Die große Reise nach Kreuzberg, die hinter ihm liegt, hat ihn auch innerlich verändert.

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Ein Flüchtling in Kreuzberg : Das Leben hat ihn an den Oranienplatz geführt
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Ousmane Cisse kam von Mali über Libyen nach Berlin-Kreuzberg.
Ousmane Cisse kam von Mali über Libyen nach Berlin-Kreuzberg.Foto: Veronica Frenzel

Dass Cisse, der in Mali lediglich Schmuck bastelte und später in Libyens Restaurantküchen aushalf, heute so spricht, liegt an Patras Bwansi, einem der Anführer der Oranienplatz-Flüchtlinge. Bwansi hat sich in seiner Heimat Uganda für die Rechte von Homosexuellen eingesetzt – in Uganda ist Homosexualität strafbar –, wurde deshalb selbst verfolgt und landete irgendwann in einem Flüchtlingsheim in Passau. Dort gründete er eine Protestgruppe und kurze Zeit später organisierte er den Protestmarsch mehrerer Flüchtlingsgruppen nach Berlin, der im Herbst 2012 im Protestcamp auf dem Oranienplatz endete. Dort initiierte Bwansi die „African Refugees Union“. Cisse wurde zum Begleiter von Bwansi. Er ging mit ihm zu Demonstrationen, verfolgte an seiner Seite die Debatten im Zirkuszelt, dem Versammlungsraum des Protestcamps, hörte die Forderungen: Abschaffung der Residenzpflicht, Verbot von Abschiebungen, Abschaffung der Flüchtlingsheime, Recht auf freie Wahl des Wohnortes, Recht auf Arbeit, Recht auf Bildung. Cisse findet das alles richtig. Im Grunde selbstverständlich. Er sagt: „In meiner Heimat Timbuktu sagen die Leute traditionell zu Neuankömmlingen, ,Du hast dein Zuhause verlassen, willkommen zu Hause.’ Es wäre schön, wenn es überall und immer so wäre.“

Inzwischen hat er allerdings selbst erlebt, dass so in Europa nur wenige denken – und als Patras Bwansi ihn fragte, ob er mitmachen wolle bei der „African Refugees Union“, stimmte er zu.

Seit der Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa hat sich nicht viel geändert

Das war kurz nachdem im November mehr als 300 Flüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa ertrunken waren und als Europas Politiker schockiert erklärten, solche Tragödien müsse man in Zukunft vermeiden, ein Kurswandel in der Asylpolitik sei nötig. Passiert ist seither eher das Gegenteil: Die Europäische Kommission plant gerade, Europa noch mehr abzuschotten, unterstützt auch von der neuen Bundesregierung. Die Transitstaaten, über die Flüchtlinge einreisen, sollen noch stärker in die Pflicht genommen werden und Flüchtlinge zurücknehmen. Tunesien und Marokko haben sich in Kooperationsabkommen bereits zur vorverlagerten Grenzsicherung der EU-Staaten verpflichtet. Abkommen mit Libyen, Ägypten und Algerien sollen folgen. Doch unumkehrbar ist Lampedusa in derselben Zeit im öffentlichen Bewusstsein das Synonym für unmenschliche Flüchtlingspolitik geworden.

Die Insel war auch eine Station auf dem langen Weg Cisses von Timbuktu über Tripolis nach Berlin. Cisse lächelt, wenn er von Libyen erzählt. In der Hauptstadt Tripolis fand er sofort die Anstellung und ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Er lernte bald andere Einwanderer aus Mali kennen, abends kochten sie meistens gemeinsam, schauten malisches und französisches Fernsehen, und wenn sie einen Tag frei hatten, flanierten sie durch die prächtigen Einkaufszentren. Wenn er ein wenig mehr Geld brauchte, arbeitete er in seiner freien Zeit zusätzlich auf Baustellen. An Arbeit mangelte es nie. Er sagt, „ich wäre gern dort geblieben“.

„Wir können nicht nach Hause, hier können wir auch nicht bleiben, wir müssen weiter.“

Doch als im Februar 2011 der Krieg anfing, änderte sich alles. „Wir Schwarzafrikaner waren von da an immer der Sündenbock, egal was passierte. Wenn irgendwo eingebrochen wurde, wenn jemand überfallen oder umgebracht wurde, waren wir schuld.“

Cisse erzählt, dass viele seiner Bekannten von den Rebellen aus dem Land geworfen wurden, dass viele Schwarzafrikaner gegen ihren Willen auf die Boote nach Lampedusa gedrängt wurden. Nichtregierungsorganisationen bestätigen, dass Afrikaner während des Libyenkriegs zur Flucht gezwungen wurden, wenn die Regierung sie für Söldner Gaddafis hielt. Während der letzten Monate in Libyen verließ Cisse seine Wohnung nicht mehr.

