Berlin : Besuch beim Volk

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VON TAG ZU TAG

Von Andreas Conrad

Die Essenz des Lebens? Ungerechtigkeit! Man blicke nur zurück auf den gestrigen Tag, schaue auf die überfüllten Bundestagsbauten zur Linken, auf die leeren Freibäder zur Rechten. Sollte es nicht, schon um der Gesundheit der Wähler willen, gerade umgekehrt sein? Das Volk geht baden, die Politiker sitzen auf dem Trockenen? Etwas läuft da gründlich schief, das müssen sich die Bademeister einmal sagen lassen. An sich kein thermisches Problem, sind doch einige Bäder mollig beheizt, was zur alljährlichen Frage reizen könnte, ob wir uns das wohltemperierte Minderheitenvergnügen überhaupt noch leisten … Lassen wir das, die Lösung läge ja so nah. Warum wurde gestern nicht kurzerhand zum Tag der offenen Freibad-Tür erklärt? Über den Glühweinverkauf kämen die Kosten leicht wieder rein. Der Trick ist hierzulande der Schlüssel zum Erfolg. Der Berliner denkt bei solchen Gelegenheiten, er bekomme etwas umsonst, und das lässt er sich nicht entgehen. Zwar gibt es andere Erklärungsversuche für den Sturm aufs Parlament, überzeugend sind sie nicht. Ein leuchtendes Beispiel für die Verbundenheit von Volk und Volksvertretung? Nun, das werden beispielsweise die wahlfaulen Sachsen-Anhaltiner ganz anders sehen. Eine wehmütige Visite bei den steingewordenen Steuergroschen, zwecks Sinnierens über all die schönen Dinge, die man sich ohne den pekuniären Aderlass per Finanzamt hätte kaufen können? Leuchtet eher ein. Oder kommen die meisten gar nicht wegen der Bundestagsbauten, sondern um der vielen anderen willen, die auch kommen? Eine Art „Lange Nacht der Museen“-Erlebnis, diesmal bereits am Tage, und kosten tut es auch nichts.

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