Aus Afrika zurück nach Zehlendorf : „Tansania hat mich abgehärtet“

Kein Strom, kein Licht, und Regen ohne Ende. In diesen Momenten hat unsere Autorin im fernen Tansania das Heimweh gepackt. Aber eigentlich hat sie in den drei Monaten Afrika mehr gelernt als in 13 Jahren Schule. Vor allem: Gelassenheit und Geduld.

Nora Tschepe-Wiesinger
Tropensturm. Unsere Autorin hat in Tansania einiges erlebt, jetzt kehrt sie zurück nach Berlin.
Tropensturm. Unsere Autorin hat in Tansania einiges erlebt, jetzt kehrt sie zurück nach Berlin.Foto: dpa

Es regnet. Ununterbrochen. Und das schon seit drei Tagen.

In Tansania hat die Regenzeit begonnen, was bedeutet, dass es tagsüber „nur“ noch 30 statt 35 Grad warm ist und ich nachts meine kurzen Schlafanzughosen gegen lange tauschen muss. Dafür hat die Luftfeuchtigkeit enorm zugenommen, und ich fühle mich die meiste Zeit wie im Großen Tropenhaus des Botanischen Gartens. Anders als beim riesigen Berliner Gewächshaus kann ich jedoch nicht einfach aus der Tür treten und bin wieder in einer gemäßigten, kontinentalen Klimazone und Jahreszeit, sondern muss mich dafür ins Flugzeug setzen und 10000 km fliegen.

Während meine Freunde auf Facebook den Frühling in Deutschland mit den ersten Sonnenbrillen-Selfies feiern, liege ich unter meinem Moskitonetz und schaue zu, wie sich der Sandweg vor dem Fenster in eine Schlammlawine verwandelt. Irgendwann ist meine Stimmung so trüb wie das Wetter.

Als dann noch der Strom ausfällt, überkommt mich starkes Heimweh. Ich habe das kindliche Bedürfnis, mich bei meiner Mutter auszuweinen; doch nicht mal das ist möglich, denn mein Handyakku macht ohne Stromzufuhr nach wenigen Stunden schlapp. Passenderweise sind die Batterien für meine Taschenlampe auch leer. So bleibt mir und meiner kenianischen Mitbewohnerin Rebecca nach Einbruch der Dunkelheit nichts anderes übrig, als Kerze um Kerze zu entzünden. Bei flackerndem Kerzenlicht kochen wir etwas Wasser auf einem Gaskocher, und bei der anschließenden Tasse Tee kommt mir der Stromausfall schon weniger dramatisch, ja fast romantisch vor.

Das Dorf und die Küche.
Das Dorf und die Küche.Foto: NTW

In der folgenden Nacht wird Mwandege, das tansanische Dorf, in dem ich seit fast drei Monaten wohne, von einem starken Gewitter heimgesucht. Der Himmel ist erhellt von Blitzen und das Donnergrollen ohrenbetäubend. Dazu regnet es so doll, dass Rebecca und ich unsere Betten in die Raummitte verschieben müssen, um nicht nass zu werden. In keinem der Häuser im Dorf gibt es Fenster aus Glas, stattdessen nur engmaschige Fliegengitter, die zwar vor den meisten Moskitos, nicht aber vor dem sintflutartigen Regen schützen. Mir wird im Schein der zuckenden Blitze und angesichts der Tatsache, dass keines der Häuser einen Blitzableiter hat, angst und bange. Noch nie in meinem Leben habe ich mich der Natur so ausgeliefert gefühlt und kann stundenlang nicht einschlafen.

Als ich am frühen Morgen gerädert erwache, hat es zwar aufgehört zu regnen, doch mich erwartet eine weitere Überraschung: Im Badezimmer sitzt mir ein Skorpion gegenüber, dem es wohl draußen auch zu nass war. Nun fühle ich mich endgültig wie eine unfreiwillige Teilnehmerin des Dschungelcamps und verscheuche den Eindringling mit einem Besen.

Laptop: unwichtig, Wasser: wichtig!

Beim Frühstück ist der nächtliche Sturm das Thema Nummer 1 unter den Bewohnern der Missionsstation und an der Grundschule auf dem Missionsgelände, wo ich täglich die fünfte Klasse in Englisch unterrichte. Erstaunt stelle ich fest, dass die meisten Tansanier noch mehr Panik hatten als ich, denn ein derart heftiges Gewitter kommt in dieser Gegend höchstens alle fünf Jahre vor.

Als Folge des Unwetters bleibt der Strom auch in den nächsten drei Tagen aus. Nach 24 Stunden gibt es außerdem kein Wasser mehr, denn der Brunnen, aus dem das Wasser kommt, wird mit einer Elektropumpe betrieben, die nun ebenfalls außer Betrieb ist.

