Canisius-Kolleg : Das Leiden der Jungen

Jahrelang war alles weg. Verdrängt. Bis plötzlich überall vom Canisius-Kolleg geredet wird und von systematischem Schülermissbrauch. Ein Opfer von damals fragt: Wie wäre mein Leben sonst verlaufen?

von

Manchmal hat Christian Gramlich* Gott verflucht. Verflucht für das, was 1978 am Canisius-Kolleg geschah, verflucht für das, was danach kam.

Christian Gramlich, 46, kann noch heute Bilder abrufen in seinem Kopf. Er erinnert sich an die Sportkleidung der Schule, an grüne Turnhosen und Hemden mit dem Aufnäher „CK“. Er weiß noch, wie ihm das graue Schulgebäude, die ehemalige Repräsentanz der Firma Krupp, als Junge übergroß und mächtig erschien. Er sieht die Pop-Art-Farben vor sich, in denen die Zimmer der Burg bemalt waren. Burg, so nannten die Schüler das Nebengebäude auf dem Schulgelände, in dem sich die Jugendgruppen trafen. Hier hatte auch Pater Peter R. sein Büro, in das Gramlich regelmäßig gerufen wurde. Trotzdem hätte er lange nicht mehr sagen können, wie Pater R. und Wolfgang S. aussahen. Vor zwei Wochen kam die Erinnerung zurück. „Ist wieder da“, sagt er.

Gramlich, ein eher kleiner Mann mit schmaler Brille und grauer Schiebermütze, bekam am 28. Januar einen Anruf von seinem Bruder. Der sagte ihm, dass Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg öffentlich gemacht worden seien. Ein gewisser Schock sei das schon gewesen: „Die jahrelange Verdrängung und dann so ein Ausmaß.“ Er lässt es noch immer nicht ganz an sich heran. „Ich lese nicht alles, ich spreche nicht ständig darüber. Ich dosiere es, sonst haut mich das um.“

Es fing an als Berliner Schulproblem und breitete sich aus in die ganze Republik. Priester, die ihre Schüler missbraucht haben, Vorfälle aus den 70er und 80er Jahren. Erst war von sieben Opfern die Rede, dann von 15, am gestrigen Donnerstag schon von 120. Da hatte Ursula Raue, die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, dem Schulträger, zur Pressekonferenz geladen. Einen Zwischenbericht wollte sie abliefern. Wie viele Opfer es tatsächlich gibt, kann sie noch immer nicht sagen. Sie versinkt fast hinter den Mikrofonen, als sie von zwölf ihr bekannten Tätern bundesweit spricht.

Gramlichs Bruder war ebenfalls auf dem Canisius-Kolleg, er ist vier Jahre jünger, und eine der Schleusen, durch die der Ältere nun Informationen zulässt. „Mein Bruder ist bis zum Abi unbeschadet durchgekommen“, sagt Gramlich und lächelt. Er selbst fing in der fünften Klasse an der Schule an und flog nach der achten. „Relegiert hieß das“, sagt er, von einer der drei besten Schulen Berlins. Für seine Eltern, die Mutter Verwaltungsangestellte, der Vater in leitender Funktion beim Sender Freies Berlin, sei klar gewesen, dass er zur Elite gehören würde. „Die Erwartungen waren hoch“, sagt er. „Und dann: Katastrophe.“ Vielleicht hing die Relegation mit dem zusammen, was Peter R. und Wolfgang S. ihm antaten. Vielleicht nicht. „Damals habe ich das jedenfalls nicht miteinander in Verbindung gebracht“, sagt er.

Die erste Zeit am Canisius-Kolleg war nicht schlecht für Christian Gramlich. „Wir traten großkotzig auf“, sagt er – viele Väter in hohen Positionen in Wirtschaft und Politik, und die Söhne im Bewusstsein, etwas Besseres zu sein. Der Alltag jedoch war streng und rigide, geprägt durch Moralvorstellungen, „die in die 50er Jahre gehörten und nicht in die 70er.“ Sexualität? Tabu.

Dann waren da welche, die die gedrückte Atmosphäre auflockerten. Pater Peter R. trug Hosen mit Schlag und Koteletten, nicht, wie die meisten Jesuiten, schwarze Soutane. Einige durften ihn duzen, und wenn es nach der Klingel, die das Ende des Unterrichts einläutete, hinüberging zur Burg, hatte er Süßigkeiten parat und hin und wieder kleine Geschenke. „Meistens hingen wir dort einfach ab“, sagt Gramlich. Wie viele Schüler, die nicht in der Nähe des Kollegs wohnten, verbrachte er die meisten Nachmittage in der Burg.

Man nahm es hin, dass zu diesen Nachmittagen auch etwas gehörte, das die Jugendlichen „Seelen-Tüv“ getauft hatten, scherzhaft, ein wenig abwertend auch. Seelen-Tüv, das bedeutete Einzelgespräche, und wer hineingerufen wurde, wusste, was kam.

Wie oft onanierst du, fragte R., an was denkst du dabei? Unangenehm, natürlich, sagt Gramlich. Aber ohne zu wissen, dass falsch sein könnte, was da passierte, ließ man es über sich ergehen. „Es war ein offenes Geheimnis, was in den Einzelgesprächen abgefragt wurde“, sagt er. Das schlug sich auch nieder in der Interpretation des Autokennzeichens des Paters: „SJ“, das Ordenskürzel für „Societas Jesu“, stand bei den Schülern für „Seine Jungs“.

