25 Jahre Mauerfall : 25 Stunden am Checkpoint Charlie

Er ist ein Original, nur echt ist hier nichts. Er hat Geschichte geschrieben und bleibt ein Provisorium. Vor 25 Jahren wurde aus Berlins bekanntestem Grenzübergang ein Gedenkort. Ein Besuch am Checkpoint Charlie, 25 Stunden lang.

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Checkpoint Charlie mit Kontrollhäuschen aus dem 1960er Jahren.
Konstruiert. Das Kontrollhäuschen am Checkpoint Charlie wurde im Stil der 60er Jahre nachgebaut, damit es zu den dramatischen...Foto: Thilo Rückeis

Das Leben beginnt frischgewaschen, jedoch nicht vor halb neun. Japaner in schwarzen Anzügen, lachend und wie vom Himmel gefallen, stehen plötzlich auf dem Gehweg. Sieben Stück, sie machen Fotos voneinander, Fotos mit Hintergrund, sie gehen auf und ab, und die Luft in ihrem Windschatten duftet einen Moment lang nach Wannenbad- und Duschzusätzen.

Einige Minuten später nähern sich Landsleute von ihnen, Männer, Frauen, 20 an der Zahl und diesmal bunt gekleidet, wieder Fotos machend, wieder eingehüllt in Wolken des Wohlgeruchs. Bis sich um 8 Uhr 40 die Türen eines spanischen Reisebusses öffnen. Und eine Niederländerin um die Ecke kommt, die Haare noch nass. Und eine Schulklasse aus dem Rheinischen. Die halbe Straße riecht jetzt nach Körperpflege. So sehr, dass selbst der Dieseldreck aus dem laufenden Busmotor nicht dagegen ankommt.

So ist es am Checkpoint Charlie, an einem Sommermorgen ab halb neun. Später am Tag wird dieser Ort wieder nach gar nichts riechen. Noch später wird er ein bisschen stinken. Und irgendwann, wenn es längst wieder dunkel ist, wird eine Flasche „Berliner Luft“ auf einer der hiesigen Sehenswürdigkeiten stehen. Sie wird ihren ursprünglichen Inhalt losgeworden, sie wird leergetrunken sein. „Berliner Luft“ ist ein Pfefferminzlikör.

Am Dienstag, den 30. Juni, ist es 25 Jahre her gewesen, dass an den innerdeutschen Grenzen offiziell nicht mehr nach Pässen und Personalausweisen gefragt wurde. Die Mauer war längst gefallen, es herrschte Reisefreiheit. Am folgenden ersten Julitag war das Westgeld in die DDR gekommen. Die Wiedervereinigung war nicht länger bloß ein Wunsch, sondern absehbar. Spätestens an diesem Tag vor 25 Jahren verlor diese Grenze also den letzten Rest ihrer Autorität. Ihr Schrecken war ohnehin schon Geschichte. Die Menschen mussten sie fortan nicht mehr überwinden. Stattdessen begann sie, zum eigentlichen Reiseziel zu werden, ein neues, bis heute andauerndes Zeitalter brach an. Sie sollte nun von sich selbst erzählen, von alten, kalten Zeiten, von ihrer Vergangenheit. Das gilt im Besonderen für Berlins bekanntesten einstigen Grenzübergang, den Checkpoint Charlie.

Schafft sie das, diese Grenze? Schafft das dieser Checkpoint? Hat dessen Gegenwart irgendetwas mit seiner Vergangenheit zu tun?

Konrad übernachtet am Checkpoint

Zweieinhalb Stunden, bevor die gebadeten Japaner kommen, kurz vor sechs, ist genau ein Mensch auf der Straße. Er sagt, dass er Konrad heiße, Konrad mit K, und aus Polen stamme. Das graue Haar ist wirr, er packt seinen Schlafsack ein. Konrad hat hier übernachtet, auf der einstigen Ost-Seite der Mauer, die an dieser Stelle jedoch eine Nord-Seite ist.

Trostloser Zustand am Checkpoint Charlie
Kein schöner Ort. Das Areal rund um den Checkpoint Charlie ist zwar eine von Berlins Touristenattraktionen, ...Weitere Bilder anzeigen
1 von 18Foto: Kitty Kleist-Heinrich
13.05.2012 16:35Kein schöner Ort. Das Areal rund um den Checkpoint Charlie ist zwar eine von Berlins Touristenattraktionen, ...

Ob er gut geschlafen habe? „Ich versteh’ nicht gut, Polen“, sagt er. Er zuckt mit den Schultern. Dann geht er davon, Richtung Süden, überquert die Zimmerstraße, die den einstigen Grenzverlauf markiert. Vorbei an der Kopie einer alten Kontrollbaracke der Amerikaner, dem eigentlichen Checkpoint, weiter bis zur nächsten Kreuzung. Dorthin, wo Axel Karg seit einer halben Stunde bei der Arbeit ist.

Kargs Arbeitsplatz ist ein Zeitungsladen, geöffnet ab sechs, Friedrichstraße Ecke Kochstraße. Zigaretten gibt es, und wer Lotto spielen oder Eintrittskarten für Veranstaltungen will, ist richtig hier. Karg ist 31 Jahre alt, früher habe er mal studieren wollen, sagt er. „Hat aber nicht funktioniert.“ Er ging dann unter die Schausteller, eineinhalb Jahre lang, und dann fing er im Laden an. Er sagt den Checkpoint-Charlie-Gedächtnis-Satz: „Sollte nur provisorisch sein, und nun bin ich schon zehn Jahre hier.“

Provisorisch ist hier vieles. Die Getränkebuden mit Alkoholausschank und Reggaebeschallung auf der Brache neben der Friedrichstraße. Die „Blackbox Kalter Krieg“ nebenan – eine von einem Verein tapfer betriebene Ausstellungskiste. Die mit Fotos und Geschichtsdaten tapezierte Wand drumherum. Auch die große, schwarze Tonne, in deren Innerem ein Panoramabild „Die Mauer“ und ihre Umgebung in den 80er Jahren zeigt, ist nicht für die Ewigkeit gebaut. Etliche provisorische Verkehrsschilder, eine verwaiste Glasbaracke und eines dieser blassblau gestrichenen, auf Stelzen stehenden Rohrsysteme, durch die das Berliner Grundwasser von einer nahen Baustelle abgepumpt wird – alles zusammen vermittelt den Eindruck eines grandiosen Durcheinanders, einer Art Rummelplatz mit historisch wertvollem Hintergrund, über den auch an diesem Tag etliche Tausend Besucher laufen werden.

Fragt man einige von ihnen nach ihren Eindrücken, hört man gelegentlich Verwunderung darüber, dass die Berliner und ihre wechselnden Stadtregierungen es auch nach zweieinhalb Jahrzehnten nicht hinbekämen, mit ihrem historischen Alleinstellungsmerkmal „Geteilte Stadt“ angemessen umzugehen.

Naja, ein bisschen was teile sich einem schon mit, sagt einer. Er zeigt auf die tapezierte Wand. „Dieser Ort ist ein Schauplatz der Berliner Geschichte“, steht da. Immerhin, eine Info, sagt er. Er lacht.

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