Berlin : Bundeskanzleramt: Die ersten sind schon leise eingezogen

Christian van Lessen

Noch riecht es nach Lack und Farbe im Haus, zahlreiche Teppichböden müssen verlegt werden, und gerade in den obersten Stockwerken der Leitungszentrale scheinen die Arbeiten im Verzug. In den beiden Kabinettsälen aber müssen nur noch die Tischplatten montiert werden, die Stühle sind schon da, und in den beiden Verwaltungsflügeln sind die Büros an den Wintergärten schon eingerichtet, mit Mobiliar aus rotbrauner Buche, dunklen Flachbild-Computern und hellen Druckern. Es ist die Ruhe vom dem Sturm des Umzugs. Ein leichtes Wehen immerhin hat schon eingesetzt, 60 Mitarbeiter des Kanzlers sind im Haus und richten sich ein. Am Sonntag übernahm der Bundesgrenzschutz das volle Wachregiment - auch das ein Hinweis darauf, dass es ernst wird mit dem neuen Bundeskanzleramt.

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Das Kanzleramt und der Spreebogen
In den nächsten Tagen werden immer mehr Kartons angeliefert, Fuhren voller Akten und Bücher, für die Bibliothek, aber beispielsweise auch für das Büro des Kulturstaatsministers, der eine schönere Dachterrasse als der Kanzler hat. Dass der "große Umzug" aus dem ehemaligen Staatsratsgebäude am 27. April planmäßig beginnt, setzt voraus, dass die Handwerker im Haus rechtzeitig fertig werden. Noch steht hinter dem Termin 2. Mai, an dem um 9 Uhr die Schlüssel an Bundeskanzler Gerhard Schröder übergeben werden sollen, laut Kanzleramt ein "leichtes Fragezeichen".

Der 27. April ist ein Freitag, und das kommende Wochenende mit dem Montag und dem Maifeiertag dürfte im Spreebogen für Kleinlastwagen reserviert sein. Aber im Kanzleramt erwartet man, dass alles sehr dezent und ohne großes Aufsehen über die Bühne geht. Umgezogen wird nicht "mit Sack und Pack", sondern in erster Linie kartonweise, denn Möbel braucht die neue Zentrale nicht mehr. Vor vierzehn Tagen begann auch völlig lautlos der Einzug der ersten Mitarbeiter, die in dem Neubau streng genommen noch Gäste der Bauarbeiter sind.

Hausherr ist bis zur offiziellen Schlüsselübergabe die Bundesbaugesellschaft Berlin (BBB), die in Sichtweite auch die Bauten für den Bundestag errichtet. Die Gesellschaft achtet jetzt streng darauf, dass nichts mehr die Fertigstellung verzögert. Mit dem Kanzleramt, dem westlichen Teil des von den Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank entworfenen Band des Bundes, wird der erste wirkliche Neubau des Parlaments- und Regierungsviertels im Spreebogen fertig.

Es ist ein eindrucksvoller Bau entstanden, der Emotionen weckt. Vor Jahren schon versuchten Kritiker, den Spitzamen "Kohlosseum" einzubürgern, der Massigkeit wegen und in Erinnerung an den "Auftraggeber" im Jahr 1995, Helmut Kohl. Aber mit dem Regierungswechsel war der Witz des Namens dahin. Ohnehin ist der Bau in seinem Inneren von einer verblüffenden hellen, schwebenden Leichtigkeit. Axel Schultes, der mit Charlotte Frank das Haus entworfen hat, wies immer wieder darauf hin, dass der Bau nur so massiv wirke, weil er noch ein Solitär ist. Wäre die Lücke zwischen dem Kanzleramt und dem Paul-Löbe-Haus mit dem Baukörper eines öffentlichen "Forums" geschlossen - wie es auch der städtebauliche Entwurf vorsieht - verlöre die Regierungszentrale ihre Wucht. Auffallend ist das 36 Meter hohe Leitungsgebäude mit seinen halbkreisförmigen Ausschnitten an der Süd- und Nordfassade jedenfalls. Es stellt den Mittelpunkt einer H-förmigen Baustruktur dar und ist im Inneren mit zwei "Schlitzen" von den Verwaltungsflügeln getrennt. Deren 310 Büros sind hinter 13 Wintergärten angeordnet. Jeder kann jedem ins Fenster schauen - Büroschläfern drohen harte Zeiten.

Auf der östlichen Seite ist der Ehrenhof, in dem Staatsgäste mit protokollarischem Zeremoniell empfangen werden, fast fertig. Das "Fledermausdach" aus Kunststoff wurde gerade zwischen den Betonstelen montiert. Auf der westlichen Seite ähnelt der Kanzlergarten mit der Hubschrauberlandefläche noch einer Schlammwüste. Die Brücke, die zum Kanzlerpark am anderern Ufer der Spree führt, ist mit Kameras bestückt, die aus der Ferne wie Lämpchen aussehen. Der Park ist fertig und grünt, und auch die wenigen Passanten tragen grüne Uniformen.

Ende 1999 sollte das Kanzleramt ursprünglich fertig sein, und es wurden auch stets Kostensteigerungen kritisiert, wie bei den benachbarten Parlamentsgebäuden. Der Kanzlerbau erwies erwies sich nach einem Bericht der Bundesbaugesellschaft als "hochkomplex und technisch aufwendig". Rund 465 Millionen Mark wird er nun kosten. Architekt Schultes spricht von "absurden Kostenhoffnungen aus der Zeit vor dem Wettbewerb", die zunächst zu einer Richtwertzahl von 289 Millionen Mark geführt hätten. Den Wettbewerbsentwurf habe sein Büro im Sommer 1995 mit 515 Millionen Mark berechnet, dann "heruntergeplant" auf 440 Millionen Mark, worauf der Haushaltsausschuss dann eine Grenze bei 399 Millionen Mark gesetzt habe. Das Problem, sagt der Architekt, sei immer das Gleiche: Baukosten würden politisch motiviert festgeschrieben, an den Ermittlungen der Fachleute vorbei. Aber die großen Kostenschlachten sind geschlagen, und mit dem Umzug des Kanzlers und seiner rund 400 Mitarbeiter beginnt auch das Ende der Berliner Provisorien, denn auch der Bundestag zieht um - wenn auch erst im Sommer. Das Kanzleramt räumt das Staatsratsgebäude, in dessen Nebengebäude ziehen vorübergehend Teile des Bundesnachrichtendienstes ein.

Das neue Kanzleramt - noch ist es streng bewachte Baustelle, bald ist es streng bewachte Schaltstelle der deutschen Politik und Visitenkarte des Landes für auswärtige Staatsgäste. Der Bundeskanzler wird sie durch die etagenübergreifenden Foyers führen. Hinterm Schreibtisch sieht er auf die West-City, und wenn er sich nach links umdreht, hat er den Reichstag im Blick. Für alle, die diesen Blick ebenfalls genießen und sich kurz einmal als Kanzler fühlen wollen, wird es einen Tag der offenen Tür geben. Der Termin steht noch nicht fest, aber spätestens im September dürfte das Haus für kurze Zeit öffentlich zugänglich sein. Aber dann sind vermutlich noch Handwerker im Haus. Architekt Schultes fürchtet, dass bis spätetens in den Winter hinein zahlreiche Ausführungsmängel zu beheben sind.

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