Bildung : Schulen schummeln beim Drittklässler-Test

Bei Vergleichsarbeiten für Migrantenkinder wird gemogelt, klagen Pädagogen. Viele Schüler scheitern schon an der Fragestellung. Vor dem Bildungsgipfel werden die Hilferufe aus den betroffenen Schulen lauter.

Susanne Vieth-Entus

Im Vorfeld des Bildungsgipfels gibt es aus Berlins Brennpunktschulen dramatische Appelle an die Bundeskanzlerin, die Anstrengungen für die Migrantenförderung zu verstärken. Vor allem eine frühere und bessere Kita-Förderung steht im Fokus der Forderungen. Nach Aussage von Schulexperten führen die miserablen Sprachkenntnisse der Grundschulkinder längst dazu, dass Lehrer bei den obligatorischen Vergleichsarbeiten den Kindern helfen, um die Ergebnisse weniger katastrophal aussehen zu lassen.

„Die Kollegen schummeln ganz bewusst, damit ihre Klassen nicht in ein schlechtes Licht gerückt werden“,bestätigte eine Kreuzberger Lehrerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Die Kinder hätten einen derart verarmten Wortschatz, dass sie bereits an der Fragestellung scheiterten. Deshalb würden Lehrer die Aufgaben tags zuvor besprechen oder aber während des Tests Hilfestellungen geben. Konkret geht es um die Drittklässler-Arbeit „Vera“, die bundesweit geschrieben wird. Die Bildungsverwaltung betonte, sie wisse von der Schummelei nichts, werde aber konkreten Hinweisen „selbstverständlich“ nachgehen.

„Wir kennen solche Manipulationsvorwürfe, aber das Problem ist, dass die Politik darauf nicht reagiert“, bedauert hingegen Mario Dobe vom Ganztagsschulverband. An seiner Schule habe man sich zwar darauf verständigt, nicht zu schummeln und auch nicht vorab zu üben. Aber auch Dobe weiß, dass es Gründe gibt, die Ergebnisse zu manipulieren: Zum einen müssten sich Schulen mit schlechten Ergebnissen vor den Schulinspekteuren und den Schulräten rechtfertigen, zum anderen sähen sie auch den Sinn der Vergleichsarbeiten nicht. Ebenso wie Karin Babbe von der Weddinger Erika-Mann- Schule appelliert Dobe an die Politik, sich auf kostenfreie Kitas ab drei Jahren zu einigen und die Erzieher besser zu qualifizieren. Anders könne man die Sprachprobleme nicht in den Griff bekommen.

Wie groß die sprachliche Armut vieler Kinder ist, haben anlässlich des Bildungsgipfels die Lesepaten der Bürgerstiftung auf den Punkt gebracht. In einem offenen Brief an die Kanzlerin weisen sie darauf hin, was Kindern verloren gehe, mit denen niemand lese und die „tausende Stunden“ vor Fernsehern und Spielkonsolen säßen. Die Kinder könnten „keinen Vogel und keinen Baum benennen“, heißt es in dem Brief, den sie als „Notschrei“ bezeichnen.

In Berlin gehen zwar die Meinungen darüber auseinander, ob ein derartiger „Notschrei“ weiterhilft. Aber die Zustandbeschreibung wird bestätigt. „Wenn man in anderen Gebieten Deutschlands unterwegs ist und Kinder dort sprechen hört, fällt einem erst auf, wie rudimentär die Sprache unserer Kinder ist“, sagt Gerti Sinzinger vom Vorstand des Grundschulverbandes. Sie findet es gut, dass die Lesepaten „den Finger in die Wunde legen“.

Bildungsexpertin Sybille Volkholz hält es zwar für falsch, „die weiße Fahne zu hissen“. Aber auch sie fordert weitere Anstrengungen. Dazu könne neben der früheren Kitaförderung auch gehören, dass Eltern von Schulschwänzern härter bestraft würden, wie Neuköllns Bürgermeister jüngst vorgeschlagen hatte: „Jedes Mittel ist recht, um die Chancen der Kinder zu erhöhen“, findet Volkholz.

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