Büroschlaf : Davon träumen nicht nur Beamte

Verwaltungsmitarbeiter sollen nach dem Willen des SPD-Abgeordneten Wuttig während der Dienstzeit schlafen - um besser arbeiten zu können.

Johannes Boie

Ein hartnäckiges Klischee könnte in Kürze neue Nahrung erhalten: Beamte und Angestellte der Bezirksverwaltung von Charlottenburg-Wilmersdorf sollen während ihrer Dienstzeit schlafen. Davon träumt der SPD-Abgeordnete Holger Wuttig, 31. Mit einem mittäglichen Nickerchen sollen die 2400 Mitarbeiter in der Verwaltung seiner Meinung nach ihre Leistungsfähigkeit steigern. Kontraproduktivität kann der Abgeordnete an seinem Vorschlag nicht erkennen. Sogar schwere gesundheitliche Belastungen wie Burnouts will Wuttig durch den Mittagschlaf verhindern. An diesem Donnerstag wird er einen entsprechenden Antrag in die Bezirksverordneten-Versammlung einbringen. Wie die Ruheräume aussehen werden, wird die Verwaltung bei positivem Beschluss nach der Sommerpause selber entscheiden.

Wuttigs Idee stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Ingo Fietze, von der Gesellschaft für Schlafforschung und -medizin hält die Einrichtung von Ruhezonen für Arbeitnehmer für eine gute Idee. „Niemand kann acht Stunden am Stück fit sein“, sagt der Mediziner. Weil während der Mittagspause für gewöhnlich gegessen werde, bringe sie keine wirkliche Entspannung. Ein kurzer Mittagschlaf soll dagegen medizinisch messbare Ordnung ins Gehirn bringen – und einem weit verbreiteten Gesundheitsproblem vorbeugen: „Heutzutage leiden fast alle Berufstätigen unter einem Schlafdefizit, das allenfalls am Wochenende ausgeglichen wird“, warnt der Wissenschaftler. Fietze glaubt, dass das Klischee des schlafenden Beamten den Mittagsschlaf verhindert: „Obwohl die Forschungsergebnisse in der Wissenschaft seit rund 20 Jahren bekannt sind, traut sich einfach kaum jemand, Ruheräume einzurichten.“ Schlafen am Tag sei leider gesellschaftlich verpönt. Holger Wuttig befürchtet aber nicht, dass Ruheräume in der Verwaltung das Image der Mitarbeiter ruinieren. Deren Engagement bei der Masse der täglich anfallenden Arbeit könne ohnehin niemand ernsthaft anzweifeln.

Wuttigs Idee ist mutig, aber nicht neu. Im niedersächsischen Vechta wurde der Mittagschlaf nach einem Pilotprojekt im Jahr 2001 dauerhaft etabliert. Rund 40 Prozent der 180 Verwaltungsmitarbeiter schlafen dort während der Arbeitszeit. Sie ruhen auf Matten im Büro oder fahren im Anschluss an die Mittagpause für 20 Minuten nach Hause. Voraussetzung ist es, einen einführenden Kurs einer Krankenkasse besucht zu haben. Das Programm sei ein voller Erfolg, sagt Herbert Fischer vom Presseamt in Vechta. Die Produktivität sei deutlich gestiegen. Ein Risiko birgt der Mittagsschlaf allerdings auch: „Wer aus Versehen länger als 30 Minuten schlummert, ist schlechter gelaunt als zuvor“, warnt man bei der Krankenkasse DAK.

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