Paul Westheim: „Heil Kadlatz!“ : Wie Berlin sich den Barbaren auslieferte

In seiner Roman-Satire „Heil Kadlatz!“ von 1936 porträtiert Paul Westheim einen Berliner Hauswart. Seine Hauptfigur ist ein Bruder im Geiste von Heinrich Manns "Untertan".

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Kritiker, Sammler, Schriftsteller: Paul Westheim 1925 in seiner Wohnung an der Apostelkirche 8 in Schöneberg.
Kritiker, Sammler, Schriftsteller: Paul Westheim 1925 in seiner Wohnung an der Apostelkirche 8 in Schöneberg.Foto: Ullstein

Kaum hatten die Nationalsozialisten im Januar 1933 in Deutschland die Macht übernommen, ging es schon darum, die Beute zu verteilen. Die Beute, das war der Staat, seine Ämter und Institutionen. „Die ganze Elite eines 66-Millionen-Volkes auf Stellensuche!“, schreibt Paul Westheim. „Was man an Plätzen auch freimachen konnte, im Handumdrehen war’s schon wieder weg. Um allen berechtigten Ansprüchen gerecht werden zu können, hatte man noch ein Dutzend, was sage ich: ein Gros neuer Ministerien einrichten müssen. Es war ein Kreuz, ein Hakenkreuz.“

Auch Kadlatz, der Held von Westheims Roman „Heil Kadlatz!“ bekommt einen Posten. Er wird zum „Gemüsewart“ ernannt, am Ende einer absurden Veranstaltung, bei der der „braune Grünkram aus allen deutschen Gauen“ mit Fahnen und Standarten aufmarschiert und ein Redner die „Volksgenossen“ auf fleischlose Zeiten vorbereitet: „Der Führer trinkt nicht, der Führer raucht nicht, der Führer isst kein Fleisch, groß und unwiderstehlich gemacht hat ihn der Kohl.“ An manchen Stellen besteht das Buch aus purem Kabarett, mit seinen Wortspielen und typenhaften Figuren, wie sie in der Weimarer Republik auch auf den einschlägigen Berliner Bühnen wie der „Katakombe“, der „Scala“ oder dem „Wintergarten“ aufgetreten sind.

Westheims Satire erschien ursprünglich 1936 als Fortsetzungsroman

Aber Paul Westheim beschreibt auch, wie der Antisemitismus langsam einsickert in die Sprache der sogenannten kleinen Leute. Und wie sich die Gewalt ausbreitet auf den Straßen. Bereits lange vor Hitlers Machtübernahme ist sie allgegenwärtig. Ihren ersten großen Wahlsieg bei den Reichstagswahlen von 1930 feiern die Nationalsozialisten mit antisemitischen Pogromen. Der SA-Mob schlägt bei Wertheim und anderen Kaufhäusern mit jüdischen Besitzern die Schaufenster ein. Nicht offiziell, offiziell werden die Angriffe einem angeblichen „Volkszorn“ zugeschrieben. Es ist die Vorwegnahme der Reichspogromnacht von 1938.

Westheims Satire erschien ursprünglich 1936 als Fortsetzungsroman in der Exilantenzeitung „Pariser Tageblatt“, in einer Reihe mit Josef Roths „Tarabas“, Klaus Manns „Roman unter Emigranten“ und George Simenons „Der Mann aus London“. Deren literarischen Rang hat „Heil Kadlatz!“ nicht, aber in seinem zwischen Anekdote und Reportage wechselnden Tonfall ist das Buch die Wiederentdeckung wert. Westheim, der zu den bekanntesten Kunstkritikern der Weimarer Republik gehörte, hat den Aufstieg der Nationalsozialisten buchstäblich aus nächster Nähe miterlebt. Der Verlag Reckendorf, in dem das von ihm herausgegebene „Kunstblatt“ erschien, residierte in der Kreuzberger Hedemannstraße, nur wenige Hausnummern von der Berliner Gauleitung der NSDAP entfernt, wo Goebbels sein Kampfblatt „Der Angriff“ veröffentlichte.

