BFC Dynamo : Schwere Missbrauchsvorwürfe gegen Jugendtrainer

Beim BFC Dynamo mussten Jugendliche mutmaßlich über Monate „Ekelrituale“ über sich ergehen lassen. Jetzt wurde Anklage erhoben.

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In Schieflage geraten. Der BFC Dynamo sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt.
In Schieflage geraten. Der BFC Dynamo sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt.Foto: imago sportfotodienst

Ein Hotelzimmer in einer Küstenregion, im Norden Deutschlands vor wenigen Jahren: Eine Jugend-Fußballmannschaft aus Berlin war angereist um vor Ort ein Turnier zu spielen. Fünf Spieler des Teams hatten sich in dem Zimmer versammelt, ihre beiden Trainer hatten sie hierher geholt. Alle Spieler waren jünger als 16 Jahre. Die Trainer drängten sie zu intimen Körperkontakten.

So soll es sich abgespielt haben in dem Hotelzimmer, lautet einer der Vorwürfe, die den Trainern gemacht werden. Die Staatsanwaltschaft Berlin hat gegen die beiden Jugend-Coachs jetzt Anklage erhoben. „Es gibt gegen zwei Jugendtrainer des BFC Dynamo den Vorwurf der Nötigung, des sexuellen Missbrauchs und der Beleidigung“, sagt Martin Steltner, der Sprecher der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Berlin.

"Erniedrigungsrituale" sollen stattgefunden haben

„Es sollen Erniedrigungsrituale stattgefunden haben.“ Mehr Details nannte er nicht. Dynamo Berlin hat mehr als 20 Jugendmannschaften und entsprechend viele Jugendtrainer.

Die Vorwürfe umfassen einen Zeitraum von mehreren Monaten. Nach Informationen des Tagesspiegel sollen die „Erniedrigungsrituale“ unter anderem so ausgesehen haben: Ein Trainer soll einem der Spieler einen ordinären Spitznamen gegeben haben. Dann soll er den Jugendlichen angewiesen haben, diesen Spitznamen aus dem Hotelzimmer zu rufen. Dieser Spieler soll dann auch angewiesen worden sein, die benutzen Badelatschen eines der Trainer zu lecken, was er widerwillig getan haben soll.

Ein dritter Spieler soll die Anweisung erhalten haben, an den getragenen Socken eines der Trainer zu riechen und dessen getragene Unterhosen anzufassen. Der Spieler habe das widerstrebend getan. Zwei der Spieler sollen angewiesen worden sein, an einem rostigen Heizungsrohr zu lecken, bis ihre Zungen schwarz geworden seien. Außerdem hätten die beiden Spieler die Anweisung erhalten, Staub vom Fußboden zu essen. Auch dies hätten sie, wider Willens, gemacht.

Zu den Methoden der Trainer sollen ohnehin regelmäßig verteilte Nackenschläge, Beleidigungen und Drohungen mit Ausschluss aus der Mannschaft gehört haben. Einmal soll einer der Trainer einen Spieler gezwungen haben, sich wie ein Hund unter einen Tisch zu setzen und dort zu warten.

Trainer wurden aus dem Verein ausgeschlossen

Die beiden Trainer sind unmittelbar, nachdem Jugendleiter Jürgen Kayser von den Vorwürfen erfahren hat, aus dem Verein ausgeschlossen worden. „Sie haben auch Stadionverbot erhalten“, sagte Kayser dem Tagesspiegel. Der Jugendleiter ist erkennbar erschüttert über die Vorwürfe. „Ich finde für diese schlimmen Dinge gar nicht die passenden Worte. Wir sind dem vorbildlichen Umgang mit den Kindern verpflichtet. Danach handeln wir auch.“

Allerdings gibt es in dieser Geschichte einen seltsamen Punkt. Denn Kayser hat erst knapp ein Jahr nach den mutmaßlichen Vorfällen im Hotelzimmer von den Vorwürfen erfahren. Nach einem Turnier sei einer der beiden Trainer am Abend zu ihm ins Büro gekommen und habe erklärt, „dass da etwas in dem Hotelzimmer passiert ist“. Kayser weiß nicht mehr, was der Trainer genau gesagt hat. Am nächsten Morgen aber kannte er alle Details. Da hielt er die schriftliche Beschwerde eines Elternteils in der Hand, in dem detailliert die Vorwürfe zum Thema Hotelzimmer aufgelistet wurden.

Ein Teil der Kinder redete mit seinen Eltern über die Vorfälle

Damit war klar, dass zumindest ein Teil der Kinder an jenem Turnierwochenende mit ihren jeweiligen Eltern über die damalige Reise in die Küstenregion geredet haben. Das hat einer der Trainer erfahren und ist dann zu Kayser gegangen. Für Kayser ist es allerdings „unverständlich, dass die Kinder erst knapp ein Jahr über die Dinge, die sich im Hotelzimmer abgespielt haben sollen, geredet haben“.

Gelegenheit, schon früher über die Vorwürfe zu reden, hatte es gegeben. Denn gegen die beiden Trainer hatte es schon kurz zuvor Beschwerden gegeben. Zwei Eltern hatten sich bei Kayser schriftlich über zu hartes Training im Trainingslager und unangemessene Ausdrucksweisen gegenüber den Kindern beklagt. Allerdings auch erst Monate nach dem Trainingslager und nachdem ihre Kinder nicht mehr in der Mannschaft spielen durften. Die Trainer wurden nach diesen Beschwerden erstmal suspendiert.

Der Jugendleiter berief zudem eine Eltern- und Spielerversammlung ein, um die Vorwürfe zu klären. „Da gab es allerdings breite Unterstützung für die Trainer durch Eltern und Spieler“, sagte Kayser. Niemand aber habe irgendetwas von Dingen im Hotelzimmer erzählt.

Kinderschutzbeauftragter installiert

Auch der Berliner Fußballverband (BFV) ist in den Fall eingeschaltet. Das BFV-Sportgericht entschied, dass die Trainer ihrer Ämter ruhen lassen müssen, bis die Angelegenheit vom Gericht geklärt ist. Der BFC Dynamo hat inzwischen einen Kinderschutzbeauftragten installiert, eine Reaktion auf die Vorwürfe.

Kayser, seit vielen Jahren im Amt, betont, dass ihm beim BFC Dynamo kein weiterer Fall von mutmaßlichem Missbrauch oder Nötigung bekannt sei. „Aber wir haben gelernt, dass wir noch genauer hinschauen müssen und noch mehr auch auf kleine Zeichen achten müssen.“

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