Hilfe bei psychischen Problemen in Berlin : "Kinder müssen funktionieren"

Auch im gut situierten Steglitz-Zehlendorf gibt es Kinder mit psychischen Problemen. Der Erwartungsdruck mancher Eltern ist hoch. Oft suchen sie erst spät Rat bei Fachleuten.

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Der Erwartungsdruck mancher Eltern an ihre Kinder ist hoch und vielfach ohne Alternative. „Es kann nicht sein, dass mein Kind psychische Probleme hat“, ist eine häufige, oft unbewusste Devise im gut situierten Teil von Steglitz-Zehlendorf
Der Erwartungsdruck mancher Eltern an ihre Kinder ist hoch und vielfach ohne Alternative. „Es kann nicht sein, dass mein Kind...Foto: imago

Steglitz-Zehlendorf ist ein privilegierter, gutbürgerlicher Bezirk. Hier wird auf hohem Niveau gejammert. Geldsorgen gibt es nicht. Diese Klischees sind gemeinhin verbreitet, oft auch zu lesen in den Kommentaren im Tagesspiegel Zehlendorf. Dass dieses „Privileg“ jedoch zur Last werden kann und manche Menschen überfordert, bemerken wenige.

Kein Wunder, denn ernste Probleme sind in vielen Familien „nicht vorgesehen“ und werden gern überspielt. Zwar geht es in der Tat vielen Kindern hier wirtschaftlich sehr gut, aber es gibt auch eine andere Seite. Der Erwartungsdruck mancher Eltern an ihre Kinder ist hoch und vielfach ohne Alternative. „Es kann nicht sein, dass mein Kind psychische Probleme hat“, ist eine häufige, oft unbewusste Devise im gut situierten Teil von Steglitz-Zehlendorf.

Diese Entwicklung beobachtet das Jugendamt bereits seit einigen Jahren. Erst spät, im Grunde viel zu spät, wie die Fachleute finden, kommen die Eltern und bitten um Hilfe. Beruf, Karriere, Ruf – also gesellschaftliche Anerkennung -  haben zunächst Priorität, sagt Christa Markl-Vieto (Grüne), die zuständige Bezirksstadträtin. „Dann bleibt häufig nicht genug Zeit, um eine emotionale Bindung zum eigenen Kind aufzubauen“, erklärt sie.

Das Haben spiele eine immer bedeutendere Rolle und das Sein trete dabei in den Hintergrund. Die Kinder könnten den Leistungsanspruch der Eltern oft nicht mehr erfüllen. „Sie müssen funktionieren“, macht sie deutlich. Theaterspielen, Sport, Musikinstrument, soziales Engagement in der Kirche, drei Fremdsprachen – am besten sollte das Kind mindestens mit vier Jahren schon einmal alleine verreist und mit 15 für ein Jahr in den Vereinigten Staaten gewesen sein, so die Erfahrung des Jugendamtes.

Wenn dann aber ein Kind erste Leistungsschwächen zeige, seien die Eltern bemüht, das zu verheimlichen. „Ihnen ist es oft lieber, zu sagen, dass ihr Kind krank ist, als dass es  versagt“, beschreibt Hannelore Grauel-von Strünck. Sie ist die Leiterin der Psychosozialen Dienste im Jugendamt von Steglitz-Zehlendorf. Denn schnell stelle sich die Schuldfrage. Woher kommt die Störung? „Habe ich als Mutter oder Vater etwas falsch gemacht?“ Das sei für viele undenkbar. „Sie gehen davon aus, dass sie auch in der Familie, wie im Beruf perfekt sein müssen“, ergänzt Grauel-von Strünck.

Die Probleme bei Moritz begannen, als er 13 war

Die Statistiken der letzten Jahre zeigen, dass die Hilfen zur Erziehung (HzE), zu denen auch ambulante Psychotherapien gehören, in Steglitz-Zehlendorf verglichen mit den anderen Berliner Bezirken zeitlich am spätesten, dafür umso länger und intensiver in Anspruch genommen werden. Zwar müsse man differenzieren, denn der Bezirk werde hierbei in verschiedene Regionen und Altersstufen eingeteilt, aber die Grundtendenz sei durchaus erkennbar. Bedeutet das, dass in einer Region mit besserer Sozialstruktur diese bestimmte Art der Überforderung der Eltern und Kinder steigt?