Kadlatz ist Opportunist, Großkotz und Drückeberger in einer Person, ein Bruder im Geiste des wilhelminischen Kriechers Diederich Heßling aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Westheims Buch setzt da ein, wo Manns endet, im Ersten Weltkrieg. Da ist der spätere „Gemüsewart“ noch Hauswart in einem Haus am Hohenzollerndamm in Wilmersdorf. Er schafft es, nicht in den Krieg zu müssen, sympathisiert nacheinander mit der SPD, den Kommunisten und den Deutschnationalen. Und macht mit allen Geschäfte.

Kadlatz ist ein Bruder im Geist von Heinrich Manns "Untertan"

Wichtig ist ihm vor allem, gemütlich und anstrengungsfrei voranzukommen. Ein wurstiger Charakter, Westheims Schriftstellerkollegen im Pariser Exil nannten ihn einen „Nazischwejk“. Nach Westheims Angaben geht die Romanfigur auf den Portier einer Freundin zurück, der, als er sich in ihrer Wohnung umschaute und viele Bücher sah, ausrief: „Jott, watt ne Menge Kommunismus!“ Nationalsozialist wird Kadlatz schließlich, weil er Waffen verschiebt und die Nationalsozialisten am besten zahlen. Es geht ihm stets um seinen Eigennutz, und in der Republik hat er gelernt, dass man am meisten abbekommt, wenn man Antirepublikaner ist. Mit seiner kumpelhaften Verschlagenheit wirkt Kadlatz beinahe charmant. Das Wesen der „Bewegung“ bringt er berlinernd auf den Punkt: „Bei’s Führerprinzip, da braucht eener bloß anordnen un denn is et immer ooch richtig. Un wenn einer meint, er wisse es besser, denn is er zersetzend un kann sich wat besehn.“ Zersetzend, das hieß bald darauf Konzentrationslager, Folter und Mord.

Paul Westheim entkam über Frankreich, Spanien und Portugal nach Mexiko. In Berlin zurücklassen musste er seine Bibliothek und die Kunstsammlung, zu der rund 50 Gemälde und 3000 Arbeiten auf Papier gehörten, unter anderem von Dix, Grosz, Kokoschka, Léger, Hofer und Heckel. Westheim vertraute sie Charlotte Weidler an, einer Mitarbeiterin des „Kunstblattes“. Später behauptete sie, die Sammlung sei verloren. Bis er 1963 bei einem Besuch in Berlin starb, hat der Kritiker, Sammler und Schriftsteller nicht mehr erfahren, dass das gelogen war. Viele Bilder gab es noch, Weidler hatte sie in alle Welt verkauft. Westheims Familie machte sich daran, die Stücke zu finden. So restituierte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz 2012 zwei Aquarelle von Wilhelm Lehmbruck aus Westheims Sammlung an seine Erbin, um sie gleich darauf zu einem, so die Stiftung, „großzügigen Preis“ für das Kupferstichkabinett zurückzukaufen.

Westheim wurde als „Kulturbolschewist“ diffamiert

Westheim, 1886 in Eschwege geboren, gehörte zu den konservativ-bürgerlichen Förderern der Avantgarde, dem Kommunismus stand er reserviert gegenüber. Im „Völkischen Beobachter“ wurde er trotzdem als „Kulturbolschewist“ diffamiert. Westheim hatte begriffen, konstatiert der Herausgeber Christian Welzbacher in seinem Nachwort, „dass sich Kunst als Ausdruck politischer Machtverhältnisse lesen lässt“. Ein gesellschaftliches Gespür, das man auch „Heil Kadlatz!“, Westheims einzigem Roman, anmerkt. Dramaturgisch hat das Buch Mängel, die Übergänge zwischen den mitunter volkstheaterhaften Szenen holpern, und manchmal verliert der Autor seinen Helden lange aus dem Blick. Aber als Porträt einer Stadt, die sich den Barbaren ausliefert, ist es lesenswert.

Paul Westheim: Heil Kadlatz! Der Lebensweg eines alten Kämpfers. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Christian Welzbacher. Matthes & Seitz, Berlin 2015. 264 S., 19,90 €.

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