Mittagstisch der Zehlendorfer Paulusgemeinde : Warmes Essen und gute Worte

Zur Suppenküche der Paulusgemeinde kommen dreimal die Woche Dutzende Bedürftige. Der Tagesspiegel Zehlendorf war beeindruckt vom Engagement der freiwilligen Helfer, aber auch von den Lebensgeschichten der Menschen, die für ein warmes Essen anstehen.

Maike Edda Raack
Die Portionen müssen ungefähr gleich groß sein, damit sich niemand benachteiligt fühlt
Die Portionen müssen ungefähr gleich groß sein, damit sich niemand benachteiligt fühltFoto: Raack

Es könnte eine gewöhnliche Gaststube in Zehlendorf Mitte sein: Die Wände sind dunkel getäfelt, zwei Lüster an der gewölbten Decke beleuchten den Saal, an jedem Tisch sitzen mindestens vier Menschen, es wird gelacht und diskutiert. Ein Alleinunterhalter ruft zwei-, dreimal „Ruhe“, um dann selbst lauthals zu erzählen: “Für 50 Cent kannste drei Stunden mit dem reden!“ „So, Ruhe da hinten! Der ist ja nur am Zappeln“, meint ein weißhaariger Herr mehr zu sich als in die Runde. Er möchte nun in Ruhe sein Gulasch essen. „Heute Abend zuhause gibt es Haferflocken. Mit Wasser", erzählt er. "Das schmeckt so schön nach Getreide.“ Die meisten der etwa vierzig Anwesenden sind wie er Männer um Ende sechzig. Alle lassen sich das Gulasch mit Klößen schmecken. Die meisten tragen beim Essen ihre Winterjacken, einige sogar Handschuhe. Spätestens nun ist klar: Dies hier ist keine gewöhnliche Gaststube.

„Oh, schon aufgegessen! Na, dann wird schönes Wetter morgen!“, lacht Rosmarie Mette und begrüßt einen Herrn in dunkler Winterjacke und Mütze, der seinen leeren Teller zurückbringen möchte. Mette ist Sozialarbeiterin beim Diakonischen Werk Steglitz und Teltow-Zehlendorf und koordiniert die Suppenküche der Zehlendorfer Paulusgemeinde seit 14 Jahren hauptamtlich. Sie ist die Anlaufstelle für Bedürftige, die sich beraten lassen möchten, hält das Team der Ehrenamtlichen zusammen und betreut die Finanzierung durch Spendengelder.

Die Aktion Warmes Essen gibt es seit 22 Jahren im Rahmen der Kältehilfe in Berlin. Und jeden Montag, Mittwoch und Freitag von 12 bis 13.30 Uhr findet hier im Kirchsaal der Paulusgemeinde in Zehlendorf Mitte von Anfang Oktober bis Ende März ein warmes Mittagessen für Bedürftige statt. Die Gerichte liefert das Waldfriede-Krankenhaus.

Ein Besuch in der Suppenküche der Zehlendorfer Paulusgemeinde
Etwa 20 Frauen und 60 Männer kommen regelmäßig zum Warmen EssenWeitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Raack
02.12.2015 15:04Etwa 20 Frauen und 60 Männer kommen regelmäßig zum Warmen Essen

Die meisten, die zum Mittagstisch kommen, kennt Rosmarie Mette mit Namen. Es gehe dabei nicht nur darum, das Essen auf den Teller zu legen: „Bei uns gibt es Essen, Kaffee, Tee - und gute Worte.“ Der Mensch lebe ja gerade auch von Letzterem, sagt Rosmarie Mette lächelnd. „Viele, die hierher kommen, sind ja psychisch belastet.“ Deshalb sei es nicht nur in der Weihnachtszeit wichtig, sich um sie zu kümmern.

„Die hatten hier alle ein normales Leben. Unter den 20 Frauen und 60 Männern, die regelmäßig hierher kommen, sind auch zwei bis drei Wohnungslose, das merkt man denen oft nicht an,. Manche leben auch im Wohnheim, andere in der eigenen Bude“, erzählt Sozialarbeiterin Mette. „Es gibt eben Brüche im Leben. Jeder kann den Job oder den Partner verlieren - oder krank werden. Und Menschen, die nur von 400 Euro leben, können ja nur am Essen sparen.“ 

