Blockierte Fahrstühle bei BVG und S-Bahn : Macht die Aufzüge frei!

Fahrstühle in Bahnhöfen dienen denen, die sonst nicht zum Gleis kämen: Gehbehinderten und Eltern mit Kinderwagen. Aber die müssen ständig warten, weil junge, fitte Menschen sich aus Bequemlichkeit fahren lassen.

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Reger Andrang. Und dann ist der Fahrstuhl auch noch kaputt.
Reger Andrang. Und dann ist der Fahrstuhl auch noch kaputt.Foto: Mike Wolff

Station Alexanderplatz, der U-Bahnsteig ganz unten. Auf den Aufzug nach oben warten: drei Kleinfamilien mit je einem Kinderwagen, ein Paar um die fünfzig, eine Gruppe junger Mädchen. Wartezeit. Minuten später kommt der Aufzug. Das Ehepaar geht vor, ein Kinderwagen passt hinein und dann so gerade eben noch die Truppe Freundinnen. Wartezeit. Minuten vergehen, bis der Aufzug wiederkommt. Doch er ist jetzt besetzt von einer Reisegruppe, die in der mittleren Etage zugestiegen ist, eigentlich aber auch ganz nach oben will und jetzt eine unfreiwillige U-Bahn-Aufzug-Rundfahrt macht. Wartezeit, schon wieder, immer noch.

Zeit, mal eine gehässige Frage zu stellen: Was haben eigentlich all die augenscheinlich gesunden Menschen unter 60 und ohne schweres Gepäck in Berlins Aufzügen verloren? Vor allem in denen in S- und U-Bahnhöfen! Kann ja sein, dass man im Kaufhaus auf den Komfort eines Aufzugs nicht verzichten mag. Und natürlich ist niemand moralisch verpflichtet, im Plattenbau 20 Stockwerke hochzulaufen, nur weil er oder sie zwei gesunde Beine hat. Aber U- und S-Bahn-Aufzüge sind etwas anderes. Sie dienen erklärtermaßen zunächst der Barrierefreiheit, sind also vor allem Daseinsfürsorge für alle, für die die Treppen zum Bahnsteig ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Sie sind nicht gemacht für all jene durchschnittlich fitten Fußgänger, für die ein paar Stufen problemlos zu bewältigen sind.

Und diese Aufzüge zu benutzen, ist ohnehin nervenzehrend genug. Die Lifte sind langsam (Hauptbahnhof!!!), versifft und eng. In manche, wie die am Bahnhof Charlottenburg, passt man selbst mit einem normalen Kinderwagen kaum rein, weil sie viel zu klein sind. Warum nur fahren so viele da freiwillig mit – und nehmen allen, die die Aufzüge wirklich unbedingt brauchen, den wertvollen Platz weg? So ein Baby ist nun einmal nicht ganz ohne Umstände zu transportieren, manche Touren sind ohne Kinderwagen schlicht nicht zu bewältigen. Und mit eingebautem Treppenlift sind die Dinger leider noch nicht auf dem Markt.

Für Rollstuhlfahrer ist es richtig schlimm

Doch darf andere von der Aufzugbenutzung fernhalten, wer früher womöglich selbst unbekümmert zustieg, seit Kurzem aber die vermeintliche Weisheit mit Löffeln füttert? Freie Fahrt für freie Bürger – gilt das in der Vertikalen etwa nicht? Doch, es gilt. Wer seinen Steuerobolus unbedingt wieder rausfahren möchte, hat natürlich das Anrecht, im Aufzug seiner Wahl Runden zu drehen. Es geht nicht um Zwang und Verbote – sondern ganz simpel um Rücksichtnahme. Wer mit Treppe oder Rolltreppe genauso schnell am Ziel ist und deshalb auf den Aufzug verzichtet, spart anderen, die auf ihn angewiesen sind, viel Zeit und Nerven.

Dabei haben Eltern noch gut jammern. Im Ernstfall können sie Kind samt Zubehör schon irgendwie unter den Arm klemmen. Es findet sich sicher eine freundliche Dame, die mit anpackt (gelegentlich auch ein Herr). Ganz anders sieht die Sache etwa für Rollstuhlfahrer oder gebrechliche Senioren aus: Sie haben gar keine andere Wahl, als auf den Aufzug zu warten.

Wenn der denn überhaupt kommt! Und damit zum zweiten Problem: Erstaunlich, was an so einer Anlage alles repariert, gewartet, gestrichen und gesäubert werden muss und wie oft deshalb gar kein Lift unterwegs ist. Da Berlin ja ohnehin nur noch von einigen fähigen Stadträten und ansonsten per Volksentscheid regiert wird, kommt es bei den letzteren auf einen mehr oder weniger nicht mehr an. Wo darf ich unterschreiben für zahlreichere, besser funktionierende und zügiger gewartete Aufzüge?

Bis dahin eine herzliche Bitte: Nehmt die Treppe, liebe Mitmenschen. Hält auch fit. Wie bitte, ihr hättet da ebenfalls ein paar Anliegen? Es geht um Kinderwagen, die euch an der Supermarktkasse in die Hacken gerammt werden? Um Mütter, die ihre Karren quatschend im Kriechtempo nebeneinander über den Bürgersteig schieben, sodass für alle anderen kein Durchkommen ist? Um fidele Kleinkinder, die im Bus mit Matschschuhen auf den Sitzen herumtoben oder im Klassik-Konzert laut rumblöken? Ich spreche es an, im nächsten Krabbelkurs. Versprochen.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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