Berlin : Braucht Berlin ein Riesenrad mitten in der Stadt?

Gerd Nowakowski

Die Abgeordneten des britischen Unterhauses, durchaus traditionsbewusst, haben sich nicht aufgeregt. Und Big Ben mit der großen Uhr ist weiterhin ein Anziehungspunkt für die Touristen. Dabei wird der Turm des Parlaments seit einigen Jahren weit überragt von dem Riesenrad, das nicht fern davon auf der andern Seite der Themse steht. Das London Eye gehört inzwischen zum Stadtbild dazu, zumal es wegen seiner filigranen Bauweise nicht massig wirkt. Die fahrende Aussichtsplattform – die Gondeln bewegen sich einmal in dreißig Minuten im Kreis – hat das bis vor wenigen Jahren städtebaulich eher vernachlässigte Gebiet aufgewertet.

Ein privates, ohne Belastung für den Landeshaushalt finanziertes Riesenrad auf dem Gleisdreieck wäre ebenfalls eine Attraktion, um das derzeit abgelegene Gelände jenseits des Potsdamer Platzes zu entwickeln – zusammen mit dem Technik-Museum. Kooperationsmöglichkeiten zu beider Nutzen sind vorstellbar. Beide Einrichtungen zusammen machen es für Besucher noch reizvoller, sich für den Weg zum Gleisdreieck zu entscheiden. Dass selbst Kunst und Riesenrad nebeneinander funktionieren, kann man in London sehen. Dort ist kürzlich direkt neben dem London Eye die berühmte Saatchi-Gallery eingezogen.

Riesenräder sind unnütz und verschandeln das Stadtbild. Sie sind ein Relikt des frühen Industriezeitalters, als der neue Werkstoff Stahl groß in Mode kam. Das erste Riesenrad der Welt, 1893 für die Weltausstellung in Chicago gebaut, sollte den Eiffelturm übertrumpfen. Es wurde 1906 verschrottet. Das Rad im Wiener Prater wurde 1896 zu Kaisers Thronjubiläum gebaut. Es entging dem Abbruch 1916 mit knapper Not, weil die Stadt kein Geld dafür hatte. Das dritte Vorbild für ein Riesenrad am Gleisdreieck ist das London Eye, ein Produkt des Millenniumwahns. Auch kein schöner Anblick. Aber protzig und eine teure Touristenfalle. Ein Riesenrad, 175 Meter hoch, wird Berlin schon von weitem eine zweifelhafte Rummel-Atmosphäre verschaffen. Als hätten wir davon nicht schon genug. Im Zusammenspiel mit Würstchenbuden und ähnlichen Serviceunternehmen wird sich mitten in der Stadt eine neue Fremdenverkehrsattraktion etablieren. Eine Attraktion zweiter Klasse. Schlimmer noch: Das wunderbare Technikmuseum, für das man Zeit und Aufmerksamkeit mitbringen muss, würde vermutlich zur Riesenrad-Beigabe deklassiert. Einmal rauf, einmal runter für 15 Euro, und dann kauft man sich im Museum noch rasch ein paar Postkarten. Berlin hat so viel erdulden und erleben müssen. Es muss sich nicht auch noch rädern lassen. Ulrich Zawatka-Gerlach

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