Berlin : Böses im Bauch

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Kleine Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten, die stehen hier jeden Montag. Heute: bei der Allgemeinärztin in Friedrichshain.

Eigentlich müsste sie jetzt im Klassenzimmer sitzen. Es ist zehn nach neun an einem Dienstagmorgen. Stattdessen lehnt sie am Arm der Mutter, mit halb geschlossenen Augen und atmet flach. Eine Hand liegt locker auf dem Magen, nur manchmal drückt sie zu, in Intervallen, die mit dem Öffnen der Augen einhergehen. Die andere Hand fliegt dann zum Mund, das Mädchen winkelt die Beine an, als wolle es gleich aufspringen. Dann sackt es erschöpft wieder zurück, ganz blass im Gesicht. „Wie kann man nur mit 14 ein Magengeschwür bekommen“, sagt die Mutter zu niemand Besonderem.

Eigentlich müsste das Mädchen jetzt im Klassenzimmer sitzen. Aber säße sie da, würde irgendjemand vielleicht wieder versuchen, ihren Zopf in Kleber zu tunken. Vor ein paar Tagen erst hat die Schule wieder angefangen, und schon sind die Schmerzen wieder da und die Übelkeit. Dass sie in der Schule manchmal auf den Pausenhof erbricht, verschlimmert die Situation, die anderen stürzen sich dann auf sie wie die Hundemeute auf das Wild: „Baaaaby, Schlaaappschwanz“. Früher war sie mal beliebt, seit einem Jahr ist das anders, sie weiß auch nicht warum. Sagt die Mutter. Sagt sie alles. „Diese ganzen Bösartigkeiten haben sich in ihren Bauch gefressen“, sagt die Mutter. Das Mädchen lehnt da nur und wartet. rcf

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