Berlin : Bunte Illustrierte

Ruppiner Bilderbögen hatten Millionenauflagen

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Die Farbe an den Händen verriet die Maler der berühmten Neuruppiner Bilderbögen oft viele Tage lang. Denn das Rot, Gelb, Blau oder Grün erwies sich als äußerst hartnäckig an der meist zarten Haut. Sie taugte nicht zum kräftigen Rubbeln, schließlich befanden sich die meisten kleinen Künstler noch im Kindesalter. Sie waren die billigsten Arbeitskräfte für die massenhafte Produktion der von Hand mit Schablonen bemalten Neuruppiner Bilderbögen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Zu Recht gelten diese bunten Kunstwerke als die Vorläufer der heutigen Illustrierten.

Die Bögen ließen kaum ein Thema aus: Kriege, Unfälle, Aufstände, Revolutionen, Alltagsgeschichten, Mode, Vorlieben der Könige und Kaiser, Reisebeschreibungen, Erotik, Religion, tragische und freudige Ereignisse oder Spiele für Jung und Alt. Der Werbespruch „Neuruppin – zu haben bei Gustav Kühn“ stand auf Blättern, die in alle Welt geliefert wurden.

Der Zeichner und Dichter hatte 1822 die Geschäftsführung der väterlichen Druckerei übernommen und die Produktion perfektioniert. „Viel Bild, wenig Text“, lautete das Erfolg versprechende Motto von Kühn. Schließlich konnten damals viele Menschen noch nicht lesen. Doch dank der Bögen bekamen sie drei bis vier Tage nach dem jeweiligen Ereignis die Informationen im Bild geliefert.

Das Publikum riss den Verkäufern die drei Pfennige teuren Blätter aus den Händen. Bald folgten der Druckerei Kühn in Neuruppin zwei weitere Familienunternehmen. Ab 1835 stellte auch die Firma Oehmigke & Riemschneider schablonenkolorierte Lithografien her, 20 Jahre später begann Friedrich Wilhelm Bergemann die Produktion. Insgesamt entstanden rund 22 000 Motive in einer Auflage von mehreren hundert Millionen Exemplaren. Theodor Fontane kommentierte die Bögen ironisch: „Was ist der Ruhm der Times gegen die zivilisatorische Aufgabe des Ruppiner Bilderbogens?“

1937 war Schluss mit dem Markenzeichen. Zeitschriften und Zeitungen hatten die Bögen verdrängt. Heute können Nachdrucke im Heimatmuseum und in der Ausstellung im alten Gymnasium am Schulplatz erworben werden. Ste.

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