Neues Kunsthaus in Steglitz-Zehlendorf öffnet : Im Angesicht der eigenen Geschichte

Die Dahlemer Museen ziehen bald weg, aber mit dem neuen Kunsthaus Dahlem gewinnt Steglitz-Zehlendorf auch eine neue kulturelle Institution dazu. Zum ersten Mal wird das Haus, belastet mit der Nazi-Zeit, dauerhaft für Publikum geöffnet sein. Wir waren schon da.

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Gewaltige, nach Norden ausgerichteten Fensterfront im Hauptraum des Ateliergebäudes
Gewaltige, nach Norden ausgerichteten Fensterfront im Hauptraum des Ateliergebäudes.Foto: Anett Kirchner

Überall im Haus riecht es nach frischer Farbe. Eine Leiter und ein Eimer stehen neben dem Eingang, Pinsel liegen auf dem Boden; auch Werkzeuge. Einzelne Gerüstteile müssen noch entfernt werden. Die Zeit drängt. Am 12. Juni muss alles fertig sein. Dann öffnet das neue Kunsthaus Dahlem am Käuzchensteig seine Türen. Während die Dahlemer Museen absehbar aus dem Berliner Südwesten wegziehen, gewinnt hier Steglitz-Zehlendorf ein neues kulturelles Angebot hinzu. Zum ersten Mal wird das Haus dauerhaft für das breite Publikum geöffnet. Denn es ist ein Gebäude mit einer „recht belasteten Geschichte aus der NS-Zeit“, wie es Dorothea Schöne, die Leiterin des Hauses, umschreibt. Es wurde 1939 im Auftrag Adolf Hitlers als so genanntes Staatsatelier für den Bildhauer Arno Breker errichtet.

„Ich finde es richtig, dass man das Haus nicht verschließt, es nutzt und dessen Geschichte zur Diskussion stellt“, sagt sie. Deshalb sollen hier künftig Veranstaltungen wie Vorträge und Lesungen angeboten werden. Symposien sind angedacht, und es gibt eine Heftreihe, die sich mit kritischen Fragen zur Vergangenheit des Hauses auseinandersetzt.

Doch zunächst musste sich Dorothea Schöne mit etwas Anderem auseinandersetzen: Denn es galt eine Eröffnungs-Ausstellung zu konzipieren. Mit weit weniger Vorlauf als sonst üblich, wie sie verrät. „Ich habe den Raum, in dem ich die Skulpturen und Grafiken hineindenken musste, erst spät zu sehen bekommen“, erklärt die Kunsthistorikerin. Grund waren die umfangreichen Umbauarbeiten an dem Gebäude seit August letzten Jahres; die erste Grundsanierung hier überhaupt und ein Rückbau nach originalen Bauplänen. Die Kosten von circa 1,2 Millionen Euro wurden aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie bezahlt.

Sind die Räume zu groß für die Skulpturen?

„Es ist handwerklich ein solide gebautes Haus, das in den letzten 70 Jahren kaum Schaden genommen hat“, schildert der ausführende Architekt Paul Kahlfeldt. In erster Linie sei es ein Funktionsbau für Bildhauer gewesen; daher die mehr als fünf Meter hohen Türen und der belastbare Boden. Man habe hier Marmor- oder Granitblöcke für große Skulpturen bewegt. Schienen im Estrichboden, auf denen einst Loren fuhren, sind Zeugnisse dessen. „Die Architektursprache des Nationalsozialismus muss man hier indessen lange suchen, findet sie aber stückweise“, erzählt er weiter. Ungeachtet dessen sei das Gebäude architektonisch nicht mit Symbolen wie Hakenkreuzen oder Reichsadler belegt gewesen.

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1 von 14Foto: Anett Kirchner
11.06.2015 10:19Überall im Haus riecht es nach frischer Farbe

Der schlichte, aber imposante Hauptraum in der Mitte des symmetrisch angelegten Klinkerbaus mit seiner gewaltigen, nach Norden ausgerichteten Fensterfront, bildet das Herzstück des Gebäudes: etwa 250 Quadratmeter Fläche, knapp neun Meter hoch. Die Ausstellungsstücke, die hier bereits stehen, verlieren sich ein wenig in der Größe des Raumes, wirken, obwohl sie keineswegs klein sind, wie Miniaturen. Die Kunsthaus-Leiterin ist jedoch optimistisch: „Zwar gab es die Befürchtungen, dass die Skulpturen dem Raum nicht standhalten, aber ich finde nicht, dass es so ist.“ Einige Exponate seien zunächst provisorisch aufgestellt, auch die Labels müssten noch final gesetzt werden.

Der Titel der Ausstellung ist „Porträt Berlin. Künstlerische Positionen der Berliner Nachkriegsmoderne 1945 – 1955“. Gezeigt werden über 70 Arbeiten von fast 20 Künstlern; darunter Skulpturen, Malereien, Grafiken und Fotografien. Zu sehen sind Werke unter anderem von Ruthild Hahne, Karl Hartung, Bernhard Heiliger und Hans Uhlmann. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Arbeiten, die den Versuch einer internationalen Anbindung nach 1945 illustrieren oder den Einfluss von Exil und Emigration auf das künstlerische Schaffen verdeutlichen.

Kunsthaus beim Kulturtag dabei

Ferner beschäftigt sich die Ausstellung vor allem mit dem menschlichen Körper, jenem Sujet, mit dem sich die Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus in besonderer Weise befassten, deren Neu-Definition deshalb nach 1945 eine besondere Herausforderung darstellte. Das Gezeigte im Kunsthaus Dahlem ist als Dauerausstellung konzipiert, die Skulpturen sind Leihgaben; zunächst für zwei Jahre. „Die Grafiken werden wir punktuell austauschen", erklärt Schöne.

Ein Garten zum Schauen und Wundern.
Ein Garten zum Schauen und Wundern.Foto: Anett Kirchner

Das neue Ausstellungshaus im Berliner Südwesten gehört dem Land Berlin und wird mit Mitteln der Kulturverwaltung gefördert. Träger ist die Atelierhaus Dahlem GmbH, eine Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung, die auch ihren Sitz in dem Gebäude hat und das Andenken an den Künstler Bernhard Heiliger wach hält. Einst Student von Arno Breker, lebte und arbeitete er in dem Atelier.

Das Kunsthaus Dahlem beteiligt sich auch am diesjährigen Kulturtag in Steglitz-Zehlendorf, der am Sonntag, den 14. Juni, stattfindet. Eigens für diesen Tag und für diesen Ort hat die Initiative „Neue Berliner Räume“ eine künstlerische Präsentation konzipiert. Außerdem gibt es einen Skulpturen-Workshop für Kinder ab fünf Jahren. Sie dürfen selbst aus Gips und Draht Denkmal-Modelle entstehen lassen und werden angeregt, verschiedene Objekte oder Figuren zu einem „Miniaturmonument“ zu konstruieren. Parallel wird an verschiedenen Stationen der Musiker Thomas Weißschnur an der Klarinette den Tag musikalisch begleiten. Auch der Stipendiat der Bernhard-Heiliger-Stiftung, Su Hwan Choi, wird vor Ort sein und seine Arbeit präsentieren.

Weitere Informationen zum neuen Kunsthaus Dahlem und auch zur Geschichte des Hauses gibt es hier.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

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