Berlin : Bezirksfusion: Erst wuchs der Grünkohl, dann die Plattenbauten

Beate K. Seiferth

Seit dem 1. Januar ist die Bezirksfusion in Kraft, und damit sank die Zahl der Bezirke von 23 auf 12. Dies gehört zum Kern der Verwaltungsreform, mit der die Stadt viel Geld sparen will. Jeder dieser 12 Bezirke hat etwa 300.000 Einwohner - so viel wie eine mittlere Großstadt. Wir stellen die zwölf Bezirke der Reihe nach vor.

Lichtenberg-Hohenschönhausen. Gegensätze ziehen sich an, sagt das Sprichwort. So wird das architektonische Bild Hohenschönhausens von Plattenbauten dominiert. Lichtenberg hingegen ist eine Mixtur aus Alt- und Neubauten, wie die im 19. Jahrhundert entstandene Victoriastadt oder die zwischen 1973 und 1986 erbaute Großsiedlung Fennpfuhl. Dennoch vereinen beide Bezirke jede Menge Gemeinsamkeiten. Zwar kann der neue Partner im Norden nicht mit einem Tierpark aufwarten, doch bereits seit Jahren kommen Storchenpaare zur Brut nach Malchow und Falkenberg. Zudem wird dieses Jahr das Tierheim Lankwitz an den Hohenschönhausener Hausvaterweg (siehe den unten stehenden Beitrag) ziehen. Und blicken die Lichtenberger stolz auf Willy Abel, den "Vater der deutschen Haushaltsmaschinen", hat der Nachbar den Ingenieur Paul Schmidt zu bieten: Er entwickelte die Trockenbatterie sowie die Taschenlampe. Heinrich Zille und Hedwig Courths-Mahler lebten in Lichtenberg, doch dafür wandelte Theodor Fontane einst zu Weihnachten auf Hohenschönhauser Boden.

Beide Bezirke vereint auch ihre Entstehung Anfang des 13. Jahrhunderts. Zeitzeugen der Gemeindegründungen sind die Hohenschönhauser Taborkirche, die um 1230 errichtet wurde. In Lichtenberg windet sich der Straßenverkehr um den spindelförmig angelegten Dorfanger mit der Dorfkirche aus derselben Zeit. Der gemeinsamen Entstehungszeit zum Trotz ist Lichtenberg 65 Jahre älter als sein Partner. Mit der Gründung Groß-Berlins 1920 wurde die seit 1907 mit den Stadtrechten ausgestattete Gemeinde als 17. Verwaltungsbezirk Berlin einverleibt. Ortsteile des neuen Verwaltungsbezirkes waren die Gemeinden Marzahn, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf sowie Hellerdorf, aus denen 1979 der eigenständige Bezirk Marzahn enstandt. Bereits seit 1912 waren Friedrichsfelde sowie Rummelsburg-Boxhagen Ortsteile der Stadt Lichtenberg, 1920 folgten Friedrichsfelde und Karlshorst, berühmt wegen seiner 1862 eröffneten Trabrennbahn. Zweifelhaften Ruhm erlangte Karlshorst 1922, als Wettkönig Max Klante 260 000 Menschen um ihr Geld brachte. Nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 im Karlshorster Offizierscasino und der Ernennung des Ortsteils als Sperrgebiet galt Karlshorst schlicht als "Vorort Moskaus", weil bis zur Wende die Sowjets das Sagen hatten.

Hohenschönhausen, wegen des Gemüseanbaus auf den um die Jahrhundertwende enstandenen Riesenfeldern im Volksmund auch "Hohenschöngrünkohl" genannt, wurde erst 1985 aus den seit 1920 zu Weißensee gehörenden Ortsteilen Malchow, Falkenberg, Wartenberg und Hohenschönhausen gebildet. Im Zuge des DDR-Bauprogramms wurden in den 70er und 80er Jahren 30 000 Plattenbauwohnungen auf den Rieselfeldern errichtet. In ihnen lebt noch heute der überwiegende Teil der 110 000 Bewohner.

Nach der Wende verstummte in beiden Bezirken der Lärm der Industriemaschinen. Im Gewerbegebiet an der Herzbergstraße zum Beispiel - dort arbeiteten 1989 rund 30 000 Menschen. Heute sind hier nur noch rund 3000 beschäftigt. Die neue Zeit zog mit dem Symbol des Kapitalismus ein: Coca Cola baute in Hohenschönhausen seine größte Abfüllanlage in Europa.

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