Berlin : Bildung: Die Faulen gelten als cool, die Fleißigen sind Außenseiter

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Beginnen wir die Sache mit einem Rätsel. Zu erraten ist eine Räumlichkeit: Sie besteht aus einer ekligen Küchenecke, abgeschabten Wänden mit hässlichen Überputzleitungen, davor verschlissene Möbel, drei Computer ohne Internetanschluss, darunter fleckiger Linoleumboden. Wo befinden wir uns?

Die Lösung lautet: im Lehrerzimmer eines Gymnasiums von Tempelhof-Schöneberg. Genauer wollen wir nicht werden, damit die Schule keinen Ärger bekommt, weil sie die Presse reingelassen hat. Denn es gibt noch andere unerfreuliche Dinge zu sehen. Zum Beispiel die uralten Umkleideräume, die vorsintflutlichen Waschräume oder die kaiserzeitliche Turnhalle. Da stehen die Barren direkt am Spielfeldrand, weil es keinen Geräteraum gibt. Wenn ein Schüler beim Volleyballspiel aus Versehen dagegen knallt - wer haftet dann?

Doch das alles sei nur schäbige Kulisse für ein ziemlich maues Theaterstück, das viel größere Schwächen habe als eben diese Kulisse, sagt Französischlehrer Ulrich Torff, der seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Denn er will mal richtig vom Leder ziehen. Danach ist ihm zumute, nachdem die Ergebnisse der Bildungsstudie Pisa über ihn kamen und mit Pisa viele Erklärungsversuche, die er für falsch hielt.

Torff ist seit 20 Jahren Lehrer. Für ein Hauptproblem der Schulen hält er, dass die Schüler diese "Vormittagsveranstaltung nicht richtig ernst nehmen". Schon morgens seien sie mit der Frage beschäftigt, was sie aus dem langen Nachmittag machen. Er plädiert für Ganztagsschulen, die ganz selbstverständlich Lebensmittelpunkt sind und nicht nur ein Vormittagsprogramm bieten.

Mit dem geringen Stellenwert, den die Schule nach Torffs Empfinden einnimmt, geht das geringe Sozialprestige von fleißigen Schülern einher. "Die Faulen sind die Coolen - die guten Schüler werden zu Außenseitern", beobachtet der Lehrer zu seinem Verdruss. Das sei ein "soziales Phänomen", das auch er sich nicht erklären kann.

Wenn Torff das schlechte deutsche Abschneiden bei Pisa zu erklären versucht, kommt er aber noch auf einen weiteren Punkt: die Grundschulen. Als Französischlehrer rauft er sich die Haare, mit welch geringen Kenntnissen die Schüler nach zwei Jahren Grundschul-Französisch zu ihm kommen. Er erklärt sich das mit zu großen Klassen und damit, dass oft fachfremde Lehrer eingesetzt würden: Wenn jemand Mathematik studierte und nun als "Neigungsfach" Französisch unterrichte, könne man eben nicht mehr erwarten.

Natürlich kennt Torff die Vorhaltung, wonach Lehrer die Schüler nun mal "dort abholen sollen, wo sie sind". Das sei ja gut und schön, aber er fragt dann schon mal: Wo soll ich denn da hingehen? Oder anders: Auf welches Niveau kann ich als Gymnasiallehrer zurückgehen, ohne das Fernziel "Abitur" aus den Augen zu verlieren?

Lange Zeit hat Torff gedacht, man könne die Probleme zumindest teilweise dadurch in den Griff bekommen, dass man "unendlich viel Geld" in die Grundschulen steckt und an den Gymnasien Aufnahmetests einführt. Seit Pisa hat er aber grundsätzliche Zweifel an der deutschen Schulstruktur: Wenn so viele Staaten mit Gesamtschul-Systemen bessere Ergebnisse erzielen als Deutschland - wozu dann noch die Schüler auf drei verschiedene Schulformen aufteilen? Mit all den Ungerechtigkeiten, die dabei passieren können.

Aber Torff weiß, dass auch dies keine Antwort ist. Dass viele Reformschritte ineinander greifen müssen. Dass die Eltern mitziehen müssen, die jetzt immer nur Angst vor Überforderung haben. Und dass man die Pädagogen nicht ganztags in Schulen halten kann, wo sie nicht mal einen eigenen Arbeitstisch haben - in dem miefigen Lehrerzimmer mit den alten Computern.

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