Huch, dachte sich unsere Bloggerin, als ein ungebetener Gast namens Skorpion hereinmarschiert kam.
Huch, dachte sich unsere Bloggerin, als ein ungebetener Gast namens Skorpion hereinmarschiert kam.Foto: dpa

Ich stelle fest, dass mein Smartphone und Laptop bei weitem nicht überlebenswichtig sind – Wasser hingegen schon. Also fülle ich am Wassercontainer der Mission Eimer um Eimer auf. Während die Tansanierinnen die vollen Eimer kunstvoll auf dem Kopf zu ihren Häusern zurücktragen, hole ich mir durch das Festhalten an den dünnen Metallgriffen beim Wasserschleppen zwei große Blasen an den Händen.

Auf einmal komme ich mir ziemlich verweichlicht vor.

Wie komfortabel es doch ist, einfach den Wasserhahn aufzudrehen und frisches Trinkwasser direkt aus der Leitung zu zapfen! Mein nicht enden wollendes Gestöhne und Gemecker sind mir peinlich, als ich bemerke, mit welcher Ruhe und Gelassenheit die meisten Tansanier den Strom- und Wasserausfall hinnehmen. Erneut stelle ich fest, dass mein Leben in Deutschland im Vergleich zu dem vieler Tansanier unglaublich bequem und komfortabel ist. Weder um die Strom- noch Wasserversorgung muss ich mir Gedanken machen, kann jeden Tag so viel und so exotisch essen, wie ich will, und muss meine Kleidung nicht mühsam mit der Hand waschen.

Die letzten drei Monate in Tansania haben mich abgehärtet. Gleichzeitig haben sie mir für mich selbst überraschend deutlich gemacht, wie deutsch ich doch bin. Mir haben nicht nur materielle Dinge wie mein Bett, Vollkornbrot und High-Speed-Internet gefehlt; auch mit der Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit der Tansanier habe ich mich schwer getan. Ein Versprechen hat in Tansania offensichtlich weniger Verbindlichkeit als in Deutschland und wird in 50 Prozent der Fälle nicht eingehalten, wie ich mehrmals selbst erfahren habe.

In Deutschland warten - Termine

Meine Mitbewohnerin Rebecca erklärt mir schließlich, dass die Tansanier ständig jeden aus Höflichkeit einladen – egal, ob sie tatsächlich Zeit oder Lust auf eine gemeinsame Unternehmung haben. Daher rät sie mir, in Zukunft bei einer Einladung immer einen Plan B bereitzuhaben – für den Fall einer plötzlichen Absage. Außerdem solle ich mir abgewöhnen, pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit zu Verabredungen zu erscheinen, um mich so ein wenig gegen allzu langes Warten und die daraus resultierenden Frustrationen zu wappnen.

Ich habe mich immer als Globetrotterin mit mehr Fern- als Heimweh gesehen. Es überrascht mich, festzustellen, wie sehr ich mich jetzt, kurz vor dem Heimflug, doch auf zu Hause, die deutschen Gewohnheiten und Traditionen und nicht zuletzt das vertraute Essen freue. Gleichzeitig kann ich mir nur schwer vorstellen, in wenigen Tagen wieder ein hektisches Leben im Minutentakt nach Terminkalender zu führen. In Tansania habe ich Stunden damit verbracht, meine Wäsche zu waschen oder beim Kochen zu helfen. In Deutschland wird mein Tagesablauf wieder aus unzähligen aufeinander folgenden Terminen und Verabredungen bestehen.

Wäsche waschen kann in Tansania eine sehr zeitintensive Angelegenheit sein, dabei lernt man Demut.
Wäsche waschen kann in Tansania eine sehr zeitintensive Angelegenheit sein, dabei lernt man Demut.Foto: NTW

Vor meinem Abflug nach Tansania vor drei Monaten habe ich beschlossen, den Swahili-Spruch „Hakuna matata“– „es gibt keine Probleme“ – zum Motto meiner Afrikareise zu machen. Und tatsächlich wurde ich entgegen allen anfänglichen Sorgen und Warnungen weder ausgeraubt, noch ernsthaft krank.

Von den Tansaniern habe ich nun ein neues Motto gelernt: „pole, pole“, was „langsam, langsam“ oder auch „immer mit der Ruhe“ bedeutet. Ich hoffe, mir diese Ruhe auch im hektischen deutschen Alltag bewahren. Warten kann ich ja jetzt!

Die Autorin arbeitet als freie Mitarbeiterin für den Tagesspiegel und den Zehlendorf Blog, das Online-Magazin aus dem Südwesten. In den letzten Monaten bloggte sie aus Tansania.

 




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