Die Kinder können den Leistungsanspruch der Eltern oft nicht mehr erfüllen, sondern müssen funktionieren, sagt Christa Markl-Vieto (Grüne), Bezirksstadträtin u.a. für den Bereich Jugend
Die Kinder können den Leistungsanspruch der Eltern oft nicht mehr erfüllen, sondern müssen funktionieren, sagt Christa Markl-Vieto...Foto: Anett Kirchner

Hannelore Grauel-von Strünck nennt ein Beispiel aus dem Alltag: Die Probleme bei Moritz (Name geändert) begannen, als er 13 war. Er hatte immer weniger soziale Kontakte, saß ständig vor dem Computer, schwänzte die Schule. Das ging so weit, dass er sich zunehmend isolierte und eine soziale Angst entwickelte. Die Eltern, beide berufstätig und ohne Geldsorgen, konnten nicht mehr zu Moritz durchdringen. Sie ließen ihn in eine psychiatrische Klink für Kinder und Jugendliche einweisen. Dort wurde auch mit den Eltern gesprochen und festgestellt, dass die Erziehungssituation unterstützt werden sollte, weshalb Moritz nicht mehr in der Familie leben konnte. Für solche Fälle gibt es im Bezirk eine Schule mit Internat und Therapieangeboten. Klinik und Eltern einigten sich auf diesen Weg.

Erst dann kam das Jugendamt ins Spiel. „Mit der Diagnose und der Empfehlung der Klinik, also dem fertigen Paket, sind sie zu uns gekommen und wollten finanziell unterstützt werden“, erklärt die Fachfrau. Viel zu spät, wie sie findet. Je früher das Jugendamt involviert werde, desto besser. „Dann können wir für den speziellen Fall bildlich gesprochen einen Maßanzug der notwendigen Hilfen schneidern.“ Doch so, wie es in diesem Beispiel gelaufen sei, habe das Jugendamt kaum noch Möglichkeiten, Einfluss auf die therapeutischen Maßnahmen zu nehmen.

Eltern setzen Sozialarbeiter unter Druck

Eine weitere Erfahrung sei, dass bürgerliche und gebildete Eltern die Sozialarbeiter in gewisser Weise „unter Druck setzten“ und auf bestimmte Therapieangebote bestünden; meist hochwertige, teure Angebote. Durch das gesetzlich verankerte Wunsch- und Wahlrecht der Eltern hinsichtlich der Hilfe hat das Jugendamt hier in Steglitz-Zehlendorf deshalb teilweise höhere Ausgaben in diesem Bereich als andere Bezirke, sagt Doris Lehmann, die Amtsleiterin.

Ein Fall wie Moritz zum Beispiel koste jährlich rund 25.000 Euro. Solche Hilfen könnten aber auch – je nach Intensität der Maßnahmen - bis zu 180.000 Euro teuer werden. „Dabei finanzieren wir das Defizit, also die Schwächen, anstatt im Vorfeld die Stärken zu fördern“, erklärt sie. Diesen Prozess umzudrehen, sprich Bedingungen für Kinder zu schaffen, dass sich gewisse Defizite nicht verstärken und in eine Krankheit münden, ist das Ziel.

Im Theaterworkshop sollen Kinder die Scheidung der Eltern erarbeiten

Und genau dort setzt das Modellprojekt „Sozialräumlich orientierte Leistungen“ (SRL) an, das seit Januar für drei Jahre vom Jugendamt in Steglitz-Zehlendorf getestet wird. Ein Beispiel: Wenn sich Eltern trennen, ist das für Kinder oft unerträglich. Manche bekommen den Eindruck, sie könnten Schuld sein.

Für solche Fälle sei im Zuge des SRL-Projektes beispielsweise ein Theaterworkshop denkbar, in dem die Kinder das Thema Scheidung selbst und mit anderen betroffenen Kindern erarbeiten; also emotionales Wissen darüber gewinnen. „Wenn ein Kind etwas selbst erarbeitet hat, kann es das besser verarbeiten, daraus lernen und seine Selbstwirksamkeit wird gestärkt“, erklärt Lehmann.

Das Modellprojekt besteht aus einem Innovationsteam, das sich sowohl um einzelne Fälle in der Jugendhilfe als auch um die Struktur des Lebensumfeldes von Familien kümmert. Es entwickelt alternative, präventive Angebote unter anderem mit Schulen, Kitas, Kirchen, Vereinen oder Theatergruppen; jeweils begleitend zu den bestehenden Hilfen zur Erziehung (HzE). Wenn das erfolgreich ist, könnte dieses Modell in Zukunft vermutlich dem hier dargestellten Phänomen gut situierter Familien mit psychisch belasteten Kindern entgegenwirken. Die Hilfen kämen dann früher und wären zudem niederschwelliger. Das Jugendamt Steglitz-Zehlendorf würde Geld sparen und den Kindern bliebe eine „Karriere“ beim Therapeuten erspart.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

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