Bundestagswahl: Direktkandidaten-Duell in Zehlendorf : Wenig Speed, aber ein gutes Date!

Nicht alle Direktkandidaten aus Steglitz-Zehlendorf kamen zum Speeddating in den Nachbarschaftstreff Phoenix. Interessant wurde es dann trotzdem - und der Zehlendorf Blogger durfte sogar eine eigene Frage an die anwesenden Politiker stellen.

Julian Krischan
Vorgang auf und Fragen beantwortet: Nina Stahr (Grüne), Frank Thiesen (Piraten), Thomas Seerig (FDP), Ute Finkh-Krämer (SPD), Gerald Bader (Linke), Thomas Heilmann (CDU), Timm Lehmann (Phoenix)
Vorgang auf und Fragen beantwortet: Nina Stahr (Grüne), Frank Thiesen (Piraten), Thomas Seerig (FDP), Ute Finkh-Krämer (SPD),...Foto: Julian Krischan

Mit Getränken und schönen Schildern waren die Tische für die einzelnen Themenbereiche vorbereitet, doch soweit sollte es beim geplanten "Politiker-Speeddating" im Nachbarschaftstreff "Phoenix" am Teltower Damm in Zehlendorf nicht kommen: Da die Runde ziemlich überschaubar war, entschied man sich nach einer basisdemokratischen Mehrheitsabstimmung für eine Podiumsvariante - oben auf der Bühne die Politiker und unten in den Zuschauerreihen die potenziellen Wähler. Dabei klappte die Verständigung ganz ohne Mikrofon, denn ohne "Speed" und ohne "Datings" ging es bei dieser öffentlichen Abendveranstaltung im Zehlendorfer Süden ziemlich gemächlich zu.

Als direkte Wahlkreiskandidaten für die Bundestagswahl waren Ute Finkh-Krämer für die SPD und Nina Stahr für die Grünen gekommen, für die Kandidaten der FDP, der Linken und der Piratenpartei erschien jeweils ein Vertreter. Für Karl-Georg Wellmann als amtierenden Bundestagsabgeordneten übernahm die Vertretung Thomas Heilmann, CDU-Kreisvorsitzender und Senator für Justiz – "und Verbraucherschutz", wie der Moderator der Veranstaltung vom Publikum korrigiert wurde.

"Die kiffen schon ab der sechsten Klasse"

Was politisch zählt, sollte an diesem Abend von Bürgern bestimmt werden – zuallererst fragte aber der Moderator: "Welchen Beschluss ihrer Parteien haben sie bislang zwar vertreten, aber persönlich nicht für gut befunden?" Während Ute Finkh-Krämer von der zeitlichen Befristung der Option der doppelten Staatsbürgerschaft spricht und stattdessen eine Entfristung befürwortet, nehmen Nina Stahr und Frank Thiesen – als Spandauer Piraten-Direktkandidat heute in Zehlendorf vor Ort – auf die Legalisierung von Drogen Bezug, die sie persönlich in Teilen nicht für gut befinden würden.

"Die kiffen teilweise schon ab der sechsten Klasse und kommen so zu mir in die erste Stunde", berichtet Stahr von ihrem Lehramtsreferendariat an einer Neuköllner Schule. Juristischen Sachverstand stellt anschließend Thomas Heilmann unter Beweis, indem er berichtigend einwirft, dass nicht der Besitz, sondern lediglich der Handel mit Cannabis von einer Entkriminalisierung betroffen wäre – und außerdem seien die Sechstklässler noch gar nicht strafmündig.

Unser Autor und Zehlendorf Blogger ist 28 Jahre alt und studiert an der Freien Universität in Dahlem "Medien und politische Kommunikation".
Unser Autor und Zehlendorf Blogger ist 28 Jahre alt und studiert an der Freien Universität in Dahlem "Medien und politische...Foto: privat

Und schon ist es soweit – der Ball geht ans Publikum. Gefragt wird von den potenziellen Wählern, was ihnen am Herzen liegt: Löhne, Mieten, Renten. Der hauptsächliche Redeanteil bleibt dabei auf dem Podium, und sehr souverän referieren die Politiker die einzelnen Kapitel der Wahlprogramme ihrer Parteien. "Bei wie vielen Parteien waren Sie schon?", lautet eine zuspitzende Frage aus dem Publikum. Die Antworten darauf kommen überraschend solide daher: Nahezu alle Vertreter sind ihren Parteien über viele Jahre und Jahrzehnte treu verbunden.

Als Zehlendorf Blogger begebe ich mich schließlich in die Offensive und will es genau wissen: Was ist für die gekommenen Politiker das aktuell brennendste Thema in Zehlendorf, um das sie sich auch auf Bundesebene kümmern möchten? Nach kurzer Beratung ist das Podium bereit, mir mit Bezug auf den Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf Auskunft zu geben: Als erste führt Ute Finkh-Krämer ein "Doppelpaket" von Mieten und Bahnprivatisierung ins Feld – auch in Zehlendorf seien Mieter von Verdrängung bedroht und "vor zehn Jahren lief bei der S-Bahn alles noch besser".

Ein Dating braucht keine Bühne, nur Tische.
Ein Dating braucht keine Bühne, nur Tische. Am Ende waren zu wenig Wähler da, und die Politiker mussten doch auf die Bühne.Foto: Julian Krischan

Nina Stahr rückt den Kita-Ausbau rund um die Steglitzer Schloßstraße in den Mittelpunkt, und Thomas Heilmann spricht von "verschiedenen und vernetzten Schwerpunktthemen", da seine Partei mit über zweitausend Mitgliedern im Bezirk an vielen Orten engagiert sei. Thomas Seerig führt für die FDP aus, dass der Schwerpunkt für die Liberalen in der Weiterentwicklung des Wissenschafts- und Kulturstandorts Dahlem sowie der Hochschuleinrichtungen im Bezirk liege. Die Rolle des Bundes sei hierbei noch nicht abschließend geklärt.

Schließlich wird es knapp mit der Zeit und so bekommt die junge Jolita das Wort, die zu den wenigen jugendlichen Teilnehmern der Veranstaltung gehört: "Mich interessiert die Außenpolitik: Wie stehen ihre Parteien zum Waffenexport?", möchte sie wissen. Wie aus der Pistole geschossen kommt ein "Nein" von Nina Stahr, von Ute Finkh-Krämer und auch von Gerald Bader als Vertreter der örtlichen Linkspartei.

Die Qual, ähm, das Privileg der Wahl, am 22. September ist es soweit.
Die Qual, ähm, das Privileg der Wahl, am 22. September ist es soweit.Foto: Julian Krischan

Die Vertreter der Regierungsparteien sind dagegen verhaltener und sprechen von sensiblen Herangehensweisen und individuellen Konfliktlagen in den Krisenregionen, sie nehmen Bezug auf den arabischen Frühling, auf Ägypten, Libyen, Israel.

Im Saal wird es unruhig, doch für Rückfragen bleibt keine Zeit. Die Politiker müssen weiter. Das letzte Wort hat schließlich Timm Lehmann, Leiter des "Phoenix": "Ich würde mich freuen, wenn sie als Politiker öfters vorbeikommen – und nicht nur alle vier Jahre!"

Der Autor ist 28 Jahre alt und studiert "Medien und politische Kommunikation" im Masterstudium an der Freien Universität in Dahlem. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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