Berlin : Bombodrom in Gefahr

Explosive Hinterlassenschaften verhindern die rasche touristische Nutzung des einstigen Übungsplatzes.

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Neuruppin - Das Emsland liegt kaputt auf der Seite, während die Lüneburger Heide einem Schweizer Käse gleicht. Der Rost hat sie fast gänzlich zerfressen. In absehbarer Zeit dürfte dieses Schicksal auch die anderen Landschaften treffen. Sie fallen buchstäblich in sich zusammen – als stählerne Modelle. Diese dienten einst sowjetischen Militärs für ihre an möglichen Originalschauplätzen orientierten Kriegsübungen. „Dann krachte es hier ohrenbetäubend aus allen möglichen Rohren“, erinnert sich Meinhard Voigt, der als Ex-Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee (NVA) jeden Hügel auf dem einstigen Bombodrom kennt. Nun wird der einstige Truppenübungsplatz in Nordbrandenburg von der Natur zurückerobert. Bald soll das 12 700 Hektar große Areal den Menschen wieder zugänglich werden. Doch aufgrund der Hinterlassenschaften im Boden ist die Nutzung schwierig.

Aus einer schwarzen Dokumententasche holt Meinhard Voigt alte Manöverpläne mit kyrillischen Schriftzeichen hervor. Bis 1989 hat er die NVA-Uniform getragen. Heute kehrt er, ohne Uniform, regelmäßig auf das eine Autostunde nördlich von Berlin gelegene Gelände zurück. Als Zeitzeuge berät er mit seinen Kenntnissen von damals die heute auf dem Gelände eingesetzten Fachleute wie Förster, Feuerwerker und Projektentwickler. Sie stehen vor der schwierigen Aufgabe, das Gelände, auf dem 20 000 Fußballfelder Platz fänden, den Menschen wieder zugänglich zu machen. „Ich weiß, wo die Flieger Tag und Nacht ihre Bomben abgeworfen haben, wo die Artillerie und die Panzer geschossen haben“, erzählt der ehemalige Offizier. Er warnt vor dem Verlassen der freigegebenen Wege. „Da kann es jeden Augenblick krachen“, sagt Voigt. Die gefährlichen Streubomben am Boden sehe wegen ihrer Tarnung kein Mensch. 500 Kugeln und Splitter zerfetzen alles im Umkreis von bis zu 1000 Metern.“

Vor allem diese Streubomben bremsen die von der Bürgerinitiative „Freie Heide“ leidenschaftlich erkämpfte zivile Nutzung des Areals. 27 erfolgreiche Klagen von Anwohnern und unzählige Demonstrationen hatten das Bundesverteidigungsministerium schließlich zum Verzicht des Areals gezwungen. Doch der liegt nun auch schon drei Jahre zurück. Außer einigen Kremsertouren und geführten Wanderungen hat sich noch nicht viel bewegt.

Rainer Entrup von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die im Auftrag des Bundesfinanzministeriums die Fläche verwaltet, kennt die Ungeduld der Anrainer und Touristiker. „Die Natur hier ist wirklich wunderschön, aber wir können die Menschen einfach nicht auf die Fläche lassen“, sagt er. „Wir müssten sie wie im Straßenverkehr bei rot über eine Ampel schicken und dann hoffen, dass nichts passiert.“

Da die sowjetische Armee und ihre Verbündeten bei jedem Manöver ausschließlich mit scharfen Waffen schossen und im Schnitt drei Prozent aller Bomben und Granaten wegen technischer Defekte nicht detonierten, wimmelt es nur so von Blindgängern. „Da nützt keine herkömmliche Munitionssuche mit Metalldetektoren, weil diese ständig anschlagen würden“, erklärt Rainer Entrup. „Wir brauchen ferngesteuerte und gepanzerte Bagger, die wie im Tagebau den Boden zweieinhalb Meter tief umgraben und dann alle Bomben gleich an Ort und Stelle explodieren lässt.“ Allerdings koste so ein Spezialgerät rund vier Millionen Euro.

Deshalb will sich die Bundesanstalt zunächst auf einen kleineren Bereich im Süden des Übungsplatzes konzentrieren, weil hier die Belastung als nicht ganz so stark angenommen wird. Als Partner gewann sie die Stiftung des früheren Tierfilmers Heinz Sielmann. Sie hat auf der Döberitzer Heide am westlichen Berliner Stadtrand bewiesen, wie ein früheres Militärgebiet durch Wanderwege, einem Wisentgehege und einem Aussichtsturm erschlossen werden kann. „Allerdings haben wir hier pro Jahr rund eine Million Euro ausgeben können, während uns für das Bombodrom jährlich nur 320 000 Euro zur Verfügung stehen“, sagt Lothar Lankow, der sich im Auftrag der Stiftung um einen rund 4000 Hektar großen Teil des Geländes kümmert.

„Der große Wert der Landschaft liegt natürlich in ihrer Unzerschnittenheit durch Straßen und andere Verkehrstrassen“, schwärmt Lankow. „Das wollen wir den Menschen zeigen.“ Daher ist zunächst ein rund 13 Kilometer langer Wanderweg mit Schutzhütten und Rastplätzen zwischen den Ortschaften Rossow und Neuglienicke am südlichen Rand des Übungsplatzes vorgesehen. Da könnten geführte Wanderungen und Kremserfahrten stattfinden, bevor in einigen Jahren die Ausflügler auch eigenständig auf Tour gehen können. Lankow erzählt begeistert von der Ginsterblüte im Frühjahr, von der blühenden Heide im August und September oder von der Hirschbrunft im September und Oktober. Daneben könnten die Besucher mit etwas Glück den Wiedehopf, den Steinschmelzer, Fischadler und in den Abendstunden vielleicht sogar einen Wolf beobachten.

Allerdings erkämpft sich die Natur nicht nur auf der früheren Militärtribüne rasend schnell ehemals freie Flächen zurück. Birken und Eichen verschlingen die einst von den Bomben und Granaten freigehaltene Heide. Die einzige Möglichkeit bietet bisher das gezielte Abbrennen einzelner Flächen – inklusive lauter Detonationen.

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