Obwohl er nicht wollte – in Dokumentarfilmen hatte er gesehen, wie elend es afrikanischen Flüchtlingen in Europa geht –, stieg schließlich auch Ousmane Cisse auf ein Boot nach Italien. Ein Freund überredete ihn, er sagte, „wir können nicht nach Hause, hier können wir auch nicht bleiben, wir müssen weiter“.

An einem Abend im April 2011 stiegen die beiden auf ein Schiff, in dem schon 500 Menschen saßen und standen, und in dem offiziell höchstens Platz war für 300 Passagiere. Jeder durfte als Gepäck nur eine kleine Tasche mitnehmen. Cisse und sein Freund hatten ein wenig Geld eingesteckt, ihre Telefone, viel zu wenig Wasser, viel zu wenig Proviant. Drei Tage und drei Nächte dauerte die Überfahrt. Sieben Passagiere gingen über Bord, das Schiff hielt nicht an, um sie zu retten.

4233 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Timbuktu und Kreuzberg

Noch vor Lampedusa holte die italienische Polizei die Flüchtlinge aus dem Boot und brachte sie in das Lager auf der Insel. Von dort wurde Cisse wenig später in ein Flüchtlingsheim nach Norditalien gebracht. Er beantragte Asyl, der Antrag wurde abgelehnt, Cisse blieb trotzdem. Wo sollte er auch hin? Er ging zum Anwalt einer Flüchtlingshilfsorganisation und erhielt ein kleines Zimmer in einer Wohnung in einem Flüchtlingswohnheim, in der schon neun andere schwarzafrikanische Flüchtlinge lebten, in der Nähe vom Comer See. Er bekam auch ein Papier, auf dem stand, dass er drei Jahre geduldet würde und arbeiten dürfe. Jeden Tag stand er frühmorgens auf, um Arbeit zu suchen, doch er fand nicht einmal einen Job für ein paar Stunden.

Im März 2013, so erzählt Cisse, mussten er und die anderen die Wohnung verlassen. Ein Sozialarbeiter erklärte ihnen, die Regierung habe jede Unterstützung für Flüchtlinge gestrichen. Und er sagte, in Italien hätten sie keine Chance, sie sollten nach Frankreich oder nach Deutschland gehen, und gab ihnen etwas Geld. Cisse verbrachte danach drei Nächte auf der Straße. Als er zwei Polizisten traf, sagten die zu ihm: Was machst du noch hier? Geh nach Sizilien, da ist es warm, da kannst du gut draußen schlafen.

In dem Moment beschloss er, Italien zu verlassen. Er dachte, „wenn ich jemals in Europa einen Job finden will, dann sollte ich nach Deutschland gehen, in das wirtschaftlich stärkste Land“. Am nächsten Tag saß er im Zug nach Berlin, Afrikakonferenzstadt, Elendsursprungsort. Es macht für ihn einen Sinn, wenigstens das.

Die große Reise, 4233 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Timbuktu und Kreuzberg, die hinter ihm liegt, hat ihn auch innerlich verändert. Aus dem fröhlich-unbeschwerten Teenager ist ein Aktivist geworden, der etwas will. Ziel war das nicht. Er sagt: „Hätte ich mir in Italien ein Leben aufbauen können, dann wäre ich geblieben. Wenn ich in Libyen hätte bleiben können, wäre ich geblieben. Und hätte ich in meiner Heimat eine Chance auf ein anständiges Leben gehabt, ich wäre geblieben.“ Er blickt freundlich. Doch das Leben habe ihn nach Berlin geführt.

Dieser Artikel erscheint im Kreuzberg Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegels.

Zu Besuch im Camp am Oranienplatz
Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz ist umstritten und politisch nur geduldet. Doch es hat auch viele Unterstützer. Zuletzt besuchten die Grünen-Politikerinnen Canan Bayram (MdA, Sprecherin der Berliner Grünen für Migrations-, Integrations- und Flüchtlingspolitik) und Barbara Lochbihler (Foto; MdEP, Grüne, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments) die Bewohner, um sich näher über ihre Lebenssituation zu informieren.Weitere Bilder anzeigen
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28.08.2013 16:37Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz ist umstritten und politisch nur geduldet. Doch es hat auch viele Unterstützer. Zuletzt...
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