Interview mit dem Leiter der Leo-Borchard-Musikschule : "Die Musikschule Steglitz-Zehlendorf ist nicht pleite"

An dieser Stelle hat vor wenigen Tagen Dirk Strakhof, Musikschullehrer an der Leo-Borchard-Musikschule, die dortigen Arbeitsumstände angeprangert. Nun äußert sich der Leiter der Musikschule, Joachim Gleich, zu Wort.

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Joachim Gleich unterstützt die Forderung des Landesmusikrates, dass mindestens 20 Prozent der Musikschullehrer festangestellt werden sollen
Joachim Gleich unterstützt die Forderung des Landesmusikrates, dass mindestens 20 Prozent der Musikschullehrer festangestellt...Foto: Leo-Borchard-Musikschule

Joachim Gleich leitet seit 25 Jahren die Leo-Borchard-Musikschule. Er war davor selbst lange Jahre als freiberuflicher Musikschullehrer tätig. Kürzlich hatte der Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf einen Gastbeitrag eines der Musiklehrer publiziert und auch zuvor schon mehrfach über die Situation an der Musikschule berichtet. Gleich sagte nun dem Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf, er respektiere es, wenn sich die freien Mitarbeiter äußern. Er wisse, dass sich die Honorarkräfte Sorgen machten, wie es in der nächsten Legislaturperiode weiter gehen wird.

Lesen Sie hier das ganze Interview.

Herr Gleich, ist die Leo-Borchard-Musikschule wirklich pleite?

Ich möchte klar stellen: Die Musikschule Steglitz-Zehlendorf ist nicht pleite. Wir haben zu Jahresbeginn viele neue Schüler aufgenommen, um die Auswirkungen der Haushaltssperre des vergangenen Jahres zu kompensieren, deshalb ist das im Haushaltsplan für Neuaufnahmen festgelegte Budget nun ausgeschöpft. Bereits im Dezember werden wir neue Schüler aufnehmen.

Bei der Musikschule handelt es sich ja um ein subventioniertes Unternehmen, das sich zu fünfzig Prozent durch das Land Berlin finanziert. Bei einer hundertprozentigen Kostendeckung durch die Eltern hätten wir kein Problem, dann wären die Honorare gegenfinanziert. Dann hätten jedoch nicht alle einen chancengleichen Zugang zur musikalischen Bildung.

A propos Honorare, Herr Strakhof prangert gerade auch dieses Thema an: die Honorare seien monatlich schwankend, die eingeführte Einzelabrechnung zeitraubend. Was sagen Sie zu den Vorwürfen?

Zunächst: Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, als freier Musikschullehrer bestimmte Entwicklungen zu beobachten, und kann die Sorgen der Honorarlehrer daher nachvollziehen.

Nach den alten Ausführungsvorschriften gab es jeden Monat das gleiche Honorar, das natürlich dem Schülerstand entsprach. Nun kann eine Honorarkraft nicht mehr pauschal bezahlt werden. Der Auftragnehmer muss nun jede einzelne Stunde mit dem Auftraggeber abrechnen, und das macht das Ganze zweifellos kompliziert. Ich habe Verständnis für das, was Herr Strakhof schreibt, aber diese Vorschriften gelten für alle zwölf Bezirksmusikschulen.

Herr Strakhof schreibt auch über die mangelhafte Software und die personelle Unterversorgung der Musikschulverwaltung. Wie ernst ist die Lage wirklich?

Diese Themen betreffen fast alle Musikschulen in Berlin. Wir machen uns Gedanken, wie wir nachweislich belegen können, dass zusätzliche Geschäftsprozesse entstanden sind, die eine bessere personelle Ausstattung erforderlich machen, gerade was eine Musikschule mit unserer Betriebsgröße, nämlich 8624 Schüler, betrifft.  Es ist völlig unbestritten, dass wir mehr Personal brauchen. Wir haben die Senatsverwaltung für Finanzen auch bereits darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Arbeit so nicht zu leisten ist.

Durch die Einführung der AV Honorare (Anm. der Red.: Ausführungsvorschrift über Honorare) ist der Verwaltungsaufwand objektiv gestiegen. Und die neue Software bildet ja nur ab, was in der AV Honorare steht.

Diese Software ist am Reißbrett konzipiert, aber wie so oft – auch in anderen Bereichen – gibt es bei der Einführung in der praktischen Umsetzung dann Probleme. In der Anwendergemeinschaft der Musikschulen wird die Musikschulen-IT weiterentwickelt. Seit der Einführung der Software vor zwei Jahren treffen sich dazu alle acht Wochen die Musikschulleiter, um in einer Anwendergemeinschaft die Software weiterzuentwickeln. Nun steht das vierte größere Update an. Wir sind mittlerweile auf einem ganz anderen Stand als bei der Einführung der Software.

