Bildung : Pädagogik für die Unterschicht

Der FU-Bildungsforscher Ramseger sieht Versäumnisse in Brennpunktkiezen und kritisiert die Vergleichsarbeiten für die Drittklässler. Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky will die Eltern mehr in die Pflicht nehmen.

Hadija Haruna und Susanne Vieth-Entus

Der FU-Bildungsexperte Jörg Ramseger teilt die Kritik an den anstehenden bundesweiten Vergleichsarbeiten für die Drittklässler (Vera). Die Aufgaben müssten so modifiziert werden, dass einige von ihnen auch für schwache Schüler zumindest teilweise zu lösen seien, fordert der Grundschulforscher gegenüber dem Tagesspiegel. Nur so könne man „im unteren Bereich differenzieren“. Vielleicht brauche man für Brennpunktschulen auch einen speziellen Vera-Test. In jedem Fall seien die Probleme der Grundschulen „härter, als wir bisher geahnt haben“, sagte Ramseger.

Der Wissenschaftler gilt als ausgewiesener Kenner der Berliner Grundschulen und verantwortete im Auftrag des Senats langjährige Untersuchungen. Bereits 2002 kam er zu dem Ergebnis, dass man das Jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) nicht verpflichtend einführen sollte. In Bezug auf Vera schlägt er vor, die Vergleichsarbeit nicht jährlich, sondern vielleicht nur alle vier Jahre anzuordnen, wie dies am Dienstag eine Grundschulrektorin im Tagesspiegel gefordert hatte.

Ramseger sieht die Verantwortung für die schlechten Deutschkenntnisse der Kinder nicht bei den Pädagogen. Möglicherweise sei es versäumt worden, eine „dezidierte Unterschichtenpädagogik“ zu entwickeln. Die „Dramatik der sozialen Brennpunkte“ werde noch nicht ausreichend berücksichtigt. Was die Probleme der Schulen noch verstärke, sei die Tatsache, dass bei vielen Migranten ein Bildungsstreben fehle. Für Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) trifft das auf fast alle Familien bildungsferner Schichten zu. Migrantenfamilien seien jedoch besonders überfordert damit, ihre Kinder auf das Leben mitteleuropäischer Standards vorzubereiten. Das sagte er am Dienstag beim 13. Berliner Demografiegespräch der Robert-Bosch- Stiftung zum Thema „Arme Kinder – Familienpolitik im Brennpunkt“.

„Einwandererkinder sind nicht dümmer als andere.“ Ihr Wissensstand liege aber zwei Stufen zurück. „Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden die Kinder das Leben ihrer Eltern wiederholen.“

Nach Buschkowsky erzieht nicht der Staat die Kinder, müsse aber ein Höchstmaß an Förderung bieten. Im OECD Vergleich gebe Deutschland zwar mit das meiste Geld aus, fördere aber fälschlicherweise die Eltern anstatt die Kinder. „Was wir erleben, ist, dass das Geld anderweitig ausgegeben wird.“ Doch was nutze es einem Kind, wenn es das neueste Handy habe, aber im Winter im T-Shirt in die Schule gehe, seine Hausaufgaben am Boden machen müsse oder kein Schulbrot geschmiert bekomme.

Buschkowsky fordert eine Kürzung des Kindergeldes um 50 Prozent, um Finanzmittel für Bildungsaufgaben freizusetzen. Zudem wünscht er sich eine verpflichtende bildungsorientierte Betreuung für Kinder ab drei Jahren: „Über kurz oder lang werden wir in Deutschland sowieso eine Kita-Pflicht bekommen, weil es immer weniger Eltern schaffen, ihre Kinder aufs Leben vorzubereiten.“

Deshalb müsse in den Schulen später selektiert und in Ganztagschulen betreut werden. Man brauche mehr Lehrer mit Migrationshintergrund und eine bessere Verzahnung zwischen Krippe, Kindergarten und Grundschule. Als Vorzeigemodell lobte Buschkowsky Rotterdam, das die Familien besser in die Pflicht nehme. „Es ist ein System, das Eltern zu regelkonformem Verhalten erzieht.“

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