Berlin : Caroline Jule Scholz (Geb. 1990)

"Guten Abend miteinander, hier also mein erster Afri-Caro-Blog-Eintrag"

von

Hallo, ich bin Caro, 20 Jahre alt und frisch gebackene Abiturientin, was mich in die mehr oder weniger schöne Lage versetzt, einen neuen Lebensabschnitt zur völlig freien Gestaltung vor mir zu haben.“

So lautet der erste Blog-Eintrag von Caroline Scholz.

Wohin mit den Talenten? Ihr Abitur war sehr gut, sie war eine hervorragende Volleyballspielerin, und würde es Noten geben für Mut und trockenen Humor, hätte sie auch darin eine Eins bekommen.

Auf einer Messe, auf der Auslandsvolontariate für junge Freiwillige vorgestellt wurden, entdeckte sie nichts geringeres als Gottes Goldenen Acker. Er lag in Afrika. Nicht, dass sie besonders religiös gewesen wäre. Trotzdem war es genau das, wonach die Berlinerin aus Hohenschönhausen suchte.

Gottes Goldener Acker, kurz GGA, ist ein südafrikanisches Kinderdorf bei Durban, das Kinder aus ärmsten Verhältnissen beherbergt und betreut. Caroline hoffte, dort sowohl ihr Bedürfnis nach Abenteuer als auch das nach einer sinnvollen Tätigkeit miteinander vereinbaren zu können.

„Guten Abend miteinander, hier also mein erster richtiger Afri-Caro-Blog-Eintrag. Es sind noch 4 Tage bis zum meinem Abflug, langsam steigt die Aufregung, aber auch die Angst …“

Am 29. August bestieg sie das Flugzeug. Sie brauchte nicht lange, um sich zurechtzufinden.

„Sawubona! Umchani? Japilla. So geht das auf Zulu.“

Eine Aufgabe der Freiwilligen war es, bei der Hausaufgabenbetreuung zu helfen. Das klingt leicht, doch still sitzen und lernen erzeugt bei afrikanischen Kindern dasselbe Maß an Freude wie bei deutschen:

„Der Sonntag war dann von den Vorbereitungen für das Mathe-Examen in Beschlag genommen. D. und ich schnappten uns unsere vier Kinder und verfrachteten sie in einen ruhigen Raum in der Nähe der Bibliothek. Das lief relativ problemlos ab, nur A. musste ich durch ein Stück Schokolade locken. Da wir aber nur 2 Volontäre auf 4 Kinder waren, erhielten 2 Kinder immer keine Betreuung und beschwerten sich entweder lautstark darüber oder sangen, pfiffen, quatschten, rannten durch den Raum. Wie kann man das verhindern? Irgendwelche pädagogisch wertvollen Tipps?“

Trotzdem wollte Caroline größere Pflichten, mehr Verantwortung, eine tiefere Bindung. Sie bat darum, in der „Clinic“ mithelfen zu dürfen. Das hieß: Morgens um 5 Uhr 30 Medikamente austeilen. Eine Spezialnahrung für die HIV-infizierten und die unterernährten Kinder anrühren. Die Kinder zu Untersuchungen ins Krankenhaus begleiten:

„Im Krankenhaus saßen wir dann zwei Stunden lang vor einer falschen Tür, wie uns eine vorbeilaufende Krankenschwester informierte. Doch die Kinder waren immer noch bei guter Laune, ich hatte einer spontanen Eingebung folgend Buntstifte und etwas weißes Papier mitgenommen. Außerdem machten sich die Kinder einen Spaß daraus, alle 15 Minuten mit uns auf die Toilette zu gehen. Kaum war der eine zurück, ging der andere los. Und immer schön den Kindern hinterherrennen, denn ihre Freude wurde durch das Davonrennen vor uns ins Unendliche gesteigert. Wir hirschten also im Galopp durch das Hospital. Das muss ein schönes Bild abgegeben habe, wie zwei junge Weißbrote im Minutentakt zwei juchzenden kleinen schwarzen Kinder hinterher flitzen.

Außerdem hatte ich etwas Brot mit Käse eingesteckt, was die beiden ausgiebig zerfetzten und auf dem Krankenhausflur verteilten. Bei der anschließenden Blutabnahme wurde keine einzige Träne geheult, die Kids waren da schon wahre Profis. Alles reine Routine.“

So sehr Caroline die Kinder ins Herz schloss, mit ihnen in endloser Geduld Fangen und Verstecken spielte, den Schulstoff erklärte, ihnen vorlas, in Deutschland Geld, Kleider und Unterrichtsutensilien für sie sammelte, so sehr freute sie sich darauf, die Welt außerhalb des Goldenen Ackers kennenzulernen. Das Abenteuer. Zwar unternahmen die Freiwilligen an den Wochenenden Ausflüge in die nächstgelegenen Städte, doch das genügte ihr nicht. Sie wollte tiefer eintauchen in das Land.