Der Termin, wie Gramlich ihn nennt, bei dem es nicht beim Gespräch blieb, ragt heraus aus den sich verwischenden Erinnerungen an die Male in R.s kleinem, unaufgeräumten Büro. „Ich gebe ihm nicht die Schuld daran, dass mein Leben wurde, wie es ist“, sagt er. Nämlich nicht wie das seines Bruders, den sie in Ruhe gelassen haben, der Schüler war, und nicht Objekt, der heute einen Doktortitel hat und Familie. Dagegen er: Single, Hartz IV. „Es wäre anders gekommen, hätte dieses eine Mal nicht stattgefunden.“

Dass es anders sein würde als sonst, hatte Gramlich nicht kommen sehen. Welche sexuellen Fantasien hast du, fragte R., damals Mitte 30. Und Gramlich, der Teenager von 15 Jahren, gestand ihm, dass er hin und wieder davon träume, Frauenkleider anzuziehen.

Heute, lange Jahre später, sieht Gramlich verlegen zur Seite und lacht, wenn er davon erzählt. Er dreht sich eine Zigarette, halbschwarzer Bison-Tabak, und zündet sie an. Pater R. habe geschockt reagiert, sagt er. Das sei des Teufels, habe er gesagt, das dürfe nicht passieren. Er verlangte von Gramlich, die Hose zu öffnen und die Vorhaut seines Geschlechtsteils zurückzuziehen. Er gab ihm Industriealkohol in die Hand, „den gab es damals in jedem Büro für die Matrizen“, sagt Gramlich. Er musste den Alkohol auf die frei liegende Eichel tröpfeln. Ein rasender Schmerz sei das gewesen.

„Danach habe ich dicht gemacht“, sagt Gramlich. Er ging auf Abstand zu dem Pater. Aber was passiert war, behielt er für sich. „Ich dachte lange, so etwas hat es nur mit mir gegeben“, sagt er. Schuldgefühle kamen dazu: Es war wohl des Teufels, von Frauenkleidern zu träumen. Er kapselte sich ab von den anderen, rebellierte gegen die Lehrer. Der Junge, dem immer alles zugeflogen war, bekam schulische Probleme. Das fiel einem anderen Lehrer auf: Wolfgang S. Der müsse gespürt haben, dass da was zu holen ist, sagt Gramlich. „Ich bin aus einem System raus- und direkt reingerutscht ins nächste.“

Wolfgang S., von dem heute bekannt ist, dass er Schüler prügelte, der von seinem Orden trotzdem nur versetzt wurde, bis nach Spanien und Chile, gab Gramlich gegenüber den Kumpel, wollte ihn fördern, half ihm beim Lernen – und verlangte Gegenleistungen. „Wir hatten einen klaren Deal“, sagt Gramlich, „der wurde mit Handschlag besiegelt. Pseudomäßig wie unter Männern.“

Gramlich traf S. in einem kleinen Zimmer unterm Dach des Schulgebäudes, einem Vorraum zu einer Kapelle. Er musste die Hose ausziehen, und S. schlug zu. Mit der Hand und mit dem Gürtel.

Am Ende der achten Klasse wurde Gramlich nahegelegt, zu gehen, wegen seiner schlechten Noten. Ob andere Gründe genannt wurden, weiß er nicht mehr. „Einerseits war ich so froh, dort weg zu sein“, sagt er. „Andererseits habe ich gelitten, weil ich die Ansprüche meiner Eltern nicht erfüllt hatte.“ Auch zu Hause, in einem eher distanzierten Verhältnis zu seinen Eltern, hat er damals nicht über die Ereignisse gesprochen.

Dann begann die Odyssee. Gramlich kam auf eine andere Berliner Oberschule und flog nach einem Jahr. Er kam auf ein Internat nach Westdeutschland und flog nach einem Jahr. Ein Internat in Langeoog folgte, „dort haben sie mir mein Abi gekauft“, sagt er. Auf der Nordseeinsel begann er zu trinken, „aber ich habe mich gut gefühlt und frei, ein paar Jahre war alles weg.“

Zurück in Berlin lernte er Werbekaufmann, „Ende der 80er, das war Boomtown.“ Er arbeitete als freiberuflicher Texter, nahm nahezu alle Drogen, die er bekam, suchte Ärger und fand ihn auch, ein paar Schlägereien, ein paar Gerichtsverfahren. Geld verdiente er bald mit Gelegenheitsjobs. Gramlich klingt trotzig, wenn er von dieser Zeit erzählt, das Tempo zu hoch, die Drogen zu viel. Bei wem sucht er Schuld? „Ich schiebe nicht alles darauf“, sagt er.

Nach einem Absturz wurde er in eine Klinik für psychosomatische Störungen eingewiesen. „Ich hab denen erzählt, was sie hören wollten“, sagt er. Und verschwiegen, was er nicht erzählen wollte. Im Lauf der Jahre brachte er dutzende Entzüge hinter sich, süchtig ist er bis heute, nach Zigaretten, Alkohol, Tabletten. Er zog nach Lüneburg, Göttingen, Hamburg, Frauen hinterher und auf der Flucht vor sich selbst. Seine Sexualität, auch sadomasochistische Fantasien, lebte er aus. Glücklich mit diesen Neigungen sei er nicht, sagt er.

Den Brief von Pater Klaus Mertes, dem derzeitigen Rektor des Canisius-Kollegs, hat er nicht bekommen, der ging nur an Abiturienten. Auch gemeldet hat er sich bisher nirgends. Weder bei Mertes noch bei einer der Anwältinnen. „Im Moment“, sagt er, „ist da nur eine große Leere.“ Was ihm Halt gibt, 32 Jahre, nachdem er das Kolleg verlassen hat, ist sein Glaube. „Ich habe meinen Frieden mit Gott gemacht“, sagt Gramlich. Nicht mit der Kirche.

*) Name geändert

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben