen Plattenfirmen, die teils auch zum Mutterhaus EMI gehören. Labels zum Beispiel, bei denen Berlins neuestes Popwunder „Wir sind Helden“ unter Vertrag steht. Man kennt sich gut untereinander, so setzt sich Bianca Joseph von Labels einfach dazu, um über die Popmetropole Berlin zu philosophieren: Die sei eine Tatsache, meinen beide, schon allein, wenn man die Gelben Seiten aufschlage und die tausende Einträge aus der Musikbranche sehe.

Klemens Wiese war vor Jahren Praktikant bei der Popkomm in Köln, und vielleicht deshalb hat ihn der Umzug der Musikmesse nicht überrascht. Über eine gut dotierte Standortförderung spekuliert Wiese, die sich die Veranstalter der Popkomm wohl ausgerechnet hätten. Bianca Joseph gesteht, sie habe zuallererst nur daran gedacht, wie schön es sei, künftig nach einem Messetag statt ins Hotel einfach heimgehen zu können. Einen „Imagevorteil Berlin“ für die Popkomm erkennt die 30-Jährige trotzdem.

Ist der Standortfaktor Berlin denn wichtig bei den Bands, die von Mute oder Labels unter ihre Fittiche genommen werden? Bianca Joseph verneint. Für Mute, erläutert dagegen Klemens Wiese, spiele die Stadt eine Rolle, die man allerdings nicht überbewerten dürfe. Firmengründer Daniel Miller hatte eine eigene Sendung auf Radio Eins, das Label brachte zudem Platten von den Einstürzenden Neubauten oder DAF heraus, die in der Stadt lebten und leben. Man käme aber nicht auf die Idee, wie die Retropunks „Mia“ aus Pankow einen Berliner Bären auf die Platten zu kleben. Immerhin erscheint bei Mute demnächst der Soundtrack zu „Herr Lehmann“, der Verfilmung des Kreuzberg-Romans von Sven Regener.

„Berlin ist gesichtslos, aber das ist die Stärke“, sagt Klemens Wiese. Hier existierten alle Spielformen des Pop, gleichzeitig und am selben Fleck: „Netzwerke bilden sich schnell, illegale Clubs machen auf, Bands spielen da, der Eintritt kostet drei Euro.“ Ein Matador dieser Szene ist Tim Schneck. Der 34-Jährige gehört zu den Gründern des Karrera Clubs, die seit 1996 in Berliner Diskos vor allem Britpop auflegen – und er ist gleichzeitig Plattenhändler. „Mr Dead and Mrs Free“ heißt sein Laden, liegt ein paar Schritte entfernt vom Nollendorfplatz und hat sich auf Gitarrenbands spezialisiert, auf obskure Soundtracks und Garagenpunk der Sixties. „Es war blauäugig zu glauben, dass Berlin nicht eines Tages zur Pophauptstadt werden würde“, meint Schneck. Wie die Ministerien hätten die Plattenfirmen eben auch an die Spree umziehen müssen. Er habe mit Kölner Freunden gesprochen, die „richtig traurig“ über den Verlust der Popkomm seien. Schneck sieht es eher gleichgültig: „Als Plattenladen sind wir für die Messe sowieso zu klein.“ Einer der DJs vom Karrera Club sei schon einmal dort gewesen, habe mit einigen Leuten gesprochen, doch ohne großen wirtschaftlichen Erfolg. „Uns als Veranstalter kann’s aber nur recht sein, wenn mit der Popkomm ganz neue Kontakte entstehen.“

Das DJ-Team tritt inzwischen an acht Abenden des Monats auf – im Magnet Club, im Prater, im Kaffee Burger. „Wir sind ein ziemlicher Wirtschaftsfaktor“, sagt Schneck, „die Clubs freuen sich, wenn wir auflegen, denn selbst im Sommer kommen 250 Leute am Abend zu uns.“ Alles in allem seien es etwa 3000 Leute, die mehr oder weniger regelmäßig in den Karrera Club gehen.

Und wie erklärt sich der gebürtige Berliner Schneck die Anziehungskraft seiner Heimatstadt? „Hier kannst du Sachen machen wie nirgendwo sonst. Wenn wir Vorschriften hätten wie in Frankfurt am Main, dann müsste die Hälfte aller Clubs sofort dicht machen.“ Und: „In Berlin kann sich einer mit dem Staubsauger auf die Bühne stellen – und die Leute hören trotzdem zu.“

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