Im Januar brach Heather, die Leiterin des Kinderdorfes, mit Caroline und neun anderen Freiwilligen zu einer dreiwöchigen Afrikareise auf. Zuvor wurde die Truppe bei einem Psychologen auf die Reise vorbereitet: „Ich wurde zum ,good ghost of the group‘ bestimmt, dass ich Kummerkasten sein und jedem, der schlechte Laune hat oder traurig ist, auf den Wecker gehen soll, bis er mir sagt, was los ist. Auch wurde jedem ein Mentor zugeteilt, der sich um das Wohlergehen seines Schützlings kümmern muss. Wenn es jemandem wirklich schlecht geht, muss man sich hoffentlich nicht erst seiner Mentorfunktion bewusst werden, um ihm zu Hilfe zu eilen … Also wirklich.“

Sie fuhren und fuhren. Rote Erde. Riesige Baobab-Bäume. Straßenräuber. Pfotenabdrücke eines Raubtieres nahe dem milchigen Wasser des Canyons, in dem sie gerade gebadet hatten. Big Daddy, die Wanderdüne. Knorrige, schwarze Bäume in einer weiß glimmenden Salzpfanne. Deutsche Zitronenkuchenmischung in den Geschäften der Wüste von Namibia. Inmitten der Wüste ein Schellenläuten, für das keine Ursache gefunden werden kann. Sand und Hitze. Rennende Giraffen. Eine Eule, die auch auf dem Hinterkopf ein Gesicht hat. Der Schlafsack, der getränkt ist vom Benzin des ausgelaufenen Kanisters. Lagerfeuer. Elefantenscheiße. Bier. Ein totes Nilpferd. An einem Gummiseil aus 30 Metern Höhe in einen reißenden Strom springen. Die Stimmgewalt der Gospelgesänge.

Caroline beschrieb die Schönheit der Menschen:

„Zwei alte Frauen, ihre tiefschwarzen Gesichter sind faltig vom Alter, sie sind in bunte Tücher gehüllt, rot, grün, gelb, braun. Als wir aus dem Fenster winken, blühen ihre faltigen Gesichter auf, sie lächeln eines der schönsten Lächeln, das ich je gesehen habe …“

Und sie beschrieb die Armut:

„An einer Petrolstation bat uns eine Gruppe von Straßenkindern um Geld und Essen. Erst mussten sie einen Vortrag Heathers über die Wichtigkeit der Schule, von Bildung und Familie über sich ergehen lassen, dann zog sie auf einmal ihre Haarschneidemaschine raus und wir sollten den Kindern den Kopf scheren ... Jetzt, gleich hier, an dieser Tankstelle. Fragt mich nicht, welche Weisheit dahinter steckte. Wir stöpselten unser Verlängerungskabel kurzerhand im Tankshop ein und fuhren auf den Parkplatz. Einige der Kinder hatten vom ewigen Regen, fehlender Seife und Handtüchern Schimmel auf dem Kopf. Nachdem der Rasierapparat durch das krause Haar rettungslos verstopft war, kamen wir Clinic-Worker zum Einsatz und versorgten die offenen Wunden, den Ausschlag und Pilze.“

Dann die Rückreise nach Südafrika. Johannisburg. „Man sah das Stadion der Fußball-WM letzten Jahres hell erleuchtet, und der Strand auf der anderen Seite der Bucht lag im Lichtschein der großen Stadt. Ein wenig Angst machte uns allerdings der Gesang im Busch und die hitzige Diskussion der dort lebenden Buschmänner. Es ist doch komisch. Vor einem die modernste Stadt Südafrikas, hinter einem die unverständlichen Gesänge und Beschwörungen der Eingeborenen.“

Übervoll von den Eindrücken war sie, ihr Blog wuchs und wuchs, jedes Detail schien es ihr wert, festgehalten zu werden, ein Beweis dafür, wie gut und richtig diese Reise war, ein Beweis für das Leben selbst.

Und trotzdem vermisste sie ihre Freunde, ihren Bruder, ihre Eltern, ihren Liebsten, sagte, dass sie jetzt erst den Wert von Freundschaft und Familie richtig zu schätzen wisse. Dass sie sich auf das baldige Heimkommen freue – aber auch auf die Rückkehr nach Afrika.

Jetzt wusste sie, in welche Richtung sie die nächsten Schritte lenken wollte: Sie wollte an der Universität von Bayreuth „Kultur und Gesellschaft Afrikas“ studieren.

Dann die kurze Reise nach Mosambik, wo sie mit anderen Freiwilligen eine Bekannte besuchen wollte. Am Morgen des 8. April der Autounfall in Swaziland, den Caroline nicht überlebte.

„Wenn ich einmal sterbe, möchte ich als Delphin wiedergeboren werden“, hatte sie einmal scherzend zu ihrem Freund gesagt. Ihm leuchtete das sofort ein: Er sah seine Caroline die Kapitäne der großen Schiffe ärgern, er sah sie Schiffbrüchige retten, und er sah sie zum eigenen Vergnügen Luftsprünge machen.

Die von ihr initiierten Aktionen zur Unterstützung der Kinder gehen weiter. Im Fenster ihres Kinderzimmers in Hohenschönhausen brennt eine Kerze. Anne Jelena Schulte

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