Verkehr in Berlin : Streit um Fahrrad-Highway in den Berliner Süden

Ein Fahrrad-Highway soll vom Potsdamer Platz gen Süden führen. Blockiert das die Pläne für eine Zugstrecke? Darüber gibt es Streit.

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Zehlendorfer Vision. So könnte der „Fahrrad-Highway“ am S-Bahnhof Zehlendorf vorbeiführen.
Zehlendorfer Vision. So könnte der „Fahrrad-Highway“ am S-Bahnhof Zehlendorf vorbeiführen.Simulation: Staubach+Kuckertz Architekten

Strampeln oder fahren? Die Idee, auf der Trasse der ehemaligen Stammbahn, auf der 1838 die ersten Züge in Preußen zwischen Berlin und Potsdam dampften, einen „Fahrrad-Highway“ vom Potsdamer Platz bis Lichterfelde West zu bauen, hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Die Bezirksverordneten in Tempelhof-Schöneberg sind dafür, die CDU in Zehlendorf hat noch einen draufgesetzt und will den „Fahrrad-Schnellweg“ gleich bis Zehlendorf oder gar Kleinmachnow verlängern. Dessen Bürgermeister Michael Grubert ist strikt dagegen und wird dabei unter anderem vom Deutschen Bahnkunden- Verband unterstützt. Sie befürchten, dass der „Fahrrad-Highway“ einen Wiederaufbau der Stammbahn auf Dauer blockieren würde.

Die Wiederaufnahme von Fahrten dürfte nach dem Bau eines „Fahrrad- Highways“ vollkommen unrealistisch werden, argumentiert Grubert. Es dürfte kaum zu vermitteln sein, warum ein mit erheblichem finanziellen Aufwand hergestellter und etablierter Fahrrad-Schnellweg zugunsten einer Schienenanbindung später wieder ersatzlos entfallen müsste, schrieb Grubert in einem Offenen Brief an den CDU-Ortsvorsitzenden von Zehlendorf, Justizsenator Thomas Heilmann, und an den CDU-Bundestagsabgeordneten Karl-Georg Wellmann. Beide setzen sich für die Verlängerung des Radwegs bis Zehlendorf und perspektivisch über Kleinmachnow bis Potsdam ein. Zwischen Zehlendorf und Lichterfelde West fahren allerdings noch Güterzüge auf der Stammbahntrasse. Sie wickeln den Frachtverkehr des Fordwerkes in Zehlendorf ab.

Natur hat Gleise zurückerobert

Der Ideengeber für den „Fahrrad- Schnellweg“, der Architekt und Stadtplaner Tim Lehmann (siehe Interview) hatte deshalb sein Projekt auf den Bereich vom Potsdamer Platz bis Lichterfelde West beschränkt. Im Norden gibt es bereits Extra-Wege durch den Pakk am Gleisdreieck, die in den „Highway“ integriert werden könnten. Abschnitte davon gehören zum Fernradweg Leipzig – Berlin. Daran anschließend soll nach Lehmanns Konzept die Trasse der Stammbahn genutzt werden. Deren Wieder-Inbetriebnahme liegt in weiter Ferne.

Der Verkehr zum Potsdamer Bahnhof in West-Berlin war nach dem Krieg eingestellt worden. Nur beim Wiederaufbau des Potsdamer Platzes nach dem Mauerfall war ein Gleis für die Baumaterialtransporte reaktiviert worden. Inzwischen hat es sich die Natur wieder zurückerobert.

Alternative: Ausbau der S-Bahn

Einig sind sich die Befürworter des „Highways“, dass die Trasse nicht entwidmet werden soll; das heißt, sie bliebe rechtlich auch nach dem Bau des „Highways“ eine Bahnstrecke. Ein Wiederaufbau wäre dann relativ einfach, obwohl auch dafür wohl ein neues Planfeststellungsverfahren erforderlich wäre, was Jahre dauern würde.

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"Schräg gegenüber vom S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost wurde vor vielen Jahren ein 'Ossis Bistro' betrieben, billig und hässlich." Das schreibt uns Wolfgang Görne. Und weiter: "Hässlich ist er nach wie vor, nachdem vor annähernd zwei Jahren nach der Schließung mit dem Abriss begonnen wurde. Weit ist man nicht gekommen und offenbar interessiert sich auch niemand mehr dafür. Nun steht die Pappruine in der Kleingartenanlage, Sicht zur Seddiner Straße und erfreut die Passanten."Weitere Bilder anzeigen
1 von 776Foto: Wolfgang Görne
21.08.2017 14:16"Schräg gegenüber vom S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost wurde vor vielen Jahren ein 'Ossis Bistro' betrieben, billig und hässlich."...

Beim Bau des Nord-Süd-Tunnels waren die Planer noch so optimistisch, dass sie bereits das Einfädeln der Stammbahn in den Tunnel baulich berücksichtigt hatten. Weil sich aber an der Stammbahn nichts tat, forderte der Bund die Vorauszahlung für das Bauwerk von der Bahn zurück, die auch brav zahlte. Gutachten hatten ergeben, dass ein Fern- oder Regionalverkehr auf der Stammbahn nicht wirtschaftlich wäre. Als Alternative kam dann ein Ausbau für die S-Bahn zumindest bis Kleinmachnow oder Dreilinden ins Gespräch. Doch auch daraus ist bisher nichts geworden.

Highway wäre eine Zwischenlösung

Deshalb biete sich der „Fahrrad- Highway“ als Zwischenlösung an, wirbt Lehmann. Die Kosten seien verhältnismäßig gering, der Nutzen aber groß. Radfahrer könnten auf dem vier Meter breiten „Highway“ kreuzungsfrei fahren und damit viel schneller ihr Ziel erreichen als auf den Stadtstraßen.

Für Grubert ist der Schnellweg jedoch keine „wirkliche Alternative“. Die intensive Radnutzung bliebe auf die Sommermonate beschränkt; im Winter – und über größere Strecken – dürfte dagegen nur eine Kombination aus Schienenverkehr und Fahrrad gegenüber dem Auto konkurrenzfähig sein, schrieb er.

Ein Angebot auf der Schiene gibt es derzeit nur von der S-Bahn, deren Gleise zum großen Teil neben der Stammbahntrasse liegen. Und die Bahnen fahren derzeit nur alle zehn Minuten, wodurch die Züge vor allem im Berufsverkehr rappelvoll sind. Für den Fünf-Minuten-Verkehr hat die S-Bahn nach wie vor zu wenig Wagen. Deshalb könnte man sogar mit dem Rad schneller am Ziel sein, ist Lehmann überzeugt. Auf dem Schnellradweg.

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