Elternprotest in Pankow : Einstürzende Schulbauten

Die Grundschule im Hasengrund ist in einem katastrophalen Zustand. Trotzdem muss sie immer mehr Schüler aufnehmen. Die Eltern wollen das nicht länger hinnehmen und machen dem Bezirk Druck.

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Kinder der Grundschule im Hasengrund am Mittwoch in der Bezirksverordnetenversammlung.
Kinder der Grundschule im Hasengrund am Mittwoch in der Bezirksverordnetenversammlung.Foto: Ulrike Scheffer

Um 18 Uhr zieht Andreas Zipperer seine Jacke an. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV), auf die er sich intensiv vorbereitet hatte, hat vor kaum einer halben Stunde begonnen, doch für Zipperer ist der Abend bereits gelaufen. Fünf Minuten Redezeit hatte der Vater zweier Kinder, um auf den Zustand der Grundschule im Hasengrund aufmerksam zu machen. Nun geht er, und mit ihm verlässt ein ganzer Pulk von Kindern und Eltern den Saal.

Eltern und Kinder protestieren

Die Kinder, auch Zipperers eigene, hatten kleine Plakate gemalt und sich zu Beginn der Sitzung damit vor den Abgeordneten und Stadträten postiert. "Kein Platz! Ach wär das schön, eine Mensa für alle!" steht auf einem.

Vor 100 Jahren gebaut, seit 25 Jahren kaum renoviert: Die Grundschule im Hasengrund in Niederschönhausen.
Vor 100 Jahren gebaut, seit 25 Jahren kaum renoviert: Die Grundschule im Hasengrund in Niederschönhausen.Foto: Ulrike Scheffer

Stinkende Toiletten sind an der Grundschule im Hasengrund noch das geringste Problem. Immer mehr Schüler müssen aufgenommen werden, inzwischen gibt es hier 450. Früher war die Schule zweizügig, bald könnten es vier Klassenzüge werden. Dann müssten vielleicht auch der Musik- und der Computerraum in Klassenzimmer umgewandelt werden. Räume für Teilungsstunden der jahrgangsübergreifenden Klassen gibt es schon jetzt nicht mehr. Ein Ausbau der Schule ist zwar geplant, wird aber wohl erst 2018 beginnen.

Essen ist Glückssache

Auch eine Mensa gibt es im Hasengrund nicht. Die Kinder essen in Schichten in zwei kleinen Klassenräumen. "Manche schaffen es dann gar nicht, etwas zu essen, und müssen hungrig in die nächste Stunde", erklärt Zipperer bei einem Rundgang in der Schule. Nach dem Bau einer neuen Turnhalle sollte eigentlich die alte Turnhalle zur Mensa umgebaut werden. Doch die Umwandlung verzögert sich durch einen Rechtsstreit mit einem Anwohner der neuen Halle. Wegen des laufenden Verfahrens konnte die alte Halle bisher nicht als Sportstätte "entwidmet" werden, wie es in der Amtssprache heißt. Nun hat der Bezirk Mittel für den Mensabau im Investitionsplan für 2017 vorgesehen. Zwei bis drei Jahre werden die Zustände also noch andauern.

Schlechter Brandschutz

Die Problemliste der Schule ist aber noch länger. Das Gebäude ist 100 Jahre alt, doch nach der Wende ist hier kaum etwas erneuert worden. Selbst der Brandschutz wurde nicht auf den neuesten Stand gebracht. Nachdem der Schuldirektor aus Sicherheitsgründen das Dachgeschoss sperrte, bekam die Schule wenigstens eine Feuer-Alarmanlage.

Elternvertreter Andreas Zipperer vor einem maroden Fenster. Manche sind sogar mit dem Rahmen verschraubt, damit sie nicht auseinanderfallen.
Elternvertreter Andreas Zipperer vor einem maroden Fenster. Manche sind sogar mit dem Rahmen verschraubt, damit sie nicht...Foto: Ulrike Scheffer

Einige Fenster des Gebäudes mussten bereits mit den Rahmen verschraubt werden, damit sie nicht auseinanderfallen. Die Löcher im Boden und in den Wänden fielen Kindern, Lehrern und Eltern kaum noch auf, sagt Zipperer. Immer wieder seien in den vergangenen Jahren Eltern angerückt, um Klassenräume und Toiletten zu streichen. "Sonst sähe es hier noch schlimmer aus."

Den Eltern reicht es

Im vergangenen Jahr beschlossen die Eltern, sich zu wehren. Sie richteten eine eigene Homepage ein, auf der sie die Lage an der Schule dokumentieren. Auch Postkarten an die Bezirksabgeordneten haben sie geschrieben. Am Mittwoch dann der Auftritt in der BVV.

Mögliche Alternativen

In der Bezirksverordnetenversammlung wollte Elternvertreter Zipperer wissen, welche kurzfristigen Möglichkeiten das Bezirksamt sieht, um der Schule zu helfen. Ob beispielsweise sogenannte Modularbauten, also Container, aufgestellt werden können. Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) machte ihm und den anwesenden Familien aber keine Hoffnung auf schnelle Veränderungen. Geld, das jetzt in die Hand genommen würde, müsste anderen weggenommen werden, sagte sie. Andere Schulen seien aber ebenfalls überfrequentiert. Die Schule könne froh sein, dass sie jetzt im Investitionsplan stehe. "Das ist mehr, als andere erreicht habe", sagte sie.

Abstellraum oder Unterrichtsraum? Diese Kammer muss beides sein.
Abstellraum oder Unterrichtsraum? Diese Kammer muss beides sein.Foto: Ulrike Scheffer

Zipperer hatte auch beklagt, dass sich der Bezirk "offenbar damit abgefunden hat, dass er nichts ändern kann, und nur den Mangel verwaltet". Er wünschte sich mehr Aufmerksamkeit und Engagement. Die Stadträtin wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Sie kümmere sich sehr wohl und sei auch mehrfach an der Grundschule im Hasengrund gewesen, erwiderte sie. "Einmal sogar schon um acht Uhr morgens." Warum der Besuch einer Schule zu dieser Uhrzeit etwas Besonderes sein soll, hätte sie den anwesenden Schülern vielleicht erklären sollen.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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