Teilsieg von Eltern gegen Zehlendorfer Schulpolitik : 3448 Unterschriften - wie reagiert die Politik?

Statt einer neuen Schule soll auf dem beengten Gelände der Quentin-Blake-Schule und der Biesalski-Schule in Zehlendorf wegen vieler Neubauten noch ein Regelschulzweig entstehen. Eltern zwingen Bezirk, sich mit ihrem Protest zu befassen.

Armin Lehmann, Lena Appel
Elternprotest und Schülerdemo:
Elternprotest und Schülerdemo: Die Platznot brachte schon im Jahr 2013 Kinder und Eltern der Biesalski- und der...Foto: Roland Münter, www.leibfotografen.de

Es regnete, aber das machte den Demonstranten nichts. Fröhlich, gut gelaunt und vor allem mit mehreren Aktenordnern voller Unterschriften pilgerte am frühen Dienstagabend eine rund 70köpfige bunte Truppe aus Eltern, Kindern und interessierten Bürgern vor das Zehlendorfer Rathaus an der Kirchstraße. Zwei Schulen gehen gegen die Schulpolitik des Bezirks auf die Barrikaden, und nun hat es die Elterninitiative "Schulkindern Raum geben" schon mal geschafft, die erste Hürde auf dem Weg zum selbstgesteckten Ziel locker zu überspringen. Die Eltern der Quentin-Blake-Europa-Schule und der Biesalski-Schule, die besonders behinderte Schüler fördert, wollen verhindern, dass der Bezirk auf dem Gelände beider Schulen noch zusätzlich einen Regelschulzweig ansiedelt. Hintergrund des Vorhabens sind die zahlreichen Neubauten an der Clayallee, wo bis zu 10000 Menschen hinziehen werden. Eine neue Schule ist nicht geplant, stattdessen das Hineinquetschen eines sechsjährigen Schulzweigs mit bis zu 150 Schülern in die ohnehin beengten Strukturen der beiden Schulen.

Der Zehlendorf Blog hat vor zwei Wochen über das Thema berichtet, seitdem sind die Unterschriften für den Einwohnerantrag noch einmal stark angestiegen. Innerhalb von vier Wochen haben die Initiatoren nun 3448 Unterschriften gesammelt, 1000 wären notwendig gewesen, um die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zu zwingen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Einer der Initiatoren, Jens Rolff, Biologie-Professor an der Freien Universität, sagt: "Wir sind sehr stolz, dass wir so viele Unterschriften in dieser kurzen Zeit sammeln konnten. Der Bezirk, die zuständigen Stellen, haben immer gemauert und so getan, als sei noch nichts entschieden. Aber wir haben andere Informationen, und nun wird sich die Bezirkspolitik mit dem Thema zu beschäftigen haben. Das ist ein Erfolg der Bürger und Bürgerinnen."

Während Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) und Bildungsstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) den Eltern mehrfach gesagt haben sollen, man möge doch abwarten, es sei noch keine endgültige Entscheidung gefällt worden, haben die Schulleiter nach Informationen des Zehlendorf Blogs bereits seit einem Dreivierteljahr Kenntnis davon, dass es den Regelschulzweig geben und keine weitere Schule gebaut werden soll.

"Schulkinder sind keine Sardinen!" Unter diesem Motto fordert die Initiative Schulkindern mehr Raum zu geben und ihn nicht noch zu beschneiden.
"Schulkinder sind keine Sardinen!" Unter diesem Motto fordert die Initiative Schulkindern mehr Raum zu geben und ihn nicht noch zu...Foto: Roland Münter, www.leibfotografen.de

Genau das aber ist die Forderung der Eltern. Sie haben nichts gegen die Neubauten, deshalb heißt es in einer Erklärung auch: "Die Eltern bejahen den Bau von Wohnungen für 10000 neue Mitbürger. Sie sind aber gegen Notunterkünfte für Schülerinnen und Schüler." Vor dem Rathaus hielten vor allem die Kinder selbstgemachte und bemalte Plakate hoch, da stand etwa drauf: "10000 neue Nachbarn = neue Schule" oder "Bauprojekte Berlin. Nur katastrophale Planung möglich?" Noch frecher ein weiteres Plakat: "Sei planlos, sei Berlin".

Eigentlich wollten die Eltern vor der Übergabe der Unterschriften noch ein öffentliches Picknick auf der Dorfaue vor dem Rathaus abhalten, aber die Aktion musste kurzfristig abgesagt werden: Das Ordnungsamt hatte die Aktion verboten mit der Begründung, es handele sich um eine geschützte Grünanlage. Mit Sondergenehmigung vom Grünflächenamt hätte es noch was werden können, doch am Freitag, als man den Antrag stellen wollte, war niemand im Amt da.

