Auf dem Pankower Wochenmarkt : Da geht noch was

Pankow hat einen der ältesten Wochenmärkte Berlins. Vor allem das Alt-Pankower Bürgertum gehört hier zum Stammpublikum. Ein zweiter Kollwitzmarkt wird er so schnell wohl nicht.

Ulrike Scheffer
In der Ferienzeit ist ausnahmsweise mal wenig Betrieb auf dem Pankower Wochenmarkt.
In der Ferienzeit ist ausnahmsweise mal wenig Betrieb auf dem Pankower Wochenmarkt.Foto: Ulrike Scheffer

Die Kinderwagen auf dem Pankower Wochenmarkt sind fein säuberlich aufgereiht. Ausgekleidet mit bunten Stoffen, mal rot, mal gelb, mal mit Bärchen, mal mit Blümchen, stechen sie sofort ins Auge. Kinder liegen nicht drin, und auch keine Mütter sind in Sicht. Die kleinen Wagen aus Weidenzweigen sind ohnehin für Puppen gemacht. Im kinderreichen Pankow sollten sie sich gut verkaufen lassen. Doch es sind Ferien, viele im Urlaub, und daher sind derzeit keine guten Geschäfte zu machen. Vor allem Ältere schlendern durch die Standreihen, graue Hosen und Röcke dominieren, bei den Herren ist der ein oder andere Erich-Honecker-Hut dabei.

Kinderwagen auf dem Wochenmarkt. Mütter mit Kinderwagen sieht man eher selten.
Kinderwagen auf dem Wochenmarkt. Mütter mit Kinderwagen sieht man eher selten.Foto: Ulrike Scheffer

Noch stellt das Alt-Pankower Bürgertum auch außerhalb der Ferien die Stammkundschaft auf dem alten Pankower Dorfanger. Das spiegelt sich im Angebot: Stützstrümpfe, schlichte Sandalen und Schuhe, Schlägermützen, bequeme Kleidung für das nicht mehr ganz junge Publikum. Ein zweiter Kollwitzmarkt wird der Markt trotz der vielen Zuzügler aus dem Prenzlauer Berg so schnell wohl nicht. Einige Lebensmittelhändler kommen im Sommer gar nicht. Bei hohen Temperaturen haben sie Schwierigkeiten, ihre Ware frisch zu halten. Aber der Fischwagen steht wie immer an seinem Platz, ebenso wie Holm Lichtner, der seit 20 Jahren in Pankow Spreewaldprodukte verkauft: Gurken, Sauerkraut, Senf. "Auch Neu-Pankower nehmen den Markt immer besser an", sagt er. Heute schauen aber auch bei ihm vor allem Stammkunden vorbei.

Holm Lichtner verkauft seit 20 Jahren Spreewaldprodukte in Pankow.
Holm Lichtner verkauft seit 20 Jahren Spreewaldprodukte in Pankow.Foto: Ulrike Scheffer

Beim "Wurstdealer" Michel Dessin, der ebenfalls seit 20 Jahren zum Pankower Markt gehört, essen viele zum Abschluss des Rundgangs ihre Currywurst. "An normalen Markttagen muss ich hier immer Schlange stehen", sagt eine seiner Kundinnen, die diesmal nicht lange warten muss. "Wie immer?", fragt Michel Dessin freundlich und legt, ohne die Antwort abzuwarten, die Wurst schon in den Zerkleinerer. Man kennt sich.

Jede Menge Mützen und Hüte, dafür weniger Lebensmittel gibt es derzeit auf dem Pankower Wochenmarkt.
Jede Menge Mützen und Hüte, dafür weniger Lebensmittel gibt es derzeit auf dem Pankower Wochenmarkt.Foto: Ulrike Scheffer

Imker Horst Reimer ist fast schon so etwas wie eine Institution auf dem Wochenmarkt. Zu ihm gehören die Puppenwagen, vor allem aber bietet er seinen Honig an. Mit alten Kunden fachsimpelt der gebürtige Sachse gerade über seine Honigsorten, die er in der Nähe von Strausberg produziert und immer mittwochs in seinem honiggelben Verkaufswagen nach Pankow bringt. Zu Hause in Rehfelde veranstaltet er auch Führungen durch seine Waldimkerei an. Schon manch ein Kunde aus Pankow habe sich das angesehen, erzählt der Mann mit dem Strohhut, der eigentlich längst im Rentenalter ist.

Imker Horst Reimer kommt aus der Nähe von Strausberg. Auf dem Pankower Markt hat er viele Stammkunden.
Imker Horst Reimer kommt aus der Nähe von Strausberg. Auf dem Pankower Markt hat er viele Stammkunden.Foto: Ulrike Scheffer

"Pankow hat ein sehr interessiertes Publikum", sagt auch die Antiquarin schräg gegenüber. Außer ihrem gibt es sogar noch einen weiteren Buchstand auf dem Markt. Während dort allerdings vor allem Groschenromane ausliegen, kann man bei der Antiquarin wahre Schätze entdecken. Von manchen könnte man meinen, sie seien speziell für die Pankower Klientel ausgesucht: Der Titel "Nicht nur freche Sprüche" von Gregor Gysi aus dem Jahr 1998 etwa. In der Widmung gratulieren die "Genossen" aus dem Leipziger Land ihrem "lieben Fritz" ganz herzlich zu seinem 90. Geburtstag. Unterzeichnet hat der stellvertretende Kreisvorsitzende.

Geschichte satt auf dem Wochemarkt.
Geschichte satt auf dem Wochemarkt.Foto: Ulrike Scheffer

Auch ein Buch über das Wirken Erich Honeckers in Berlin liegt auf dem Tisch. Doch die Verkäuferin lässt das nicht gelten. Ihr Angebot sei sehr vielfältig, betont sie. Und sie hat Recht. Schließlich gehören auch eine handliche Koranübersetzung, jede Menge literarische Klassiker, feministische Kampfschriften und Kochbücher zum Angebot. Gleich neben dem Honecker liegt außerdem ein Band mit dem Titel "Preußens Gloria". Pankow ist eben mehr als Prenzlauer Berg 2.0 und Altgenossen.

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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