Der Künstler Vermibus verfremdet Werbeplakate : "Schönheit? Was soll das sein?"

Was passiert, wenn aus Kate Moss plötzlich eine hässliche Fratze wird? Der spanische Künstler Vermibus verändert die Ästhetik von Werbeplakaten. Ab 3. Juli sind seine Werke in Mitte zu sehen. Ein Interview.

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Vermibus: Wave - eine verzerrte Kate Moss im rosa Kleid.
Vermibus: Wave - eine verzerrte Kate Moss im rosa Kleid.Foto: Open Walls Gallery

Sich mit Vermibus zu unterhalten, ist nicht ganz so einfach. Er will seine Identität schützen. Was natürlich auch daran liegt, dass seine Arbeit, für die er Werbeplakate aus dem öffentlichen Raum entführt und verfremdet, nicht wirklich legal ist. Fotos sind tabu, das Interview wollte er nur per Email führen. Die Fragen bekam er auf Englisch gestellt, die Antworten formulierte er in seiner Muttersprache Spanisch.

Das Interview erschien hier erstmals im November 2013. Ab dem 3. Juli 2015 sind die Werke von Vermibus in der „Open Walls Gallery“ in der Schröderstraße 11 in Mitte zu sehen.

Vermibus, Sie nehmen sich Werbeplakate und zerstören das vermeintlich schöne Aussehen von Kate Moss und anderen. Was an Supermodels macht Sie eigentlich so wütend?

Ich habe gar kein Problem mit den Supermodels, wenn es um sie als Personen geht. Ich will mit meinen Arbeiten auf die Tatsache hinweisen, dass uns, durch sehr viel Manipulation wie Beleuchtung, Make-Up oder Photoshop, eine Ästhetik und eine Lebensweise aufgedrängt werden, die komplett bedeutungslos ist.

Was wollen Sie unter Beweis stellen mit der Art und Weise, wie Sie die Menschen auf den Plakaten verfremden?

Es ist vielmehr das Gegenteil: die verfremdeten Bilder sind die „Originale“, wenn man so will, denn das Originalbild, ohne Retusche, ist ja ein ganz anderes. Meine Bilder haben eine grausame und ehrliche Schönheit, sie mögen oft beängstigend sein, aber sie haben eine Hintergrundschönheit, die selten ist auf Werbebildern. Die Masken, die wir uns als Individuen aufsetzen, verbergen in der Regel eine dunkle Realität, diese Masken machen uns nur zu etwas, das andere in uns sehen. Das hat zu dem Punkt geführt, an dem Werbebilder beunruhigend sind.

Die Bilder strahlen ursprünglich eine konventionelle Schönheit aus. Warum haben Sie den Drang, die zu zerstören?

Konventionelle Schönheit? Was soll das sein?

Konventionell in dem Sinne, wie die Modeindustrie und die Fotografen es auffassen und vermutlich auch die Mehrheit der Konsumenten.

Ja, ich habe es verstanden. In dem Fall möchte ich bei meiner Frage als Antwort bleiben, wenn Sie nichts dagegen haben.

Vermibus: Rezando
Vermibus: RezandoFoto: Open Walls Gallery

Was stört Sie an der Modeindustrie und Konsumkultur?

Ich habe als Fotograf gearbeitet, ich habe Bilder von schönen Menschen gemacht, auf Anordnung meiner Chefs, und die Menschen eliminiert, die diesen Maßstäben nicht entsprochen haben. Ich verbrachte Zeit mit Menschen, die ihre Maßstäben nicht erfüllt haben, und sie haben mich gefeuert. Sie wollten einen Haufen schöner Leute, die den Stil erfüllten, mit dem sie das Produkt bewerben wollten, das nebenbei gesagt gesundheitsschädigend war. Das ist meine persönliche Geschichte, aber nicht die einzige. Models haben mir Geschichten über die Modewelt erzählt, von denen du Angst bekommst.

Sie kommen ursprünglich aus Spanien. Warum sind Sie nach Berlin gekommen. Und warum ist Berlin ein guter Ort für einen Urban Artist?

Ich bin hergekommen wegen des Rufs, den Berlin in der Kunstwelt hat, wegen der vielen jungen Leute, die hier leben, zusammen an verschiedenen Projekten arbeiten und Ideen entwickeln, die nach vorne weisen. Ich wollte drei Monate bleiben, verliebte mich in die Stadt und bin jetzt seit fast drei Jahren hier.

Warum arbeiten Sie gerne im Wedding und stellen hier aus?

