Wahlkampf - auch in Berlin-Dahlem : Kirchengemeinde sucht neue Wege und Ratsmitglieder

Seit Jahren ist der Zuzug aus Westdeutschland nach Dahlem groß, in der Kirchengemeinde treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander. Aber die Kirchen St. Annen und Jesus Christus sind oft leer. Jetzt wählt die Gemeinde, und die neuen Kandidaten versprechen frischen Wind und Gemeinsamkeit.

Katrin Sachs
Die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem. Weltweit bekannt wurde die Kirche vor allem als Aufnahmestudio für Klassik-CDs
Die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem. Weltweit bekannt wurde die Kirche vor allem als Aufnahmestudio für Klassik-CDs. Herbert von...Foto: Mike Wolff

In Dahlem war schon immer alles anders - so sagt man sich in Kirchenkreisen schmunzelnd seit Jahren. Und in der Tat ist es auch dieses Mal so, denn in Dahlem beginnt der Wahlkampf erst an diesem Sonntag. Das Erntedankfest bildet den Startschuss für die öffentliche Vorstellung der 13 Kandidaten für die sechs Sitze des Gemeindekirchenrats der Kirchengemeinde Dahlem.

Gewählt wird dann am 20. Oktober, aufgerufen sind die über 5500 wahlberechtigten Mitglieder der Gemeinde, traditionell ein Anlass, der nicht gerade die Massen mobilisiert. Die Wahlbeteiligung vor drei Jahren lag bei acht Prozent. Und hoffentlich wird auch hier diesmal alles anders sein. Üblicherweise mühen sich die Pfarrer um jeden Interessierten, denn das Amt im Gemeindekirchenrat gilt nicht gerade als attraktives Ehrenamt: es geht über die sechs Jahre währende Amtszeit um Arbeitsverträge in Zeiten knapper Personalmittel, das Stopfen leerer Kassen, Aufhalten der Austritte, die Sanierung der häufig maroden Immobilien und die Gestaltung der Gottesdienste in zwei Kirchen mit 650 Sitzplätzen, die jedoch nur zu einem Bruchteil an normalen Sonntagen gefüllt sind.

Doch dies, so hoffen vor allem die sieben neuen Kandidaten, lässt sich mit dem frischen Wind, der durch den Prozess "Unsere Gemeinde auf dem Weg" in den letzten zwei Jahren in die Gemeinde hineingeweht wurde, noch lebendiger gestalten. Und so haben die gemeindlich gebundenen Protestanten jetzt auch wirklich erstmals seit langem einmal eine Wahl für die sechs turnusgemäß freiwerdenden Plätze, was sich hoffentlich auch positiv auf die Wahlbeteiligung auswirkt.

Die Autorin Katrin Sachs ist 45 Jahre, Betriebswirtin und lebt seit 2006 mit ihrer Familie in Dahlem.
Die Autorin Katrin Sachs ist 45 Jahre, Betriebswirtin und lebt seit 2006 mit ihrer Familie in Dahlem.Foto: promo

Der seit Jahren nicht abreißende Zuzug aus Westdeutschland nach Dahlem darf dabei nicht nur als Kompliment an die Schönheit des Stadtteils, sondern durchaus als Bereicherung verstanden werden. Traditionell geprägte Engagementbereitschaft aus verschiedensten Regionen Deutschlands trifft hier auf Herz und Schnauze der Berliner.

"Wir sind in Dahlem zu Hause", sagt beispielsweise einer der Kandidaten, der mit seiner Frau und seinen vier Kindern vor Jahren aus Krefeld nach Dahlem zugezogen ist. "Ich bin durch eine junge Pfarrerin neu angesprochen worden und habe mich unmittelbar willkommen gefühlt. Nachdem ich selber - in Niedersachsen in kirchlich-christlichem Umfeld aufgewachsen - und bisher durch unsere Kinder zum Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster orientiert und in ihrer Kirchengemeinde gemeldet war, habe ich mich nun entschlossen, mich doch in der Gemeinde anzumelden, in der wir ja eigentlich auch wohnen." Die Motivation einer in Westberlin aufgewachsenen Juristin aus dem Bundesumweltministerium wiederum lautet: "Das herzliche Willkommensein in der Ortsgemeinde spürbar zu machen."

Erstmals ist auch die Jugend an die Wahlurnen gerufen: Alle mindestens 14jährigen konfirmierten Gemeindeglieder dürfen wählen gehen und damit ihren Konfirmandenunterricht indirekt gestalten oder Einfluss nehmen auf ihre gemeindlichen Freizeitangebote. Auch hier ist Briefwahl möglich, der Anruf bis zum 16. Oktober im Gemeindebüro genügt. Wem das alles zu viel Wandel bedeutet, der sei beruhigt. Auch im neuen Gemeindekirchenrat behalten die beiden Pfarrer Marion Gardei und Oliver Dekara ihre Stimme und sechs erfahrene Gemeindeälteste stellen die Kontinuität her.

Kirchenmusiker Jan Sören Fölster inszeniert liebevoll Aufführungen

Dahlem als Ortsteil ist nach Marzahn eine der Kinderreichsten in Berlin. Jedes Jahr werden in den beiden Kirchen zwischen 70 und 90 Konfirmanden unterrichtet, eine Zahl von der so manche Gemeinde träumt. Seit drei Jahren gibt es einen neuen, erfahrenen A-Kirchenmusiker, Jan Sören Fölster, der mit einen hinreißenden, liebevoll inszenierten Aufführungen der vier Kinderchöre regelmäßig die Kirchen zum Magneten der Anwohner werden lässt und dessen umfangreiches, kirchenmusikalisches Programm sich mittlerweile weit über den Berliner Südwesten hinaus herumgesprochen hat.

Wer mehr über die Wahl, die Kandidaten und die Kirchengemeinde erfahren will, findet Informationen und Porträts auch auf der Website der Gemeinde. Alle Kandidaten stellen sich zudem an diesem Sonntag, 22. September, um 12.15 Uhr in der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem, Faradayweg (U-Bahn Thielplatz) vor, zuvor, um 11 Uhr, beginnt der Erntedank-Gottesdienst. Nach der von Ellen Wagner moderierten Kandidatenvorstellung sind alle herzlich zu Gemeindefest im Pfarrgarten eingeladen, die Kinder werden betreut.

Auch unsere Autorin Katrin Sachs, 45, stellt sich zur Wahl. Die Betriebswirtin lebt mit ihrer Familie seit 2006 in Dahlem. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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