Berlin : Betrogene Mütter, betrogene Kinder

Vor 50 Jahren begann die Firma Grünenthal, mit einem neuen Schlafmittel zu experimentieren: Contergan. Es wurde ein Renner. Kurz darauf kamen Babys ohne Arme oder Beine zur Welt. Die Berlinerin Ilse Löwe war eine der Letzten, die das Mittel nahm

Ariane Bemmer

Vielleicht lag es am Wetter, der Juni 1961 war erst zu warm, und dann hat es nur noch geregnet, jedenfalls konnte Ilse Löwe, 23 Jahre alt, nicht schlafen und ging zur Apotheke, Baldrian kaufen. Es gebe doch etwas viel Besseres, sagt die Apothekerin, das helfe wunderbar und schade gar nicht. Am Abend schluckt Ilse Löwe die erste Pille Contergan.

An einem dunklen Winterabend im Jahr 2005 sitzt Ilse Löwe im Wohnzimmer ihrer Tochter in Berlin-Charlottenburg. Es ist eine rollstuhlgerechte Wohnung mit Fahrstuhl im Flur, breiten Türen und Parkett. Sie sagt, sie habe damals nicht gewusst, dass sie schwanger war.

Es ist jetzt 50 Jahre her, dass die Firma Chemie Grünenthal in Stolberg bei Aachen Thalidomid entwickelt hat, eine Schlafmittelsubstanz, von der man nicht süchtig werden konnte und die auch bei Überdosierung nicht tödlich wirkte. Es war eine Goldgrube für das junge Unternehmen – und wurde zu einer Katastrophe für mehrere tausend schwangere Frauen und ihre Kinder. Denn Thalidomid, das ab 1957 als Contergan verkauft wurde, hemmt Wachstum. Bis das Mittel vier Jahre später wieder vom Markt genommen wurde, kamen 5000 Babys mit verkümmerten Armen, Beinen oder Organen auf die Welt, viele starben früh, 2600 der so genannten Contergan-Kinder leben heute noch.

Petra Löwe greift zur Lesebrille, die auf dem Couchtisch liegt. Sie muss sich dafür weit vorbeugen, ihr Arme sind verkümmert, die Finger beginnen fast an der Schulter. Außerdem ist ihre Hüfte kaputt. Viele Male hat man sie operiert, ihre Beine gestreckt, gedreht, verschraubt, gebracht hat das wenig, seit kurzem ist jetzt auch noch der linke Fuß gelähmt. Petra Löwe hat kurze blonde Haare und eine entschiedene Stimme. Sie ist Sozialarbeiterin in einem Krankenhaus. Sie ist 42 Jahre alt, und sie sagt, dass es nicht einen Tag in ihrem Leben gegeben habe, der unbeschwert war.

Die Geschichte ist bedrückend, weil Petra Löwe viel ertragen musste, und beeindruckend, weil sie sich trotzdem durchgebissen hat: Führerschein mit18, eigene Wohnung mit 20, Ausbildung gemacht, Arbeit gefunden, Humor behalten, Ruhe bewahrt. Es ist die Geschichte der Mutter, die einem den Schauer über den Rücken jagt.

Am 29. November 1961 stand in riesigen Buchstaben in der „BZ“: „Missgeburten durch Schlafmittel“. Zwei Tage zuvor war Contergan vom Markt genommen worden, Monate nachdem man bei Chemie Grünenthal hätte ahnen können, dass das Mittel schädlich ist. Schon im Frühjahr hatte es Meldungen gegeben, dass Erwachsene bei regelmäßiger Contergan-Einnahme Krämpfe, Zuckungen und Muskelschmerzen erlitten. Grünenthal reagierte mit noch mehr Werbung. Ilse Löwe – da nahm sie das Mittel schon nicht mehr – las den „BZ“-Bericht und dachte: Hoffentlich nicht.

