Wohnraumeinbrüche in Steglitz-Zehlendorf : Polizei bittet: "Rufen Sie uns an!"

1 1 0 anrufen - das ist kostenlos, aber nicht umsonst! Sagt die Polizei. In Steglitz-Zehlendorf, wo momentan zehn Prozent aller Wohnraumeinbrüche zu beklagen sind, diskutierten Vertreter der Polizei mit den Anwohnern Dahlems. Und die Reporterin des Zehlendorf Blogs war dabei.

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Dieser Aufkleber der Polizei soll aufmerksame Nachbarn in Steglitz-Zehlendorf ermutigen, den Notruf 110 anzurufen Foto: Anett Kirchner
Dieser Aufkleber der Polizei soll aufmerksame Nachbarn in Steglitz-Zehlendorf ermutigen, den Notruf 110 anzurufenFoto: Anett Kirchner

Da wird der eine oder andere Zuhörer gestern Abend bei seiner Rückkehr nach Hause froh gewesen sein, dass kein Einbrecher in seiner Wohnung war. Fenster sichern, Tür zweimal verschließen, Rollläden zu, ein wachsamer Hund oder ein aufmerksamer Nachbar: Nützt das wirklich? Ein mulmiges Gefühl bleibt immer, gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit. Zehn Prozent der Wohnraumeinbrüche in Berlin passieren momentan in Steglitz-Zehlendorf. Am härtesten trifft es Dahlem. „Das ist schwer zu ertragen“, sagte Oliver Hartwich, Leiter des Polizeiabschnitts 45, der selber hier im Bezirk wohnt. Seine Kollegen und das Bezirksamt hatten am Donnerstagabend zu einer Veranstaltung ins Rathaus Steglitz eingeladen. Thema: Gemeinsam für Sicherheit.

Steglitz-Zehlendorf ist das Sahnestück für Einbrecher

„110 anrufen – das ist kostenlos, aber nicht umsonst!“ Von dieser Telefonnummer werden die etwa 50 Gäste, die in den ehemaligen BVV-Saal gekommen waren, wohl in der  Nacht geträumt haben. Den ganzen Abend, fast penetrant, wiederholte Hartwich diese Worte; wieder und wieder. „110 anrufen, 110, kostenlos, 110…“ Denn 70 Prozent aller Festnahmen bei Wohnraumeinbrüchen gelängen deshalb, weil sich aufmerksame Anwohner bei der Polizei melden. „Sie sind unsere Augen im Kiez, vertrauen Sie bitte Ihrem Bauchgefühl“, motivierte er die Zuhörer. Sobald jemand merke, dass in der Nachbarschaft etwas anders sei als sonst, soll er, genau, sofort den Notruf 110 wählen.

Einigen im Publikum war dieser Appell jedoch nicht ganz geheuer. Skeptiker meldeten sich zu Wort. Was, wenn es umsonst war, ein falscher Alarm? Muss ich den Einsatz bezahlen? Eine Frau sagte, dass sie kürzlich einen Einbruch vereitelt habe, weil die Diebe gestört wurden. „Zwei junge Männer rannten im Treppenhaus an mir vorbei.“ Sie habe aber nicht die Polizei angerufen, weil sie dachte, dass die Täter sowieso schon über alle Berge seien.  „Bitte rufen Sie in jedem Fall trotzdem bei uns an“, sagte der Polizeiabschnittsleiter.

Jeder Hinweis sei wichtig. Selbst wenn von zehn Einsätzen neun umsonst wären, nähme das die Polizei gern in Kauf. Denn wenn von zehn Anläufen, ein Fall aufgeklärt werde – also zehn Prozent – sei das Ziel erreicht. Derzeit liege die Aufklärungsquote bei Wohnraumeinbrüchen in Steglitz-Zehlendorf nur etwa bei fünf Prozent. Niemand, der die 110 anrufe, müsse einen Einsatz bezahlen. „Es sei denn, es stellt sich heraus, dass sie Ihren Nachbarn denunzieren wollen“, schränkte er ein.

Polizei und Bezirksamt hatten zu einer Veranstaltung zum Thema "Gemeinsam für Sicherheit" ins Rathaus Steglitz eingeladen. Foto: Anett Kirchner
Polizei und Bezirksamt hatten zu einer Veranstaltung zum Thema "Gemeinsam für Sicherheit" ins Rathaus Steglitz eingeladen.Foto: Anett Kirchner

Aber es gab im Ansatz auch gute Nachrichten an diesem Abend. Ingo Grahlmann, Leiter des Kommissariats für Einbruchsdelikte in der Polizeidirektion 4, berichtete, dass die Zahlen an Wohnraumeinbrüchen im Vergleich zum Vorjahr leicht zurückgegangen sind. Nichts desto trotz sei weiter Vorsicht geboten. „Steglitz-Zehlendorf ist in Berlin sozusagen das Sahnestück für Einbrecher“, beschrieb er. Hinzu komme die Stadtrandlage. Diebe seien schnell auf der Autobahn. Von Oktober bis März jeweils zwischen 13 und 23 Uhr würden die meisten Einbrüche gezählt. Durch die Öffnungen der Grenzen nach Osteuropa, gebe es ein deutlich zunehmendes Klientel aus dieser Region, das in die Wohnungen oder Häuser einbreche – die sogenannten reisenden Täter, wie es im Fachjargon heißt.

Zwar habe die Polizei seit einem Jahr mehr Zivilfahnder im Einsatz, aber Einbrecher gehörten zu dem Verbrecher-Klientel, das am schwierigsten festgenommen werden könne. Warum? „Sie sehen aus wie du und ich“, erläuterte Grahlmann. Manche seien auch als Handwerker oder Postboten getarnt. Aber da müsse man vorsichtig sein und nicht alle unter Generalverdacht stellen.

Kriminalhauptkommissar Georg von Strünck (rechts) erklärt einer Dame aus dem Publikum, wie Fenster und Türen vor Dieben gesichert werden können. Foto: Anett Kirchner
Kriminalhauptkommissar Georg von Strünck (rechts) erklärt einer Dame aus dem Publikum, wie Fenster und Türen vor Dieben gesichert...Foto: Anett Kirchner

Inzwischen waren vermutlich viele der Anwesenden im Steglitzer Rathaussaal nervös und gingen in Gedanken ihre Sicherungsmaßnahmen Zuhause durch. Immerhin ist im Moment sozusagen „Hochsaison“ für Einbrüche. Damit sich die Menschen in Steglitz-Zehlendorf jedoch sicherer fühlen, gab Kriminalhauptkommissar Georg von Strünck noch ein paar Tipps, wie man Fenster und Türen vor Dieben sichern kann. Zum Beispiel: Rollläden ja, aber nur, wenn diese stabil sind, abschließbare Fenstergriffe ja, aber nur, wenn der Schlüssel abgezogen wird. Und von Strünck ergänzte: „Der preiswerteste Tipp, den ich Ihnen heute Abend geben kann, ist ganz einfach, Tür abschließen und zwar zweimal.“

 Wer noch mehr dazu erfahren möchte, kann sich an die  Beratungsstelle zum Einbruchschutz der Polizei wenden, Platz der Luftbrücke 5, 12101 Berlin. Infos gibt es auch hier. Wollen Sie mehr über Berlins Polizei lesen, dann schauen Sie sich die Reportage über einen Drogenfahnder am Görlitzer Bahnhof an.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt seit Januar 2014 als lokale Reporterin regelmäßig für den Zehlendorf-Blog des Tagesspiegels.

 

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