Die Eltern fürchten vor allem, dass viele Klassenräume verkleinert, geteilt oder ganz wegfallen. Die Fünftklässlerin Livia Maesearle von der Quentin Blake sagte: „Wir müssen zum Sportunterricht schon jetzt in eine andere Halle.“ Auch in der Mensa ist es eng, wie Europa-Schülerin Aliyah Münter berichtete: „Manchmal müssen wir in der Kantine eine halbe Stunde warten, und dann haben wir fast keine Zeit mehr zum Essen. Und Schülerin Leila Sophie Bonn brachte es schließlich auf den Punkt: „Wir würden uns freuen, wenn andere Schüler kommen, aber leider ist zu wenig Platz.“

Angeblich sollen auch Fach- und Horträume weichen, und vor allem machen sich alle Beteiligten Sorgen, dass die English Library mit über 10000 englischsprachigen Medien zur Disposition stehe. In der Erklärung der Initiative heißt es zudem: "Mit 150 zusätzlichen Kindern auf engstem Raum wird sich die Situation noch verschärfen, die pädagogische Qualität zwangsläufig sinken."

Die Bildungsstadträtin Richter-Kotowski, die am Dienstag im Rathaus war, ließ sich bei den Protestlern nicht blicken. Aber den Kindern, die in der Vorhalle des Rathauses warteten, lief beim Gang zur Toilette der Bürgermeister über den Weg, und da er nicht so leicht an den Rollstuhlfahrern vorbei kam, war er zumindest zum Small-Talk gezwungen. Die Kinder durften dann sogar sein Büro sehen, allerdings ließ sich Kopp zu keiner offiziellen Stellungnahme hinreißen. Aber die wird nicht lange auf sich warten lassen können.

Wenn die BVV sich nun voraussichtlich schon im Juni mit dem Thema befassen wird, wollen die Eltern nämlich wieder anwesend sein und den Bezirkspolitikern auf die Finger schauen. Außerdem könnte es sein, dass die Initiatoren bis dahin Unterstützung von bedeutender Seite bekommen. Die Verantwortlichen der zahlreichen Bauprojekte von Truman Plaza, Dahlem Urban Village oder Metropolitan Garden haben selbst ein Interesse daran, dass es nicht nur eine Kita gibt, zu deren Bau sie verpflichtet worden sind, sondern auch eine Schule. Nach Informationen des Zehlendorf Blogs ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich Projektleiter dem Protest der Eltern anschließen.

Anhang: Was eine Betroffene zum Thema schreibt

Im Folgenden lesen Sie die Sicht von Kathrin Finke, eine der Initiatorinnen, die gleichzeitig Vorsitzende des Fördervereins der Quentin-Blake-Schule ist:

Die Autorin Kathrin Finke ist Vorsitzende des Fördervereins der Quentin-Blake-Europa-Schule.
Die Autorin Kathrin Finke ist Vorsitzende des Fördervereins der Quentin-Blake-Europa-Schule.Foto: privat

Wer auf der Clayallee stadteinwärts fährt, kann es nicht übersehen: Die Kräne kreisen über der Truman-Plaza. Bunte Schilder von „Dahlem Urban Village“ und „Metropolitan Gardens“ lassen ahnen, dass hier bald viele neue Nachbarn wohnen werden – laut Experten bis zu 10 000 dank der Umgestaltung von Arealen wie US-Hauptquartier, Oskar-Helene-Heim und „Verdichtung“ in den Straßen ringsum. Leider hat der Bezirk Steglitz-Zehlendorf beim Erteilen der Baugenehmigungen einen Fehler wiederholt, der bereits beim Schweizer Viertel gemacht wurde: An eine neue Schule hat keiner gedacht. Mit einem Einwohnerantrag an die BVV wehren sich Eltern nun gegen die konzeptlose Planung.

Schon wieder ein Neubauviertel ohne Schule! Wie in Lichterfelde sollen die neuen Kinder in den bestehenden Grundschulen unterschlüpfen – und da sie laut Schulgesetz „fußläufig“ beschult werden müssen, fiel der Blick der Planer auf den Schulstandort am Hüttenweg 40. Dort sind die Staatliche Quentin-Blake-Europa-Schule (QBES)  und die Biesalski-Schule mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt „körperliche und motorische Entwicklung“ untergebracht. Nun soll dort ein deutscher Regelschulzweig angesiedelt werden. Das bedeutet nach sechs Schuljahren mindestens 150 zusätzliche Kinder in einem Gebäude, das schon jetzt aus allen Nähten platzt.

