Berlin : Bloß keine Bademantel-Atmosphäre

Wie sehen die Kliniken der Zukunft aus? Wie Gesundheitshotels, sagt Christine Nickl-Weller. Die Architektin leitet an der Berliner TU Deutschlands einzigen Lehrstuhl für Krankenhausbau

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Viele deutsche Krankenhäuser flößen selbst gesunden Besuchern Furcht ein. Sie sind sterile Großunternehmen zur Krankheitsbewältigung, zentriert auf Apparatemedizin, eingerichtet mit Edelstahl, Plastik und weißen Fliesen – und der Kranke fühlt sich in ihnen häufig wie ein Versuchsobjekt, das sinnlos herumgeschoben wird. Oder, wie es Christine NicklWeller formulieren würde: Er wird gezwungen, sich aufs Kranksein zu konzentrieren statt aufs Gesundwerden.

Die aus Bayern stammende Architektin, Jahrgang 1951, kann sich solche Bonmots erlauben. Denn sie hat nicht nur eine ganze Zahl fortschrittlicher Gesundheitsbauten entworfen, sondern ist seit dem Sommersemester 2004 an der Berliner TU auch Inhaberin des einzigen Lehrstuhls im deutschsprachigen Raum, der sich ausdrücklich mit diesem Thema beschäftigt. 50 bis 60 Studenten betreut sie dort pro Semester, es sind wieder mehr geworden in den vergangenen Jahren. Denn es werden auf diesem Sektor zwar oft nur Zweckbauten konzipiert, ohne architektonischen Glamour, aber es hat sich herumgesprochen, dass die Auftragslage besser aussieht als in den meisten anderen Bereichen. Denn einerseits kann der Staat seine Krankenhäuser nicht verfallen lassen, andererseits werben immer mehr Privatkliniken mit besonderen Angeboten um Patienten, und denen kommt es besonders auf die Wohlfühlatmosphäre an.

Ihren Ruf als Spezialistin hat Christine Nickl-Weller mit dem oberbayerischen Krankenhaus Agatharied begründet, das sie zusammen mit ihrem Mann entworfen hat, und das in der Fachwelt als bahnbrechend gilt: Dort sind die Bereiche Krankheit und Wohnen/Gesundwerden voneinander strikt getrennt. Dreigeschossige Bettenhäuser liegen einzeln um einen Hauptbau mit Untersuchungs- und Behandlungsräumen. Aluminium, Holz und Glas verdrängen die übliche Krankenhausatmosphäre so weit wie nur möglich. Und durch die Haupthalle fließt ein Bach, der die Luft frischer macht und auch den Eindruck.

Die herkömmliche Krankenhausarchitektur hat sich bisher allein auf den reibungslosen Ablauf medizinischer Prozeduren konzentriert, ohne zu berücksichtigen, wie das auf den Patienten wirkt. Beispiel: die Ausstattung von Funktionsräumen wie Operationssälen mit Fliesen und Edelstahl. „Das sieht doch aus wie in der Metzgerei!“, findet Christine Nickl-Weller, es erzeuge Angst und Schrecken. Außerdem sei es unwirtschaftlich: „Wenn was repariert werden muss an den Fliesen, kann der ganze Raum tagelang nicht genutzt werden.“ Moderne Modulsysteme – Technik und Wand in einem, farblich angenehm gestaltet – sind die moderne Alternative.

Christine Nickl-Weller glaubt, dass sich die Architektur in den Großkliniken der 70er Jahre am weitesten von ihrer eigentlichen Bestimmung entfernt hat. „Die mit den vielen Betten werden künftig nicht mehr gebraucht“, sagt sie kategorisch. Die Gesundheitsfabriken sind zu groß, unwirtschaftlich und unflexibel. Starre Stahlgerüstkonstruktionen machen Änderungen der Grundrisse nahezu unmöglich, die Apparatemedizin wird in solchen Gebäuden in künstlich beleuchteten Katakomben konzentriert, und in den kahlen, halligen Krankenzimmern lässt sich die Intimsphäre kaum wahren. All dies schüchtert Patienten ebenso wie Besucher ein – die Summe aller denkbaren Fehler auf einem Haufen. Dies verzögert die Gesundung statt sie zu fördern; viele Studien belegen längst, wie wichtig eine große Portion Tageslicht für den Organismus ist – es hat zum Beispiel Auswirkung auf die Anzahl der Blutkörperchen – oder wie richtig ausgewählte Farben die Stimmung aufhellen können.

Wozu falsche Architektur führt, verdeutlicht Christine Nickl-Weller an einem simplen Beispiel: „Warum müssen eigentlich Patienten, die nicht aufs Bett angewiesen sind, trotzdem jede Mahlzeit im Bett einnehmen?“ fragt sie. Die Antwort: weil es in den Betriebsabläufen nicht anders vorgesehen ist und deshalb beim Bau keine geeigneten Räume eingeplant wurden. Es sind diese Details, die für sie „diese schreckliche Bademantel-Atmosphäre“ ergeben.

Das Krankenhaus neuer Generation wie Agatharied knüpft an solchen Überlegungen an. Die medizinische Funktionalität ist nur noch ein und nicht mehr der bestimmende Aspekt des Entwurfs. Gefragt wird darüber hinaus: Wie werden die Besucher empfangen? Und, vor allem: Wie fühlen sich die Patienten? Daraus folgt geradezu zwangsläufig, dass die Atmosphäre sich an der moderner Wellness-Hotels orientiert – ein ohnehin nahe liegender Gedanke bei Tagessätzen, die weit über den Zimmerpreisen selbst luxuriösester Resorts liegen.

In Agatharied lässt sich besichtigen, wie weit diese Annäherung ans Gesundheitshotel gehen kann. Dort ist Platz für Lesungen und Live-Musik, die Atmosphäre der Region darf durch Kunstwerke oder andere Einrichtungselemente ins Haus eindringen. In den Zimmern ist Platz für Wohnbereiche, die die Betten voneinander abtrennen, die Beleuchtung orientiert sich nicht nur daran, dass der Chefarzt den Patienten gut sehen kann, sondern bildet Lichtinseln zum Lesen und Wohlfühlen wie in einer sorgfältig eingerichteten Wohnung.

Die aktuellen politischen Tendenzen begünstigen diese Entwicklung – „im Moment sind wir sehr gefragt“, sagt Nickl-Weller. Denn seit das öffentliche Gesundheitswesen weitgehend privatisiert ist, hat der Patient bei planbaren Behandlungen Wahlfreiheit. Er sollte sich deshalb nicht nur fragen, wo er die besten Ärzte findet, sondern auch, welche Klinik seinen Ansprüchen an Atmosphäre und Gestaltung entspricht. Für Christine Nickl-Weller ist klar, dass die modernen, ästhetischen und lichtdurchfluteten Kliniken da weit vorn liegen.

Und das kommt dann keineswegs nur Privatpatienten im Einzelzimmer zugute. Eine wichtige Erfahrung machte sie in der Familie: Ihr Vater, Privatpatient, war kurz vor seinem Tod in einem Einzelzimmer untergebracht. „Das war nichts als eine Besenkammer, einfach furchtbar.“ Für Besenkammern, das schwört sie, gibt sie ihren Namen jedenfalls nicht her.

Christine Nickl-Weller ist 53 Jahre alt und baut seit 15 Jahren Krankenhäuser. Seit 2004 leitet sie an der Berliner TU den einzigen Lehrstuhl des Fachs im deutschsprachigen Raum.

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