Was müsste von Bezirksamtsseite passieren, damit sich die Situation an der Leo-Borchard-Musikschule bessert?

Dem neuen Bezirksamt sollte man zunächst die Chance einräumen, etwas für die Musikschule Steglitz-Zehlendorf zu bewegen.

Schließlich trägt der Bezirk ein Haushaltsdefizit von 7,8 Millionen vor sich her. Das neue Bezirksamt wird sich Gedanken machen müssen, wie es mit diesem Defizit umgeht. Klar, wird das Bezirksamt weiter sparen müssen, aber es wird sich dabei auch der Bedeutung der Musikschule bewusst sein müssen. Ich gehe davon aus, dass sich die Bezirkspolitik mit dem Thema Musikschule intensiv auseinandersetzen wird.

Der Geldmangel betrifft alle Bereiche im Bezirk - und viele Musikschulen in den anderen Bezirken. Die Unterfinanzierung der Bezirke ist hinlänglich bekannt.

 

Musikschulleiter Joachim Gleich und Kulturstadträtin Cerstin Richter-Kotowski, CDU, vor dem "Haus der Musik" in der Gabertstraße
Musikschulleiter Joachim Gleich und Kulturstadträtin Cerstin Richter-Kotowski, CDU, vor dem "Haus der Musik" in der GabertstraßeFoto: Leo-Borchard-Musikschule

Wie ist vor diesem Hintergrund Ihrer Meinung nach die Perspektive für den Beruf Musikschullehrer?

Ich mache mir generell Sorgen um den Berufsstand Musikschullehrer, auch was das Thema Altersarmut angeht. Um im Alter auszukommen, müssen die Honorarlehrer entsprechende Einkünfte erzielen. Wir haben hochqualifizierte Musikpädagogen, die müssen wir auch angemessen bezahlen. Von 310 Musikschullehrern sind 93 Prozent Honorarkräfte, das ist unter dem Bundesdurchschnitt und aus meiner Sicht kritikwürdig. Deshalb unterstütze ich auch die Kampagne des Landesmusikrates, der mindestens 20 Prozent Festanstellungen für Musikschullehrer fordert.

Diese Position hat sich auch in den Wahlprogrammen der verschiedenen Parteien niedergeschlagen. Ich hoffe daher, dass sich in der nächsten Legislaturperiode die Situation der Musikschulen verbessert.

70 Jahre Leo-Borchard-Musikschule - trotz aller Widrigkeiten ein Grund zum Feiern?

Natürlich gibt es trotzdem zum 70. Jubiläum der Leo-Borchard-Musikschule Grund zu feiern, der - gemessen an den Jahreswochenstunden - größten Musikschule Deutschlands seit der Bezirksfusion im Jahr 2001!

Die Entwicklung der Musikschule ist durchweg positiv, ich bin stolz auf das kompetente und engagierte Kollegium. Die Musikschule hat einen sehr guten Ruf und einen entsprechend hohen Stellenwert in der Öffentlichkeit. Sie ist bekannt für ihre gute Unterrichtsleistung, was sich auch in der Nachfrage von neuen Schülern niederschlägt.

So bieten wir eine studienvorbereitende Ausbildung, die Schüler spielen später teilweise international in Orchestern - beispielsweise ist eine meiner früheren Schülerinnen Solopaukerin in einem namhaften Schweizer Orchester geworden - oder werden selbst Musikschullehrer. Wir haben eine Kooperation mit 30 Grundschulen im Bezirk und setzen uns ein für musikalische Früherziehung. Unser soziales Engagement wird sichtbar durch Angebote in der Musiktherapie und über die Aktion „Musik ohne Grenzen“, ein Projekt mit Flüchtlingen in Kooperation mit der Bürgerstiftung Steglitz-Zehlendorf. In den letzten Jahren haben wir insbesondere den Bereich Rock/Pop und Jazz ausgebaut.

Ich gehe also davon aus, dass dem neuen Bezirksamt die besondere Bedeutung der Leo-Borchard-Musikschule bewusst ist, auch was unser Engagement für die Städtepartnerschaften angeht. Schließlich sind allein zwei der Partnerschaften über Kontakte der Musikschule entstanden: mit Poniatowa in Polen und mit Zugló, einem Stadtteil von Budapest.

Die Fragen stellte Maike Raack.

Die Leo-Borchard-Musikschule feiert mit einem Festkonzert am 10. November ihr 70-jähriges Bestehen.

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