Berlin : Blick in den Bunker

Das soll Berlin darstellen? Die Archäologie-Ausstellung zeigt Funde aus Hitlers Fahrerkeller

Fatina Keilani

Gerade mal ein gutes halbes Jahrhundert ist das Ausstellungsstück alt, und doch ist es jetzt in einer Archäologie-Schau zu sehen: der Fahrerbunker von Hitlers Leibstandarte. Gefunden wurde er im Juni 1990 auf dem Gelände der heutigen Ministergärten, als man dort nach Munitionsresten suchte. Die anderen rund 7000 Exponate der Schau „Menschen, Zeiten, Räume“, die von Freitag an im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, sind zum Teil Jahrmillionen alt. Es sind die spektakulärsten Archäologie-Funde der letzten 25 Jahre aus ganz Deutschland.

Denn wenn in Berlin und anderswo wieder ein Spaten in die Erde gestochen wird, kommen häufig Spuren unserer Vorfahren zum Vorschein. Dann schlägt die Stunde der Archäologen. Sie erforschen das Leben in vergangenen Zeiten und setzen aus den gefundenen Teilen ein Bild davon zusammen, wie man früher gelebt und gearbeitet hat.

Und in Berlin tauchte eben der Fahrerbunker auf. In diesem Raum mit einer Innenfläche von acht mal 30 Metern wurden acht naive Wandmalereien gefunden, mit denen die SS-Männer die Wände geschmückt hatten, außerdem rustikale Holzmöbel, Essbesteck mit der Prägung „SS-Wache Reichskanzlei“, Weingläser, Koppelschlösser von Uniformgürteln und andere Kleinteile. Das Mobiliar ist in der Ausstellung im Original zu sehen, der Bunker wird nachgestellt.

Wie andere Berliner NS-Katakomben wurde auch der Fahrerbunker nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – ein Grund mehr für Wilfried Menghin, ihn in die Ausstellung aufzunehmen, auch wenn der Begriff Archäologie so etwas wie Altertumskunde bedeutet. Menghin ist Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Landesarchäologe von Berlin, und er leitet die Ausstellung.

Er weiß jetzt schon, dass die Einreihung des Bunkers in die Schau einige Gemüter erregen wird. „Aber in ein paar hundert Jahren ist das auch Altertum“, sagt Menghin. „Außerdem handelt es sich um ein ganz hervorragendes Bodendenkmal, es ist weltweit bekannt, nur die Berliner wollen das nicht wahrhaben.“ Das Argument der Stadt, man habe den Ort nicht zu einer Kranzabwurfstelle für Neonazis machen wollen, lässt er nicht gelten. „Wer das sagt, missversteht den Sinn eines Denkmals. Wir haben hier ein geschlossenes Denkmal am historischen Ort. Es transportiert die Geisteswelt von Hitlers Männern in den letzten Tagen des Dritten Reiches.“ Das zu zeigen habe nichts mit Verherrlichung zu tun. Fast nebenan wird das Holocaust-Mahnmal errichtet, ein Ort der Täter finde sich also direkt beim Mahnmal für die Opfer. Das sei doch spannend. Menghin und sein Kollege Alfred Kernd’l, der frühere Leiter des Archäologischen Landesamts, kritisieren die Politik der Stadt, die steinernen Zeugnisse ihrer Geschichte einfach zu planieren.

Im 21. und letzten Raum der Ausstellung soll der Bunker deshalb mit Stellwänden nachgebaut werden, ein Sehschlitz den Blick ins Innere ermöglichen. So haben Besucher bis Ende März immerhin die Chance, den Bau, wenn schon nicht real, so doch simuliert zu sehen.

Informationen im Internet:

www.archaeologie-in-deutschland.de

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