Bundestagswahl: Spandau : Beschaulichkeit ist nur Fassade

Spandau hat viele Gesichter: die Kleinstadt mit Fachwerk, die Siedlung für den gehobenen Mittelstand, der soziale Problemkiez .Hier treten zwei politische Senkrechtstarter gegeneinander an: ein SPD-Mann mit Direktmandat und ein Christdemokrat.

Sabine Beikler,Rainer W. During
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Shoppen zwischen Fachwerkhäusern. Spandau wirkt wie ein biederes Städtchen, doch Berlins kleinster Bezirk hat durchaus...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am liebsten würde er so viele Inder wie möglich nach Berlin generell und nach Spandau ganz besonders „umleiten“. Die Inder, sagt Kai Wegner, könnten mit Informationstechnologie und anderen Wirtschaftszweigen langfristig „strategische Partner“ werden. Der CDU-Direktkandidat ist neben anderen Mitgliedschaften in der Deutsch-Indischen Parlamentariergruppe tätig. Damit hat er mit Swen Schulz, der in Spandau sein SPD-Direktmandat verteidigt, das berufliche Faible für Asien gemein. Schulz arbeitet unter anderem in der Deutsch-Japanischen Parlamentariergruppe und tauscht sich dort über „ähnlich gelagerte“ Probleme in den Rentensystemen aus.

Spandau – den westlichsten Berliner Bezirk kennen viele vom riesigen Weihnachtsmarkt oder dem Fest in der Altstadt, vom Flanieren in der Fußgängerzone mit dem Spandauer Wahrzeichen St.-Nikolai-Kirche oder von den Konzerten in der Zitadelle. Hier gibt es den bürgerlichen Süden mit Einfamilienhäusern in Gatow und Kladow, wo der gut situierte Mittelstand wohnt und das eigene Segelboot an der Havel fast zu Fuß zu erreichen ist.

Die Beschaulichkeit und Gutbürgerlichkeit des Stadtteils aber kann die zunehmenden sozialen Probleme nicht überdecken. Und die kennen Schulz und Wegner sehr gut. Beide sind fest im Bezirk verwurzelt und haben in ihren Parteien eine steile Karriere gemacht, die in der Spandauer Bezirksverordnetenversammlung ihren Anfang nahm.

Wegner, in Spandau geboren und aufgewachsen, lebt heute in Staaken und ist „stolzer Spandauer“. Er war Abgeordneter im Landtag, Vorsitzender der Jungen Union und ist seit 2005 Bundestagsabgeordneter und Spandauer CDU-Kreischef. Schulz, in Hamburg geboren und nach dem Abitur nach Berlin gezogen, lebt seit 14 Jahren in Spandau. Er bezeichnet sich als „gefühlter Spandauer“. Der Parteilinke war vier Jahre lang Bezirksverordneter, bis er 2002 in den Bundestag einzog.

Im Bezirk sind die sozialen Problemkieze entstanden, wo das „Armutsrisiko“, sagt Wegner, extrem hoch ist: die Neustadt, die Wilhelmstadt, Heerstraße Nord, das Falkenhagener Feld. Wegner fordert für die Wilhelmstadt ein Quartiersmanagement, Schulz fordert eine Umstrukturierung des Spandauer Job-Centers. Hartz-IV-Empfänger des Bezirks wenden sich regelmäßig an „ihre“ Politiker von CDU und SPD und klagen über lange Bearbeitungszeiten oder nicht mehr auffindbare Unterlagen.

Spandau ist außerdem ein bedeutender Wirtschaftsstandort und Berlins größter Industriebezirk. Siemens führt weiterhin die Liste der größten Arbeitgeber an, und das BMW-Motorradwerk zählt ebenso zur langen Liste der innovativen Traditionsunternehmen, von denen viele trotz Wirtschaftskrise expandieren. Auch neue Investoren zieht es nach Spandau. Das Druckhaus Mitte zieht in einen neuen Industriepark in Siemensstadt, auf dem Areal der gescheiterten Siemens-Arena in Haselhorst wird jetzt unter Einbeziehung der berühmten Westernstadt Old Texas Town ein Fachmarkt- und Eventpark gebaut und auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes Staaken entsteht Berlins erster Solarpark.

In diesem Bezirk hat der 41-jährige Politologe Swen Schulz vor vier Jahren Berlins bestes Erststimmenergebnis mit 46,9 Prozent für die SPD geholt, gefolgt von der CDU mit 35,6 Prozent – und weit abgeschlagen Linken, Grünen und FDP. Laut Wahlforschungsinstitut election.de hat Schulz den Wahlkreis relativ sicher. Und er hat zudem den sicheren Listenplatz drei. Auch der 37-jährige Unternehmensberater Wegner hat einen relativ sicheren fünften Listenplatz.

Swen Schulz hat einen heimlichen Wunsch: einmal „Wer wird Millionär?“ moderieren. Da könnte er dann Kai Wegner, seinen ärgsten politischen Kontrahenten im Wahlkampf, einladen und ihn genüsslich auf Herz und Nieren prüfen.

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