Unzureichende Ehrung für Wladimir Gall? : Streit um Gedenktafel

Das Bezirksamt prüft neue Erkenntnisse über die Rolle von Wladimir Gall bei der kampflosen Kapitulation der Spandauer Zitadelle. Besonders die Linkspartei fordert eine angemessenere Ehrung des russischen Offiziers.

Rainer W. During
Die Zitadelle drohte 1945 unter Beschuss zu geraten.
Die Zitadelle drohte 1945 unter Beschuss zu geraten.Foto: During

In Spandau gibt es weiterhin Streit um die Form der Ehrung des 2011 verstorbenen, russischen Hochschuldozenten Wladimir Gall. Er gehörte als Kulturoffizier und Dolmetscher einer Sonderals Kulturoffizier und Dolmetscher einer Sondereinheit der Roteeinheit der Roten Armee zusammen mit Major Wassili Grischin zu den Parlamentariern, die 1945 die kampflose Übergabe der Zitadelle aushandelten, auf der sich neben deutschen Wehrmachtseinheiten auch zahlreiche Zivilisten aufhielten. So konnte ein Blutvergießen verhindert werden. Seit Mai dieses Jahres erinnert daran eine auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung in der historischen Festung angebrachte Tafel.

Neue Plakette gefordert

Das reicht SPD, Grünen und Linkspartei allerdings nicht aus. Sie fordern eine neue, ausschließlich auf Wladimir Gall bezogene Plakette, die links vom Eingang der Zitadelle angebracht werden soll. Sie soll laut Mehrheitsbeschluss der BVV vom 20. Mai in der gleichen Form gestaltet werden wie die bereits vorhandene Plakette für den preußischen General August von Thümen, der 1813 die französischen Besatzungstruppen von der Zitadelle vertrieb.

Umgesetzt wurde der Beschluss bisher nicht, denn inzwischen gibt es Streit um die seit Jahrzehnten gängige Darstellung der Ereignisse. Bei einer von der Heimatkundlichen Vereinigung am 9. September organisierten Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren wurden von einem Historiker neue Erkenntnisse vorgestellt, wonach die Kapitulation der Zitadelle nach Aussagen von Zeitzeugen mit dem Besuch von Gall und Grischin nicht abgeschlossen war. Danach hat es sich um einen längeren Prozess gehandelt. Zeitgleich bildete sich eine Bürgerinitiative, die fordert, dass Gall „angemessener als bisher“ gewürdigt wird. Zu den Gründungsmitgliedern gehören die Schauspieler Peter Sodann und Jaeckie Schwarz.

"Quellenkritische Auseinandersetzung"

In der Bezirksverordnetenversammlung gab es jetzt zwei neue Vorstöße der Linkspartei in Form einer Anfrage des Einzelverordneten Dirk Großeholz und einer Bürgeranfrage der früheren Bezirksverordneten Anne-L. Düren. Wie Kulturstadtrat Gerhard Hanke (CDU) mitteilte, kann der Antrag zum jetzigen Zeitpunkt nicht umgesetzt werden, da noch immer inhaltliche, sicherheitstechnische und denkmalpflegerische Bedenken bestehen. Man sei dabei, die Erkenntnisse aus der Gedenkveranstaltung auszuwerten.
Bei dieser Veranstaltungen seien die Verdienste von Wladimir Gall und seine herausragende Rolle beim Schutz der Frauen und Mädchen auf der Zitadelle „in einer quellenkritischen Auseinandersetzung“ gewürdigt worden, erklärte Bürgermeister Helmut Kleebank (SPD). Die von der Linkspartei geforderte Zuziehung von weiteren Historikern aus Russland sei nicht erwogen worden, weil neue Quellen in Form von 20 Zeitzeugen erschlossen werden sollten. Die Gewinnung neuer Zeitzeugen aus Russland, die das Kriegsende in Spandau erlebt haben, wäre dagegen praktisch kaum umsetzbar gewesen.

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