Berlin : Brahms bringt’s

BVG will mit klassischer Musik Dealer vergraulen. Das Vorbild ist Hamburg

Die BVG will unerwünschte Personen in ihren Bahnhöfen mit klassischer Musik vom Band verschrecken, ab dem kommenden Jahr soll die Dauerberieselung getestet werden. In Hamburg wurde das Klassikprogramm schon im Jahr 2000 gestartet, mittlerweile läuft es in 18 U-Bahn-Haltestellen sowie am Hauptbahnhof. Mit Erfolg, sagen die Initiatoren.

Herr Kreienbaum, wie lange halten Sie es in Ihren Tunneln aus?

Das habe ich noch nicht auf die Probe gestellt. Ich komme morgens mit der U-Bahn an, kaufe mir eine Zeitung und gehe dann in mein Büro. Generell mag ich Klassik schon sehr gerne, Tschaikowski zum Beispiel.

In Hamburg wird die Musik rund um die Uhr eingesetzt, um die Drogenszene fernzuhalten. Was genau spielen sie?

Wir stellen das Musikprogramm nicht selbst zusammen, sondern haben eine Firma aus Düsseldorf mit der Musikauswahl beauftragt. Die spielen Schubert, Brahms, Chopin und Bach. Mozart und Beethoven auch, meistens instrumental. Die Firma hat 1800 Stücke im System, da kommt es nicht vor, dass man beim Vorbeigehen ein Stück zweimal hört.

Kostet das keine Tantiemen?

Doch, natürlich.

Zeigt die Beschallung Wirkung?

Wir sehen den Einsatz der Musik als Teil eines Gesamtpakets. Dazu gehört auch mehr Sicherheitspersonal, der Einsatz von Überwachungskameras und das schnelle Entfernen von Graffiti. Bei uns bleibt kein Graffito länger als 24 Stunden an der Wand. Das Gesamtpaket wirkt. Kundenbefragungen zeigen uns, dass das subjektive Sicherheitsgefühl deutlich zugenommen hat.

Aber sind denn die Drogenabhängigen auch spürbar weniger geworden?

Ja, deutlich. Aber wie stark der Anteil der einzelnen Maßnahmen am Gesamterfolg ist, können wir nicht eindeutig zuordnen.

Kritiker sagen, die Verdrängung der Drogenszene habe nur dazu geführt, dass sich die Abhängigen in den Nebenstraßen niederlassen.

Es ist uns klar, dass wir die Drogenszene verdrängen und das Problem nicht lösen. Aber das können wir auch nicht. Unsere Aufgabe ist es, dass sich unsere Fahrgäste sicher fühlen. Und dazu gehört, dass sich Dealer und Drogenabhängige aus den Haltestellen zurückziehen. Aber wir stehen auch mit einer lokalen Drogenberatungsstelle in engem Kontakt.

Fühlen sich wirklich nur die Drogenabhängigen gestört oder gibt es auch andere Beschwerden?

So gut wie keine. Im Gegenteil: Wenn bei uns jemand anruft, dann meistens deswegen, weil er wissen will, welches Stück zu diesem oder jenen Zeitpunkt gespielt wurde und wo man die Musik kaufen kann. Da müssen wir leider an die Düsseldorfer Firma verweisen. Wir bekommen auch Anfragen von Hamburg-Besuchern aus dem Ausland, die wollen zum Beispiel wissen, warum wir nicht auch andere Musik als klassische spielen.

Glauben Sie, dass sich das Hamburger Modell eins zu eins auf Berlin übertragen lässt?

Ich wüsste nicht, warum die Wirkung von klassischer Musik in Berlin eine andere sein sollte. Und das Sicherheitsgefühl der Berliner Fahrgäste dürfte ebenfalls mit dem der Hamburger übereinstimmen.

Das Gespräch führte Sebastian Leber

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