„Sonst esse ich nicht sehr viel“

Auch sie müsse „kucken, dass das Geld reicht“, sagt leise eine auffallend dünne Frau. Still sitzt sie vor ihrem Teller, trägt auch hier im Warmen eine taillierte Winterjacke, dezentes Make-up, und lässt jeden Bissen andächtig im Mund zergehen. „Es ist schon schön, wenn man was im Magen hat“. Ihre großen Augen hinter den Brillengläsern erzählen von Enttäuschung, vom Hunger und sich-vom-Munde-Absparen. Die Frau ist keine 30 Jahre alt, sie lebt von Hartz IV, hat Tausende Euro Schulden. „Das kommt davon, wenn man Leuten hilft, die einen über’s Ohr hauen“, sagt sie bitter. Wenn hier in der Suppenkoche etwas übrig bleibe, würde sie sich auch mal was mitnehmen. „Sonst esse ich nicht sehr viel“, lächelt sie entschuldigend. Sie lebt in Teltow, dort ist sie auch zur Schule gegangen. Ihre Ausbildung musste sie abbrechen, weil sie chronisch krank ist und körperlich nicht imstande, zu arbeiten. Und das Jobcenter biete ihr immer nur Stellen „ohne Perspektive“.

Ein bisschen unwohl habe sie sich schon gefühlt, als sie das erste Mal hierher kam. Sie habe es auch immer wieder vor sich her geschoben, bis sie es dann wagte, sich in die Schlange vor den Töpfen einzureihen. Das ist nun zwei Jahre her. Sie komme immer erst gegen „zwanzig nach“, wenn alle schon ihr Essen hätten, „um das Gedränge zu vermeiden“. Angenehmer, ruhiger sei es sowieso am Mittwoch in der Paulusgemeinde, da gebe es einen separaten Frauentisch. Nach dem Essen erledigt sie manchmal noch was, macht eine Überweisung und schlendert noch ein wenig an den Geschäften vorbei, „da kucke ich mal durchs Fenster, aber sonst…?“

Auf der Zehlendorfer Geschäftsmeile, der Clayallee, gerade mal fünfzig Meter von der Paulusgemeinde entfernt, schleppen in diesem Moment Wehnachtseinkäufer Geländewagenladungen Geschenke und Kulinarisches für die Festtage nach Hause. Keiner von ihnen würde der jungen Hartz IV-Empfängerin ansehen, dass sie nicht eine von ihnen ist. Hier in Zehlendorf versteckt sich die Armut hinter guter Kleidung.

Einer der Bedürftigen lebt im Wald

Die stammt oft, auch zum Teil bei der jungen Dame am Mittagstisch, wie sie sagt, aus der Kleiderkammer der Pauluskirche.

Dort, im Kellergewölbe der Kirche, haben an diesem Montag zeitgleich zur Essenausgabe drei Helferinnen alle Hände voll zutun, Jacken und Warmes auszugeben. „Ein Ansturm war das eben, auch zwei Flüchtlinge waren heute da“, sagt eine ehrenamtliche Dame und schiebt einen Kleiderständer voller Jacken, Mänteln und Hosen an die Wand. Sie würden schon aufpassen, wer da kommt: Jeder müsse seinen Berlinpass zeigen, und es dürfe sich auch keiner auffällig oft zum Beispiel eine Jacke mitnehmen. „Es muss schon gerecht bleiben“, sagt auch Rosmarie Mette. Sie war gerade in einem Beratungsgespräch und sieht nun in der Kleiderkammer nach dem Rechten. Jetzt um kurz vor zwei knöpfen die ehrenamtlichen Helferinnen ihre Wintermäntel zu, da klopft doch noch jemand an die massive Holztüre: Er brauche bitte Socken in Größe 43. Frau Mette greift selbst in das Fach mit den Socken und überreicht ein Pack.

„Was immer fehlt, sind Männerschuhe“, sagt sie dann und gibt gleich eine Bestellung bei ihren Damen auf: Gerade sei ein Mann bei ihr gewesen, der im Wald lebe. Er benötigt dringend Schuhe. Wenn sie doch bitte ein Paar in Größe 44 zurücklegen könnten.

