Busfahrer : "Wie ein Karnickel vor der Königsotter"

Eine Frage der Taktik: Die Attacken auf Berliner Busfahrer werden immer brutaler. Nun trainieren sie den Umgang mit aggressiven Fahrgästen.

Thomas Loy
Busfahrer
Nur zu Übungszwecken. Wenn Fahrgäste durchdrehen, werden die Busfahrer oft zum Opfer. -Foto: Mike Wolff

Der gemeine Berliner Busfahrgast kann sich ungemein aufregen. Henry macht das jetzt mal vor:

"Hamwa keen Fahrplan mehr? Ne halbe Stunde wart' ick hier schon. Komm zu spät uff Arbeet. Jibts' de mal 'n bissjen Jas? Meen Chef macht mich rund wie'n Buslenker."

Die Kollegen lachen. Henry macht das einwandfrei. Auch Karsten, der am Lenkrad sitzt, spielt souverän, lässt das Donnerwetter ruhig über sich hinwegziehen, bis sich der Wind gelegt hat. Er weiß ja, dass Henry sich nur künstlich aufbläst.

Zehn Busfahrer proben den Alltag. Sie sind zum Deeskalationstraining in den Weddinger Betriebshof Müllerstraße delegiert. Einen Tag lang reden sie über das, was sie auf der Straße erleben. Alle 3500 Berliner Busfahrer sollen in den kommenden Jahren geschult werden, zum Selbstschutz, aber auch, damit aus der latent feindseligen Gleichgültigkeit zwischen Fahrgästen und Fahrpersonal wieder ein gedeihliches Miteinander wird.

Henry, 35, trägt eine Linienbuskrawatte und eine Linienbusnadel am Revers. Er ist trotz aller Widrigkeiten ein glücklicher Busfahrer, weil er sich nach einigen beruflichen Umwegen jeden Morgen seinen "Kindheitstraum" erfüllt. Henry ist klein, etwas rundlich, trägt Brille und hat die Gabe, sich selbst und alles Drumherum, sei es auch noch so unangenehm, ins Ironische zu wenden, was in seinem Job sehr hilfreich ist. Das schlimmste Erlebnis für ihn war bisher, bespuckt zu werden. "Da war ich erst mal geschockt, aber die waren ja zu blöd zu treffen."

Damit Fahrer wie Henry auch mal spüren, wie es sich anfühlen könnte, Opfer zu werden, verschärft Trainer Andreas Herzberg die Simulation. Diesmal geht es um die Fahrscheinkontrolle, neben der Verspätung eine der häufigsten Ausgangspunkte für Eskalationsspiralen. Herzberg mimt einen muffig-schweigsamen Fahrgast, der sich grußlos am Fahrer vorbeidrückt.

"Dürfte ich bitte ihren Fahrschein sehen, junger Mann?"

"Wat willste seh'n? Mein Fahrschein? Ich glaub, du tickst nicht richtig."

Herzberg beugt sich über die Absperrung zum Fahrer und brüllt - sprachlich etwas aus der Mode:

"Ich glaub', du brauchst was auf die Backe."

Henry agiert erfolgreich aus der Defensive.

"Junger Mann, seh'n se sich vor. Der Alarmknopf ist schon gedrückt und die Videokamera läuft mit."

Später, in der Auswertung, sagt Henry, er habe sich hilflos gefühlt, "wie dit Karnickel vor der Königsotter. Ick, als kleener Jartenzwerg".

Die simulierten Vorfälle finden die Busfahrer zu krass. So haben sie das noch nicht erlebt. Karsten erzählt von einem türkischen Jugendlichen, der seine Freundin an einer Haltestelle schlug. "Da habe ich ihm gesagt, er soll das lassen." Der Jugendliche baute sich vor ihm auf und provozierte: "Was willst du denn?", dann gingen Fahrgäste dazwischen.

Man könnte vermuten, dass Migranten bei der BVG nicht willkommen sind

Auch so funktioniert Deeskalation. Die Lehrgangsteilnehmer sind heute eine Runde von Männern mit schönen deutschen Namen wie Roland, Stephan, Dieter und Bernd. Da könnte man vermuten, dass Frauen sich das Busfahren nicht mehr trauen und Migranten bei der BVG nicht willkommen sind. Fred Juhnke, Leiter der BVG-Verkehrsakademie, hält dagegen: "Wir haben 16 Nationen bei uns im Betrieb, auch viele türkische Busfahrer, aber die werden draußen nicht anders wahrgenommen als ihre deutschstämmigen Kollegen." So wurde ein türkischstämmiger Busfahrer in Kreuzberg beim bislang schwersten Überfall von türkischen Jugendlichen niedergestochen.

Und die Frauen? Ja, von denen hätte er gerne mehr, sagt Juhnke. Dass sie nicht kommen, habe wohl eher mit ihrer "familiären Situation" als der aggressiven Grundstimmung auf den Straßen zu tun.

In der Pause gehen die Männer vor die Tür, rauchen eine und erzählen aus ihrer Sicht, warum das Verhältnis zwischen Fahrer und Fahrgast so abgekühlt ist. "Der Fahrplan ist enger geworden, der Verkehr hat sich verdoppelt und wir werden älter." Der Bordcomputer zeige ihnen genau an, wie viele Minuten sie verspätet sind. "Da siehste schon die nächste Pausenzeit zusammenschrumpfen." Und der aggressive Umgangston? "Wenn ich am Tag tausendmal sagen muss: Machen Sie bitte den Türraum frei, dann fällt das ‚bitte' nach hundertmal weg." Einer sagt, er erlebe selbst als Fahrgast, wie Kollegen am Steuer unnötig pampig werden.

Vor dem Mittagessen noch ein Theorie-Praxis-Spagat zu Konfliktthemen wie Fahrscheinkontrolle, Essen im Bus und Maulkorb für große Hunde. Busfahrer Thomas kontrolliert auf seine ganz persönliche Art: "Ich schaue den Leuten ins Gesicht und lasse sie durch." Bernd grinst: "Ich kassiere ja viel. Da bin ich abgelenkt." Nächstes Thema: Hund mit Herrchen, aber ohne Maulkorb. Mitnehmen oder stehen lassen? Keiner will richtig raus mit der Sprache. Der Trainer wird jetzt grundsätzlicher, wirft Begriffe wie Befindlichkeit, Selbstschutz und Selbstwertgefühl in die Debatte. Und möchte wissen, wer das Sagen hat im Bus. Klaus, ein älterer Kollege, der nicht zu Scherzen aufgelegt ist, macht ein überraschendes Statement. "Ich gehe von meinem Platz nicht weg. Da können sie mir hinten den Bus auseinandernehmen."

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