Pankow-Kolumne : Wie die PDS das Zuhören lernte

Werner Krätschell erlebte die Wende hautnah mit. Sein Pankower Pfarrhaus war Anlaufstelle für Oppositionelle und Friedensaktivisten. In seiner Kolumne für Tagesspiegel online öffnet er sein Tagesbuch. Diesmal berichtet er vom Runden Tisch und aufschlussreichen internationalen Begegnungen in Wien.

Werner Krätschell
Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.
Werner Krätschell berichtet über seine Erlebnisse in der Wendezeit.Foto: Ulrike Scheffer

Zum letzten Mal schreibe ich meine Kolumne für den „Pankow-Blog“ des Tagesspiegel. Ich habe in meinen kurzen Texten etwas von der sehr besonderen Atmosphäre der Zeit zwischen dem Mauerfall am 9. November1989 und dem Tag der offiziellen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am 3.Oktober 1990 durch Texte aus meinem Tagebuch von vor 25 Jahren vermitteln wollen. Auch die folgenden Auszüge spiegeln etwas von dieser für uns Ostdeutsche so aufregenden Zeit.

 3. Mai 1990

Die Mitglieder des Runden Tisches bitten uns Moderatoren, auch nach den Kommunalwahlen am kommenden Sonntag die Leitung so lange zu übernehmen, bis eine Stadtregierung gebildet worden ist. Wir drei entschließen uns, nicht weiterzumachen. Ich begründe das vor den Mitgliedern. In der Pause entsteht heimlich eine Dankesrede. Benno Hasse, Vertreter der Oppositionsgruppe „Demokratie Jetzt“ hält die Rede: „(…) Dank Ihrer Hilfe haben wir ein großes Stück Demokratie durchgesetzt. Wir danken Ihnen für Ihren Humor und Ihre Langmut. In Anlehnung an ein Lutherwort möchte ich sagen: ‚Haltet die Fäuste in den Taschen, aber die Mäuler reißet auf (…).’“

Eine Woche später schreibt mir der Vorsitzende der Berliner PDS (!): „(...) Wir lernten im kontroversen Disput unter Ihrer Gesprächsführung eine wichtige und hoffentlich zukunftsträchtige Lektion in Sachen Demokratie, Toleranz, gegenseitiger Akzeptanz und Zuhörbereitschaft.“ Und das von der Partei, die uns jahrzehntelang bekämpft hat!

 30. Juni 1990

Ich bin der einzige Teilnehmer aus Ostdeutschland auf einer Konferenz in Wien zum Thema: „Central Europe on the way to Democracy“. Bei einem festlichen Essen im Palais Schwarzenberg nimmt kurz vor Mitternacht der westdeutsche Historiker Michael Stürmer das Wort. „Heute, um Mitternacht“, sagt er sinngemäß, „vollzieht sich die Wirtschafts- und Währungsunion in Deutschland. Wir sollten einen Augenblick daran denken, wie sich der Siegeszug der Demokratie und der freien Marktwirtschaft durchgesetzt und wie sich alles so wunderbar abgespielt hat in den Tagen des Umbruchs.“ Als wäre er dabei gewesen, so klang es. Es hält mich nicht lange auf meinem Stuhl. Ich halte eine Ergänzungsrede und sage etwa, dass mit dem Versinken der ostdeutschen Währung auch ein Stück unseres bisherigen Lebens und eine besondere geistige Gemeinschaft vieler Menschen aufhöre. Es sei für uns kein Siegestag, sondern eine Art „Paradoxie-Datum“: Freude und Traurigkeit in einem, verbunden mit einer gewissen ostdeutschen Solidarität mit den osteuropäischen Nachbarn. Die Reaktion auf die Rede ist heftig und völlig entgegengesetzt. Ein Russe umarmt mich mit Tränen in den Augen. Josef Tischner aus Krakau, der geistig-geistliche Vater der polnischen Solidarnosz-Bewegung, nimmt mich wortlos in die Arme.

Deutsch-deutsche Verständigungsschwierigkeiten

Das, was wir in den Westen einbringen, ist unsere Erfahrung im Leiden. Die westlichen Hörer, vor allem die deutschen, ärgern sich. Ich habe ihnen offenbar die Festfreude verdorben. Joachim Fest, der Herausgeber der FAZ, ist es auch, der mir gegenüber den Ärger formuliert. In der deutschen Botschaft in Wien, wo zu einem Umtrunk anlässlich der deutschen Union um null Uhr ein kleiner Kreis geladen ist, kritisiert er mir gegenüber unter vier Augen den das Leid mystisch verklärenden Ton meiner Rede. Ich komme mir wie ein Spielverderber vor. Ganz anders sieht Zbigniew Brzinski, langjähriger Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, die Sache. Er fragt mich, als wir am nächsten Tag im Bus nebeneinander sitzen, ob ich nicht von dem verfallenen Geld etwas dabei hätte. Ich gebe ihm einen 20-Mark-Schein mit dem Bild von Johann Wolfgang von Goethe und bekomme dafür Abraham Lincoln auf einem Dollar-Schein. Mit einem westdeutschen Teilnehmer stehle ich mich zur Fernsehübertragung des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft in Italien weg. Deutschland wird Weltmeister. Auch das noch, aber schön ist es auch.

 

 

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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