Wenn der Förderverein der QBES, dessen Vorsitzende ich bin, nachmittägliche Sport- und Bewegungs-AGs anbieten will, scheitert das an mangelnden Sport-Flächen. Als gebundene Ganztagsschule soll die QBES zwar Sport- und auch Musik-Angebote in der Schulzeit (8-16 Uhr) machen, doch der Musikraum steht nun, ebenso wie der neu eingerichtete Sinus-Raum für den Mathe-Unterricht, Klassen- und Horträume zur Disposition. Sie sollen verschwinden oder geteilt werden, um Platz für die Regelklassen zu machen. Wir befürchten, dass in den Sommerferien bauliche Fakten geschaffen werden könnten, die die pädagogische Qualität bedrohen.

Die größten Sorgen machen wir uns um unsere English Library: Die Kinder sind regelmäßig in den Englischstunden dort, auch außerhalb des Unterrichts ist sie ein willkommener Rückzugsraum zum Lesen und Lernen. Der Förderverein der QBES hat eine dritte Bibliothekarin angestellt, um Angebot und Öffnungszeiten erweitern zu können – die Arbeitsplätze stehen auf der Kippe, wenn die Library sich verkleinern, in den Keller ziehen oder gar schließen muss. „Where else can I borrow English books in Berlin to support my school work?”, sorgt sich nicht nur Liam um die vor zehn Jahren von Eltern aufgebaute und seither vom Förderverein betriebene Bibliothek.

Die English Library der Quentin-Blake-Europaschule. Die Eltern fürchten um die Existenz der Bücherei.
Die English Library der Quentin-Blake-Europaschule. Die Eltern fürchten um die Existenz der Bücherei.Foto: privat

Berlins Attraktivität für internationale Firmen ist erst kürzlich wieder von Finanzsenator Nußbaum und SPD-Fraktionschef Saleh bei einer Tour durch die Kreativwirtschaft betont worden. In der Tat steigt die Nachfrage nach deutsch-englischen Schulen, auch die QBES wächst seit Jahren dreizügig. Eine Europa-Schule zu verkleinern sei „ein schlechtes Signal“, kritisierte einer der von Saleh und Nußbaum besuchten Firmenchefs. Im Dezember hatten Elternvertreter der QBES und der Biesalski-Schule die bildungspolitischen Sprecher der BVV-Fraktionen zum Ortstermin eingeladen und schlugen einen Erweiterungsbau vor. Beim Umtrunk in der Library gab es zwar Lob und Zuspruch von SPD, Grünen und CDU, aber auch den Hinweis, dass leider kein Geld da sei. Merkwürdig – warum können Investoren für Bauprojekte dieser Größenordnung nicht für Infrastrukturmaßnahmen in die Pflicht genommen werden?

Zunächst war der Regelschulzweig für 2013 angekündigt, nun kommt er wohl 2014. Genau weiß das niemand, denn die Verantwortlichen mauern seit Monaten: „Es ist nichts entschieden“, beteuerte gerade erst Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, als eine Gruppe von Viertklässlern ihn in der Bürgersprechstunde befragte. Vermutlich rätselt man im Bezirksamt wirklich, wer einziehen wird. „Vorwiegend Senioren“, hieß es immer wieder, doch zumindest die von Stofanel im „Dahlem Urban Village“ geplanten Villen werden im Ausland mit Hinweis auf die nahe bilinguale Schule beworben...

Beängstigend ist die Konzeptlosigkeit, mit der hier Schulkinder als Rechengröße verwaltet werden. Der Satz „Um Kinder geht’s hier nicht!“, soll im Schulamt wörtlich als Antwort auf die Frage gefallen sein, wo die neuen Kinder in der vollen Schule denn hinsollen.

Um Kinder geht es nicht? Worum geht es an einer Schule sonst? Nur mit zusätzlichen Raum-Kapazitäten kann die pädagogische Qualität der Quentin-Blake-Schule erhalten werden, bleibt den Kindern ein Schulalltag als „Legehenne“ erspart. Von den besonderen räumlichen Bedürfnissen einer Förderschule ganz zu schweigen.

Wir haben schon ein paar hundert Unterschriften für den Einwohnerantrag gesammelt und hoffen, das Quorum von 1000 bald zu knacken, damit die BVV sich mit dem Thema befassen muss. Wenn Sie uns mit Ihrer Unterschrift helfen möchten: Hier finden Sie weitere Informationen.

Die Autorin ist Journalistin, Mutter eines Sohnes und Vorsitzende des Fördervereins der Quentin-Blake-Europa-Schule. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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