Pankow-Kolumne : Der Geist des 9. November

Werner Krätschell erlebte die Wende hautnah mit. Sein Pankower Pfarrhaus war Anlaufstelle für Oppositionelle und Friedensaktivisten. In seiner Kolumne für Tagesspiegel online öffnet er sein Tagesbuch. Diesmal geht es um die Niederlage der Bürgerbewegungen bei den Wahlen im März 1990.

Werner Krätschell
Ein Berliner Wahllokal am 18. März 1990.
Ein Berliner Wahllokal am 18. März 1990.Foto: Sven Simon/imago

Die Zeit zwischen dem Mauerfall am 9. November 1989 und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 beendete in einem atemberaubenden Tempo für die Menschen in der DDR eine fast 60-jährige Zeit von zwei Diktaturen auf dem von ihnen bewohnten Gebiet: zuerst die schrecklicher zwölf „braunen“ und anschließend die 44 „roten“ Jahre.

Darum ist die Geburtsstunde des neuen, demokratischen Gesamtdeutschlands eigentlich der Tag der ersten, freien Wahlen auf diesem Gebiet seit 56 Jahren, am 18. März 1990. Dass das Wahlergebnis für uns aus dem Widerstand mit einer Enttäuschung über ihr Ergebnis endete, war zwar schmerzlich, führte letztlich aber noch schneller zur Wiedervereinigung. Zwei Tagebucheintragungen, die einmal den großen politischen Zusammenhang spiegeln und einmal die Entwicklung im „Kleinen“, verdeutlichen die schnellen Veränderungen.

Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.
Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.Foto: Ulrike Scheffer

18. März 1990

Die erste demokratische Wahl nach über 50 Jahren in diesem Teil Deutschlands. Überwältigender Sieg der konservativen CDU. Die Mehrheit der Wähler hat für die Bonner CDU von Kanzler Kohl gestimmt, nicht etwa für die ostdeutsche CDU, die jahrzehntelang Mitläuferpartei der Kommunisten war. Aber im ostdeutschen Parlament sitzen nicht westdeutsche, sondern hiesige CDU-Leute! Das wird sich noch zeigen.

Die SPD hat unerwartet schlecht abgeschnitten. Viel zu stark ist die PDS geworden, die Nachfolgepartei der SED. Erschütternd: die Vorbereiter und Träger der politischen Wende, die Oppositionsgruppen und Bürgerbewegungen, haben die wenigsten Stimmen erhalten und stellen die kleinste Abgeordnetenzahl. Die Mehrheit hat das „Geld“ gewählt und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Wer kann es verdenken nach diesen schlimmen 40 Jahren! Alle wollen schnell noch ein Stück Leben nachholen, aber für viele ist es zu spät. Arme, um dieses Stück Leben betrogene Ostdeutsche, aber auch Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn…

7. April 1990

Sechs Kilometer von hier, in Wilhelmsruh, soll heute ein neuer Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin feierlich eröffnet werden. Der vom Pankower Runden Tisch anstelle des Genossen Hauser eingesetzte Bürgermeister Nils Busch-Pedersen lässt es sich nicht nehmen, mich mit meinen beiden kleineren Kindern abzuholen. Ich möchte mit den Kindern das Volksfest miterleben. Er ist offiziell dabei. Plötzlich drückt er mir eine Schere in die Hand. Ich soll das Band mit durchschneiden. Der Westberliner Nachbarbürgermeister Dzembritzki hält eine Rede. Neben ihm steht der französische Stadtkommandant in der typischen Uniform. Wie lange noch wird es die Alliierten geben? Obwohl schon viele neue Grenzübergänge geschaffen wurden, steckt in jeder neuen Öffnung ein wenig von der Nachtstimmung des 9.November 1989.

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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