Am 16. April brachte sie ihr Kind zur Welt, es war keine einfache Geburt. Als das Baby endlich da war, fuhr man sie aus dem Kreißsaal auf die gynäkologische Station und nicht zu den anderen Wöchnerinnen. Bei denen ist wohl kein Platz mehr, dachte Ilse Löwe zuerst. Der Arzt kam nicht mehr zu ihr – er rief ihren Mann an. Immer wieder habe sie nach dem Baby gefragt und in komische Gesichter geschaut. Dann endlich brachte man ihr die Tochter. An den Schultern nur winzige Armstummel. „Ein Schock“, sagt die Mutter. Einerseits. Andererseits: Die Kleine war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Gekümmert hat sich niemand. Keine Gespräche, keine Betreuung, stattdessen Bezichtigungen, Vorwürfe, Ausgrenzung von etwas, das nicht der Norm entsprach. Ilse Löwe hörte Sätze wie: „Was haben Sie denn da gemacht?“ Und: „Da sind Sie sicher selbst schuld dran.“ Und es ging so weiter: Später wollte man das behinderte Kind, dem im Kopf doch nichts fehlte, nicht in der Schule haben. Ilse Löwe blieb stur. Brachte ihre Tochter, die auf einem Spezialfahrrad unterwegs war, trotzdem hin, am Hausmeister vorbei die Treppen hoch, die Gänge lang und wieder zurück. Sie sagt: Vielleicht hatte ich die Kraft, weil ich noch so jung war. Ihr Mann half. Andere Ehen seien am Contergan-Kind kaputtgegangen, sagt Ilse Löwe.

Es gab einen Prozess gegen Grünenthal. Neun Jahre hat er gedauert, inklusive Vorbereitung, sieben Verantwortliche des Pharmakonzerns waren angeklagt, sie hatten 18 Anwälte, die Anklageschrift umfasste 972 Seiten, es gab 300 Nebenkläger. Aber 1970 wurden dann alle Verfahren eingestellt: Eine individuelle Schuld sei nicht nachzuweisen. Die Firma Grünenthal habe nicht gegen ein Gesetz verstoßen, als sie Contergan auf den Markt brachte, ohne die Risiken für Schwangere zu testen. In den USA allerdings ist Contergan genau deswegen von der Gesundheitsbehörde nicht zugelassen worden. Die Sachbearbeiterin, die das gegen den Druck der Pharmaindustrie durchsetzte, bekam später von US-Präsident Kennedy eine Medaille verliehen.

Grünenthal spendete 100 Millionen Mark in eine Stiftung, die Bundesregierung legte dieselbe Summe drauf, die Betroffenen bekommen kleine Renten. Die Mutter erinnert sich an die Wut, als sie vom Prozessausgang hörte.

Ilse Löwe wurde um ihr gesundes Kind betrogen, ihre Tochter um ein normales Leben. Die Löwes hätten sich eine Entschuldigung von Grünenthal gewünscht. Stattdessen, sagt Petra Löwe, habe sie vor einigen Jahren erlebt, wie Grünenthal auf einer Messe ein Präparat bewarb mit dem Slogan: „Eine Idee bekommt Kinder“. Sie lacht, aber sie sagt auch, dass diese Achtlosigkeit wehgetan habe. Sie weiß noch, wie sie gezögert hat, bevor sie an Petras Kleidern die Ärmel abschnitt. Lange hat sie die leeren Stoffwürste nur hochgerollt, als würden die Arme doch eines Tages noch wachsen.

Als der Prozess 1968 begann, hatte Ilse Löwe ein zweites Kind zur Welt gebracht. Als man ihr das nicht sofort nach der Geburt zeigte, habe sie „richtig Theater“ gemacht. Jahre nach dem Contergan-Verbot war die Angst wieder da.

Petra Löwe sagt, wenn es damals Ultraschalluntersuchungen gegeben hätte, wären die Contergan-Kinder nicht geboren worden. Sie und ihre Freundin, die auch ein Contergan-Kind ist, scherzen manchmal: „Wir wären uns im Ausguss begegnet.“ – „Das muss man sich auch mal vorstellen“, fügt sie hinzu.

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