Manche Besucher der Suppenküche legen beim Essen nicht mal die Jacke ab
Manche Besucher der Suppenküche legen beim Essen nicht mal die Jacke abFoto: Raack

Im Wald? Bei der Kälte? „Ja, er rollt seine Isomatte und seinen Schlafsack tagsüber gut versteckt irgendwo am Schlachtensee zusammen und sammelt Flaschen. Und er hat nicht mal eine Krankenversicherung“, sagt Rosmarie Mette. „Der ist nett und sympathisch - und man sieht ihm überhaupt nicht an, dass er draußen lebt. Aber er sagt selbst, dass er auf sich achtet; und er weiß, wo er duschen und seine Sachen waschen kann. Heute wollte er sich beraten lassen, wie er seine Situation verbessern könne.“ Rosmarie Mette habe ihm eine Adresse mitgegeben, wohin sich Wohnungslose wenden können. "Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn ich ihn dabei unterstützen kann, sein Leben zu ändern. Überhaupt frage ich jeden hier: Geht’s dir gut, willst Du was ändern? Die Menschen müssen das auch wollen, ich kann ja niemanden zwingen. Aber wenn sie bereit sind, dann können sie es schaffen. Ich konnte schon manchem eine feste Bleibe verschaffen.“

 „Das Leben ist ein Geschenk“

Wie dem etwa sechzigjährigen Nico. Er löffelt gerade seinen Nachtisch, auch er trägt seinen eleganten Mantel dabei über einem gelben Hemd mit einer orange-blau gemusterten Krawatte. Sein Gesicht lächelt beim Essen und hört damit auch nicht auf, als er sagt: „Man muss seinen Körper erhalten und durch Nahrung darin unterstützen, gesund zu bleiben.“ Das Schüsselchen mit dem Quark ist mittlerweile leer. „Ich bin ein musterhafter Esser“, schmunzelt er mit einem zufriedenen Blick darauf. „Mir gefällt es hier gut, es gibt wunderbares Essen.“ Rosmarie Mette verrät später, dass er vor ein paar Jahren ohne Bleibe war und sie ihm eine kleine Dachwohnung besorgen konnte. Für die kriege er die Miete auch selbst zusammen. „Das Leben ist ein Geschenk“, philosophiert Nico nun immer noch lächelnd. „Ein eigenartiges Geschenk allerdings, das einem wieder weg genommen wird. Aber das Gesündeste, das man machen kann, ist, sich in einem ständigen Glückszustand zu befinden.“ - „Sie schwatzen“, wirft eine grauhaarige Dame genervt ein. Sie steht neben ihm, wartet auf die Essensausgabe und hört jedes Wort mit.

 "Ich wurstele mich eben durch"

Gerade ist das Essen ausgegangen, da kann die Stimmung schon mal etwas rauer werden: Die Leute kommen ja hierher, weil sie Hunger haben.

Es sei stets lebhaft, aber friedlich - in den 14 Jahren habe sie nur zweimal ein Hausverbot erteilt, erzählt Rosmarie Mette. Schnell improvisieren ihre ehrenamtlichen Helferinnen in der kleinen Küche, machen ein paar Dosen Eintopf auf. „Die Portionen waren heute wohl zu groß, das kommt nur sehr selten vor“, entschuldigt Rosmarie Mette. „Pro Essen muss ich drei Euro bezahlen, macht auf den Monat gerechnet 2000 Euro. Da wir nur von Spenden leben, ist es wichtig, dass die Spendenbereitschaft bleibt, auch Spenden ab 10 Euro helfen schon weiter.“ Und es gebe auch einen Sachspender, „der ist über 80 und bringt dreimal pro Woche bei Wind und Wetter mit seinem Rollator Kuchen für alle vorbei.“

Ein älterer Herr sitzt etwas zurückgezogen an der Türe. Er kaut langsam, genießt die Sahne-Schokotorte sichtlich. Er habe als Bauingenieur gearbeitet und sei ein Musikliebhaber, „der beste Zuhörer überhaupt“. Nun sei er über 80. "Es geht mir finanziell schlecht.“ Er komme zum Mittagstisch, weil er jahrzehntelang privat krankenversichert war, und ihn seine Frau mit ihrer sehr teuren Wohnung verlassen hat. „Vor einigen Monaten bin ich zum Sozialamt gegangen, doch die haben meinen Fall bis jetzt nicht behandelt. Und so wurstele ich mich eben durch.“ Aber, und er lächelt, das sei nicht schlimm. Schließlich sei er in den dreißiger Jahren in Kleinmachnow aufgewachsen und so fühle er sich der Pauluskirche vertraut und zugehörig. Ja, er fühle sich geradezu als Teil der Gemeinde.

Die Autorin schreibt für den Tagesspiegel und für Tagesspiegel Zehlendorf, das digitale Stadtteil- und Debattenportal aus dem Berliner Südwesten, auf dem dieser Text erscheint. Folgen Sie Maike Edda Raack auch auf Twitter. Dort finden Sie auch die Redaktion Zehlendorf.




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