Kaputte Schulen in Steglitz-Zehlendorf : Goethe-Oberschule - eine Million Euro Mehrkosten

Turnhalle und Mensa der Goethe-Oberschule werden bald fertig - aber auch fast eine Million Euro teurer. Wir haben das Bezirksamt gefragt, warum das so ist. Hier gibt Stadtrat Michael Karnetzki Antworten. Unser Blogger hat sich seine Meinung gebildet.

Detlef Untermann
Ist zwar noch nicht fertig, kostet aber fast eine Million Euro mehr: Die Turnhalle (mit Mensa) der Goethe-Oberschule in Berlin-Lichterfelde.
Ist zwar noch nicht fertig, kostet aber fast eine Million Euro mehr: Die Turnhalle (mit Mensa) der Goethe-Oberschule in...Foto: Untermann

Fast eine Million Euro mehr kosten Turnhalle und Mensa der Goethe-Oberschule in Berlin-Lichterfelde, darüber haben wir bereits berichtet. „Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen“, hatte der Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf, Michael Karnetzki (SPD), dem Zehlendorf Blog und Opas Blog mitgeteilt, ohne nähere Einzelheiten zu nennen. Doch das wollte Opa genauer wissen und hat nachgefragt. Die Antwort hat eine Woche auf sich warten lassen und führt nun folgende Ursachen auf:

„Die wesentlichste war schlicht der Umstand, dass die Ausschreibungen der Bauleistungen bei verschiedenen Gewerken höhere Ergebnisse erbrachten, als von den Architekten bei der Kostenberechnung angesetzt. Auf die Frage, zu welchen Kosten die Baufirmen ihre Angebote abgeben, haben wir leider als Bezirk keinen Einfluss. Das ist natürlich von der allgemeinen Baukostenentwicklung und der Baukonjunktur abhängig. Darüber hinaus gab es folgende größere Sachverhalte, die zu Kostenerhöhungen geführt haben:

– Zusätzliche Kosten für Entsorgung von Bodenaushub mit vorherigem Separieren des Aushubs durch zusätzlich von der Deponie geforderte Altlastenbeprobung. Dies hat auch zur Bauzeitverlängerung und dies wiederum zu höheren Kosten bei einzelnen Baufirmen gesorgt.

– Beim Stahlbau der Dachkonstruktion gab es nachträgliche Auflagen des Prüfstatikers. Die Hauptträger mussten zusätzlich mit ausgesteiften Platten ausgesteift werden.

– Metallbau Fassade: Bei den Wänden im Obergeschoss, die oben an das Trapezblech anschließen, mussten nachträglich für deren Anschluss deckenunterseitige Bleche vorgesehen werden. Im Erdgeschoss in den Umkleiden und im Mensabereich wurden nachträglich Innenfensterbänke entlang der Fensterbänder notwendig.

– Die Submission der Schlosserarbeiten musste aus Formgründen aufgehoben werden. Ein Angebot musste wegen eines nicht zulässigen Nebenangebots ausgeschlossen werden. Das einzige verbleibende Angebot wurde als Prognose angenommen, liegt aber deutlich über der Kostenberechnung.

– Abweichend von der Entwurfsplanung werden nun alle Mauerwerkwände verputzt und gestrichen.

– Wegen Bauzeitverlängerung musste wegen der Bauzeit eine Winterbauheizung vorgehalten werden.

– Die Elektrotrasse musste wegen brandschutztechnischer Anforderungen des TÜV Rheinland umverlegt werden. Dadurch erhöhten sich die Kosten durch andere Kabellängen und Befestigungen. Es waren auch zusätzliche Brandmelder notwendig.

– Nachträglich wurde bei den Fernmelde- und Informationsanlagen der AMOK-Alarm vorgesehen.

– Bei den Außenanlagen waren Umplanungen notwendig, weil der Vermesser nicht alle vorhandenen Bäume aufgenommen hatte, diese Bäume teilweise aber auch nicht gefällt werden dürfen. Außerdem wurden andere Oberflächen gefordert als in der BPU (Anm. von Opa: Bauplanungsunterlage) enthalten.

– Wegen der Baukostenerhöhungen musste auch die Berechnung der Baunebenkosten (z.B. Architektenhonorare) angepasst werden, da diese von den anrechenbaren Kosten der Maßnahme direkt abhängig sind.“

Was soll ich sagen? Das ist zwar eine lange Liste, aber Mehrkosten in einer Größenordnung von über 20 Prozent zeugen nicht gerade von einer sach- und fachgerechten Planung. Ich bleibe dabei: Wenn ein Privathaushalt so agieren würde, wäre er schnell pleite.

Einen Tag später legt der Stadtrat noch eine Antwort nach:

"Wie der Privathaushalt bedienen wir uns als Bezirk für die sach- und fachgerechte Planung eines freischaffenden Architekten. Dies deshalb, weil es in den 90er Jahren eine Diskussion über die Reduzierung der öffentlichen Verwaltung auf ihre Kernaufgaben gab, weil damals die Ansicht vorherrschte, dass Private alles besser machen.

Dies war auch Grundlage für den massiven Abbau von Personal in der Landes- und Bezirksverwaltung, nicht nur, aber auch in den Hochbauämtern.

Unter diesen Voraussetzungen können wir leider die Arbeit der Architekten nicht selbst noch einmal (also doppelt) machen, sondern müssen uns auf deren Arbeit in großen Teilen verlassen. Und da gibt es unterschiedlich gute Arbeit. Und wir ziehen (im Rahmen der zwingenden Vergaberegelungen) auch die Schlussfolgerungen aus der Qualität der beauftragten Architekten für zukünftige Aufträge.

Vielleicht wäre die Planung ja in diesem Fall sach- und fachgerechter gewesen, wenn ich dafür noch das eigene Personal zur Verfügung hätte.

Dass die Antwort auf Ihre Frage eine Woche gedauert hat, hatte im übrigen damit zu tun, dass ich ein paar Tage urlaubsbedingt abwesend war."

Das heißt also, das Bezirksamt kann überhaupt nicht mehr beurteilen, was die Dienstleister so alles machen. So einen Freifahrtschein hätte ich auch gerne mal. Denn für den Architekten ist die Kostensteigerung ja durchaus lukrativ, wie unter dem letzten Spiegelstrich der ersten Antwort zu lesen ist. Ich würde da eher an eine Vertragsstrafe denken, wenn die Kosten nicht eingehalten werden, als an eine Belohnung durch eine Honoraranpassung.

Was die urlaubsbedingte Abwesenheit betrifft, wäre ein kurzer Hinweis des Büros sicher auch noch eine Möglichkeit gewesen.

Der Autor Detlef Untermann ist Journalist und Kommunikationsmanager aus Berlin-Lichterfelde. Er betreibt u.a. Opas Blog, auf dem er täglich die "Gedanken eines Großvaters" äußert. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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