BVG-Mitarbeiter : Tagsüber Streik, abends Zweitjob

Vielen BVG-Beschäftigten reicht ein Gehalt schon lange nicht mehr. Die Solidarität ist groß.

Cay Dobberke

Vor der bestreikten U-Bahn-Hauptwerkstatt in der Weddinger Müllerstraße geht es am Donnerstag auf den ersten Blick gemütlich wie am Lagerfeuer zu. Aus aufgeschnittenen Druckluftbehältern haben Verdi-Mitglieder runde Metallöfen gebastelt und ein wärmendes offenes Feuer entfacht; dazu wird heißer Kaffee gereicht. Doch die Stimmung ist angespannt: Eine „Frechheit“ nennt ein Techniker die Weigerung der BVG, mit der Gewerkschaft zu verhandeln.

Kurz vor neun Uhr entschließen sich mehr als hundert Streikende zum „spontanen Streikzug“, mit der Begleitmusik gellender Trillerpfeifen ziehen sie über die Müllerstraße zum nahen Omnibusbetriebshof – und später wieder zurück. Der Autoverkehr kommt zum Erliegen.

Ein 39-jähriger U-Bahn-Fahrzeugschlosser erzählt, dass er nur mit einem Zweitjob über die Runden komme, obwohl er zu den sogenannten Alt-Beschäftigten der BVG gehöre und damit mehr verdiene als Mitarbeiter der ausgegliederten Fahrdiensttochterfirma Berlin Transport. Um die Betreuung seiner fünfjährigen Tochter in einem privaten Kindergarten bezahlen zu können, „mache ich dort sauber“, sagt der Familienvater. Sein BVG-Dienst beginne in der Regel um sechs Uhr und dauere bis 14 Uhr; danach hole er die Tochter aus der Kita ab, in die er abends für eineinhalb Stunden zum Putzen zurückkehre. „Gegen 23 Uhr komme ich dann endlich ins Bett.“

Zweitjobs „haben hier viele“, sagt ein Technikerkollege, der das Hauptproblem in den „hohen Lohnabzügen durch den Staat“ sieht. Dagegen wolle er nun ein Zeichen setzen. Das Streikgeld sei zwar geringer als der ausfallende Lohn, aber das sei ihm der Protest wert.

Verdi zahlt den Streikenden das Zweieinhalbfache ihres Mitgliedsbeitrags. „In einer Woche werde ich so rund 100 Euro weniger haben“, schätzt ein 21-jähriger Fahrzeugschlosser, aber auch er will weiter streiken. Anfang 2003 hatte er als Azubi angefangen, seit einem Jahr ist er fest angestellt – damit bekommt er allerdings nur den niedrigeren Lohn, den die BVG seit 2005 zahlt. Über die Summe will er nicht sprechen, das Geld sei aber sehr knapp. Es reiche gerade für die Wohnung, die er sich mit seiner Verlobten teile, und ein gebrauchtes altes Auto. Verreist sei er seit langem nicht mehr.

Eine junge BVG-Mitarbeiterin sagt: „Ich komme mit dem Geld nur aus, weil ich Single bin. Hätte ich eine Familie, wäre es zu wenig“. Und ein Techniker, der seit 1971 für die BVG arbeitet, schätzt: „In der freien Wirtschaft würde ich fast das Doppelte verdienen.“ Er habe als Schlosser angefangen, sich aber zum Spezialisten für „Infrastrukturtechnik“ weitergebildet. Nun wolle ihm sein Arbeitgeber „nicht mal einen Inflationsausgleich zahlen“, ärgert er sich.

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