Die Open Walls Gallery, die Galerie im Stattbad Wedding, mit der ich derzeit zusammenarbeite, ermöglicht es mir, in einem großen Raum zu arbeiten, der viel Prestige in der urbanen Kultur der Stadt hat. Das Gebäude finde ich interessant wegen der Möglichkeiten, die es als soziokultureller Raum bietet.

Wedding ist immer noch einer der armen Stadtteile, das Leben und die Straßen sind oft grau. Aber hier hängen natürlich auch die gleichen grellen Poster wie anderswo in der Stadt. Wie passt ihre Kunst hierher?

Ich weiß auch nicht warum, aber es gibt nicht so viele Werbeflächen in den Wohngebieten der Oberschicht. Ich nehme an, das liegt an der Bevölkerungsdichte, aber der Gedanke, dass es auch andere Gründe dafür geben könnte, irritiert mich.

Eine Ihrer Arbeiten von Kate Moss haben Sie „Low Grade Meat“ („Fleisch minderer Qualität“) genannt. Wie kamen Sie darauf?

Werbebilder sind fleischartig. Das ist nicht meine Meinung, das ist die Realität. Wie gesagt, sind es nicht länger Menschen. Oft nehmen sie Körperteile von anderen Menschen, um eine „perfekte“ menschliche Figur zu schaffen, auch wenn sie nicht realistisch ist. Das sind Teile von Dr. Frankenstein, sie sind Fleisch von schlechter Qualität. Auch wenn der Prozess mit High-Tech durchgeführt wird, verschwinden dadurch die natürlichen Proportionen. Daher „Low Grade Meat“.

Vermibus: "Low Grade Meat"
Vermibus: "Low Grade Meat"Foto: Open Walls Gallery

„Vermibus“ ist eine Form des lateinischen Worts „vermis“ - „Wurm“. Warum haben Sie sich diesen Künstlernamen ausgesucht?

Es heißt, dass das Wort „cadaver“ von „CAro DAta VERmibus“ kommt, was bedeutet: Fleisch, das man den Würmern übergibt. Vermibus ist eine Metapher für die Rückkehr des Lebens. Wenn ein Körper stirbt, kommt er früher oder später zurück ins Leben in der Form der Würmer. Mit meinen Arbeiten will ich metaphorisch ausdrücken, dass diese Bilder wieder lebendig werden, selbst wenn der erste Schritt nicht angenehm ist.

Die verfremdeten Poster stecken Sie zurück in ihren ursprünglichen Rahmen, an den Bushaltestellen etc. Welche Reaktionen haben Sie an den Passanten beobachtet?

Mein Anliegen ist simpel: den Bürger zum Denken zu bringen, eine alternative Botschaft anbieten, um eine Wahlmöglichkeit zu entwickeln. Ich glaube, dass viele Leute überrascht sind, wenn sie meine Arbeiten sehen, weil sie solch eine Botschaft da nicht erwarten. Das kreiert Zweifel und stimuliert Kritik.

Für Ihr Projekt „No-AD“ nahmen sie die Poster aus ihrem Rahmen, schmissen sie aber einfach weg – zurück blieb ein hell erleuchteter weißer Hintergrund. Auf einem Video sieht man Passanten, die alles sehen können. Welche Reaktionen haben Sie von denen bekommen?

Die Leute sind aus verschiedenen Gründen überrascht. Vor allem: Wie kann einer einfach den Leuchtkasten öffnen? Sie wissen, dass er da ist, sie versuchen ihn zu ignorieren, aber sie hätten sich nie vorstellen können, dass er geöffnet werden kann. Nachts macht das Licht außerdem einen großen Eindruck, dadurch erkennen sie, wie extrem viel Energie dafür verschwendet wird. Es wundert mich, dass das nicht reguliert ist, weil Berlin so dunkel ist und die Leute hier so energiebewusst sind. Und tagsüber sehen sie einfach nichts, überhaupt nichts. Niemand beachtet ein Schild, auf dem keine Informationen stehen, es ist also eine visueller Ruhemoment. Das will ich erreichen: den Bürgern einen Moment des Durchatmens geben.

Was wäre der öffentliche Raum ohne Ihre „Interventionen“?

Ein Musterbürger, mit nur einer einzigen Meinung, einer Denkart. Für mich ist das ein Schreckensbild, definitiv gefährlich.

Jordan Seiler | Vermibus

Open Walls Gallery
3. Juli - 29. August 2015 (Offiz. Eröffnung 3.7., 18 Uhr)

Schröderstraße 11, Berlin (Mitte)

Dieses Interview erschien im November 2013 im Wedding-Blog, dem lokalen Online-Magazin des Tagesspiegel.

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