Weihnachten in der Türkei : Am 24. Dezember? Geh ich zur Schule!

Soll sie einen Plastikweihnachtsbaum bei Ikea kaufen? Bei unserer Bloggerin will sich einfach kein Weihnachtsfeeling einstellen. Das liegt nicht an ihr, sie ist in einem Land, in dem es andere Traditionen gibt. Eine Weihnachtsgeschichte.

Meltem Ohle
Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf.
Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf.Foto: privat

Wir sind jetzt schon mitten im Dezember, Adventszeit, ich denke an Zehlendorf, bestimmt ist der Weihnachtsmarkt am Teltower Damm schon längst aufgebaut. Und die kleinen Kinder fahren mit der Eisenbahn, und irgendwo laufen Weihnachtsmänner herum.

Das ist der Nachteil, wenn man in einem muslimischen oder muslimisch geprägten Land ist, Weihnachten existiert nicht! Außer wenn man in eines der Einkaufszentren geht, dort kann man sich am Anblick der vielen Weihnachtsmänner und Weihnachtskugeln erfreuen. Auch Starbucks hat seine üblichen roten weihnachtlichen Becher. Ich finde das alles ein wenig befremdlich, da Weihnachten hier in der Türkei, wo ich gerade für zehn Monate zur Schule gehe, keine Tradition hat wie in Deutschland. Da merkt man, wie kommerziell das Fest geworden ist. Allerdings könnte man auch sagen, dass es ein Vorteil ist in einem nicht christlichen Land zu sein. So lernt man andere Religionen kennen und deren Bräuche und Traditionen.

Im Islam sind die wichtigsten Feiertage Ramazan (dt.: Ramadan), die Fastenzeit, und Kurban Bayrami, das Opferfest. Die muslimischen Feiertage verschieben sich jedes Jahr, da sie nach dem muslimischen Mondkalender festgelegt werden. Ramadan war dieses Jahr Ende Juli, da war ich noch in Deutschland und habe nichts davon mitbekommen. Doch das Opferfest war Ende Oktober und so durfte ich das miterleben.

Das Opferfest ist vier Tage lang. Man feiert es, um Ibrahim (Abraham) zu gedenken, der auf Gottes Verheiß seinen Sohn Ismael (in der Bibel Isaak) opfern sollte. Doch Gott gebot ihm in allerletzter Sekunde Einhalt, da er sah, dass Ibrahim ihm vertraute und untertänig war. Statt Ismael zu schlachten, nahm Ibrahim dann einen Widder. Mir war bis dahin nicht klar, dass die Geschichten in der Bibel und im Koran so unterschiedlich sind. Zum Beispiel heißt es im Koran auch, dass Ibrahim und sein Volk nicht jüdisch waren, sondern ihre eigene Religion hatten.

Nach dem Zerteilen wurde gegrillt

Am ersten Tag des Opferfests wird dann also ein Lamm oder ein Kalb geopfert. Da das aber nicht sehr billig ist, machen das nur die wohlhabenden Leute, die dann den „Ärmeren“ etwas davon abgeben. Wir haben das bei meinen Gastgroßeltern in der Küche gemacht. Allerdings war es schon geschlachtet und gehäutet, wir mussten es „nur“ noch zerteilen. Das war eine ziemlich blutige Angelegenheit. Es hatte schon etwas ziemlich brutales an sich, die ganze Zeit Leute mit einem Beil auf ein Tier einhacken zu sehen. Ich werde später definitiv nicht auf einem Schlachthof oder ähnlichem arbeiten. Nach dem Zerteilen wurde das Fleisch gegrillt und zusammen mit der Familie gegessen.

Anders als bei uns kriegt man hier keine Geschenke (außer am Geburtstag) an Feiertagen, sondern Geld. Dafür küsst man den Älteren die Hand. Auch die kleinen Nachbarskinder kamen vorbei, um ein paar Süßigkeiten und Lira abzustauben. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Feiertage nicht per Gesetz für alle frei sein müssen, sondern nur die Einrichtung der Regierung wie die Post etc. geschlossen sind.

Hier kommen Silvester Kugeln an den Baum

Doch nun zum eigentlichen Thema, erst wenn man darauf verzichtet, merkt man, wie wichtig einem Weihnachten doch ist. „Weihnachtsfeeling“ will sich bei mir nicht wirklich einstellen, dafür ist das Wetter auch einfach zu gut, 15°C und sonnig. Doch zum Glück habe ich einen Schoko-Adventskalender und Lebkuchen von meinen Eltern geschickt bekommen. Und bei Ikea habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, einen kleinen Plastikweihnachtsbaum zu kaufen oder ähnliches. In der Türkei werden solche Bäume zu Silvester aufgestellt und dann mit Weihnachtskugeln geschmückt. Den Sinn dahinter habe ich auch noch nicht wirklich verstanden. Ich freue mich schon auf den 24. Dezember, ein ganz normaler Tag, an dem ich bis halb fünf in der Schule sitzen werde. Doch zum Glück habe ich noch die anderen Austauschschüler, von denen die meisten auch jedes Jahr Weihnachten feiern.

Die Autorin ist 16 und Schülerin am Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf. Zurzeit geht sie für zehn Monate in Izmir/Türkei zur Schule. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

 




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